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NEW YORK / WIEN / Die Met im Kino: CARMEN

03.02.2019 | KRITIKEN, Oper

NEW YORK / WIEN / Die Met im Kino:
CARMEN von Georges Bizet
2.
Februar 2019

Es gibt die fünf großen Komponisten, die weitestgehend das Repertoire der Opernhäuser dieser Welt bestreiten – Mozart, Wagner, Verdi, Puccini und Strauss (und Rossini und Donizetti mischen auch mit). Und es gibt „Carmen“. Weltweit ohne Unterlass gespielt. Und ein Besetzungsproblem für die Titelrolle. Elina Garanca hat sie schon lange nicht mehr angerührt. Und die Opernwelt hat einen evidenten Mangel an spektakulären Mezzos. Anita Rachvelishvili kann nicht überall singen, also ist die Französin Clémentine Margaine ein wenig zur „Carmen vom Dienst“ geworden (wir hatten sie auch im September 2018 an der Staatsoper).

Das Met-Publikum weiß allerdings auch zu unterscheiden, wofür es sein Geld ausgibt – Met im Kino übertrug traditionell die letzte Vorstellung einer Serie, die am Nachmittag stattfindet (damit Europa am Abend zusehen kann). Und man nahm eine Menge leerer Sitze wahr…

In Wien würden wir es eine brave Repertoirevorstellung nennen, wobei die Inszenierung von Sir Richard Eyre diesmal nicht sonderlich überzeugt, obzwar sie natürlich solide am Werk entlang inszeniert ist. Vielleicht liegt es an der Ausstattung von Rob Howell, die drei Drehbühnenkreise benötigt und im Endergebnis (das auch noch mühselig umzubauen ist: im Kino bekommt man das ja gezeigt) eigentlich immer wie eine Theaterdekoration aus Pappe wirkt… Wenn sich ganz am Ende die Bühne von José, der die tote Carmen im Arm hält, noch wegdreht und man das Volk vor einem erlegten Stier stehen sieht, ist das von platter Vordergründigkeit. Da konnte man – zur Not – schon mehr damit anfangen, dass zu den Vorspielen (vor dem Beginn und nach der Pause) ein Liebespaar tanzte… Wie Carmen und José sahen sie nicht gerade aus, aber was Christopher Wheeldon da geschafften hatte, passte jedenfalls zur Musik.

Dirigiert hat Louis Langrée und das war jedenfalls ein Gewinn – ein Franzose mit leichtem Händchen für die Exaktheit der Musik (das Quintett im 2. Akt ein Meisterstück der Präzision), für Bizets stürmisches Voranstürmen, für die große Dramatik und die bittersüße Lyrik. Das zählte zu den dicken Pluspunkten der Vorstellung.

Die Französin Clémentine Margaine ist, seitdem sie die Rolle 2014 in ihrem Berliner Stammhaus kreieren durfte, wie gesagt die Carmen vom Dienst, weil es an den erstrangigen Damen mangelt. Keine Frage, dass sie die Rolle souverän singt (wenn sie auch gar keine sinnliche Tiefe hat) und dass sie weiß, was sie spielt. Aber sie ist doch in der Ausstrahlung immer weit eher Hausfrau als lebenszerstörende Verführerin. Gerade in dieser Rolle ist das Prickeln der Persönlichkeit eine unabdingbare Notwendigkeit, und daran fehlt es.

Der Abend brachte das Doppelpack Alagana / Kurzak, wobei man nicht ungerecht sein darf: Hier schleppt nicht, wie in andern Fällen, ein Spitzenstar ein Anhängsel mit sich, die hübsche Polin hätte auch so ihre Karriere gemacht, wenn auch vielleicht nicht in dieser Größenordnung. (Hat Alagna wirklich in der Pause gesagt, dass sie demnächst gemeinsam „Lohengrin“ machen? Kann sein, dass er Bayreuth abgesagt hat, weil man der Gattin Elsa nicht geben wollte… ? Eine gemeinsame „Butterfly“ klingt irgendwie einleuchtender.)

Roberto Alagna hat immer noch Metall in der Kehle, hingegen hatte die Stimme – zumindest an diesem Abend – keinerlei Schmelz und Lyrik zu bieten (die „Blumenarie“ würde es schon brauchen), und Anstrengung wurde immer wieder hörbar. Allerdings ist gerade sein Don José ein so überzeugendes Rollenporträt, dass Einwände schrumpfen. Nicht jeder liebt und leidet wie er, mordet so ungern und kann nicht anders – immer wieder ein tolles Erlebnis.

Aleksandra Kurzak ist vielleicht nicht ganz der übliche Typ für die Micaela, aber mit ihrer schon eher großen, ein bisschen fettig und in den Höhen leicht tremolierend klingenden Stimme richtet sie sich die Rolle ein – sie spielt ja auch nicht das sanfte, zarte Mädchen, sondern die ziemlich verzweifelt entschlossene Liebende (die am Anfang von den Soldaten Dinge über sich ergehen lassen muss, die heute als sexuelle Belästigung geahndet würden).

Die überzeugendste Erscheinung der Aufführung war der Russe Alexander Vinogradov (den wir in Wien nur ein einziges Mal im Gastspiel des Verdi-Requiems aus der Scala gehört haben), als Escamillo. Er ist wohl von seinem Repertoire her ein echter Baß, hat aber die Bariton-Höhen, die die Rolle erfordert. Erstaunlich, dass aus einem so schlanken Mann eine so große Stimme kommen kann (sehr „russisch“ in der Färbung übrigens) – und bemerkenswert, dass ihm beim Torerolied, das so viele große Kollegen gekillt hat, nicht einmal der Atem ausgeht. Er ist in dieser Inszenierung, die von den Kostümen her fast Gegenwarts-Alltag assoziieren lässt, nicht der große, auftrumpfende Macho-Star, sondern eher ein kühler, souveräner, erfolgsgewohnter Mann, der nur im vierten Akt, im kurzen Duett mit Carmen, Gefühle zeigt. Ein darstellerisches Understatement, das faszinierend wirkte. Stimmlich war er jedenfalls trotz der verhältnismäßig kleinen Rolle der König des Abends.

Da die Met nicht so freundlich ist, auf ihrer Website die Nebenrollen-Sänger zu nennen, kann man nur pauschal eine gute Gruppenleistung attestieren.

Was war es nun? Repertoire, würden wir sagen. Das ist nichts Schlechtes – im Alltag zahlt man ja auch nicht mit Goldstücken. Aber man weiß schon, wo eine Aufführung rangiert. Auf einer Skala von 10 – vielleicht bei 6?

Renate Wagner

 

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