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NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: BORIS GODUNOW

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Foto © Marty Sohl | Met Opera

NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: 
BORIS GODUNOW von Modest Mussorgsky
9. Oktober 2021

Wahrscheinlich wissen nur Fachleute sämtliche Fassungen von Modest Mussorgskys „Boris Godunow“ zu unterscheiden, Als die Metropolitan Opera in New York das Werk vor mehr als zehn Jahren, 2010, neu herausbrachte und Gergejew den Taktstock schwang, gab es jedenfalls noch einen Polen-Akt.

Nun bei der Wiederaufnahme hat man sich für das gewissermaßen schlichteste Original entschieden, zweieinviertel Stunden ohne Pause, selbstverständlich ohne Marina, selbstverständlich auch ohne den „Russen-Glanz“, den Bearbeiter Nikolai Rimski-Korsakow beigesteuert hat (und der stark zum Erfolg des Werkes beigetragen hat). Auf eine minimalistische Urfassung reduziert, werden Puristen sicher entzückt sein, während das „Normalpublikum“ möglicherweise meint, das hätte man schon schöner, spannender, interessanter gehört.

Tatsächlich hat der Met-Abend keinen besondern Reiz, was auch an der schlechtweg langweiligen Inszenierung von Stephen Wadsworth liegt, der aus der Geschichte keine  Funken schlägt. Er wiederum leidet unter dem Bühnenbild von Ferdinand Wögerbauer, das so minimalistisch nichtssagend ist, dass er die übliche Met-Garantie, es gäbe sicher etwas „Schönes“ zu sehen, glatt unterläuft. Die Kostüme der mittlerweile verstorbenen Moidele Bickel geben sich zwar „alt-russisch“, aber man hat schon Spektakuläreres gesehen. Kurz, das Ganze wirkt wie eine Spar-Fassung des Werks, das oft genug seine Show-Qualitäten entfaltet hat (was ja nicht grundlegend schlecht ist – Oper kann ja auch etwas zum Schauen bieten).

Bei so drögem Ambiente lag nun alles an den Sängern. René Pape in der Titelrolle war schon bei der Premiere mit dabei, und die New Yorker Kritiker versichern ihm, dass er immer besser würde. Tatsache ist, dass er natürlich keinen rauen, wilden, aufregenden slawischen Baß hat, sondern einen gepflegt-edlen deutschen, was schon nicht ideal ist. Dass er die Rolle ausschreitet, ist klar – von der Verstörung schon zu Beginn (schließlich ist er ein Mörder mit Gewissen) über die Unruhe, die er immer zeigt, nur bei seinen Kindern etwas lockerer wird, bis zu dem durchaus auf Sentimentalität hin zielenden Sterben. Fraglos ein erstklassiger Sänger – aber es gab Boris-Interpreten, die auf andere Art mitgerissen haben…

Was man übrigens von der ganzen Besetzung sagen kann, in der es auch aus Wien bekannte Namen gab. Ain Anger (ganz in Weiß, von langem Haupthaar bis zu langem Gewand) wirkte eher wie ein Zen-Mönch als wie ein Pimen, aber er orgelte edel, so weit es die Stimme noch hergibt. Ryan Speedo Green, der uns in Wien nie so richtig begeistert hat, gelang dieses (das Begeistern nämlich) beim New Yorker Publikum mit seinem Waarlam, den er Zappelphilipp-komödiantisch anlegte (und Tchinia Vaughn als Wirtin tat ihren Teil in dieser Szene, die szenisch so gar nichts hergab).

Sicher die interessanteste Besetzung war Maxim Paster als Fürst Schujskij, der auf den ersten Blick (aber nicht alle Dicken sind gemütlich!) gar nicht so gefährlich wirkte, aber dann auch mit schneidendem Tenor der geifernde Politiker wurde. In der wichtigen Rolle des Dimitrij reüssierte David Butt Philip kaum, dagegen spielte sich Miles Mykkanen als Gottesnarr immer wieder in den Vordergrund (aber wem das bei dieser Rolle nicht gelingt, der hat ohnedies seinen Beruf verfehlt). Aleksey Bogdanov als Schtschelkalow steuerte einen angenehmen, manchmal etwas forcierten Bariton bei.

Sehr schön gelang die Szene mit den Kindern, da fanden sich mit Erika Baikoff (Xenia), Megan Marino (Fjodor) und Eve Gigliotti (Amme) drei angenehme Stimmen zusammen.

„Boris Godunow“ ist natürlich eine Choroper, und wenn die Herrschaften des Metropolitan Opera Chorus auch nicht wirklich inspiriert geführt waren, ihren Ruhm als Klangkörper verdienten sie sich.

Dirigent Sebastian Weigle hatte am Pult des Metropolitan Opera Orchestra die Aufgabe, aus der schlichtesten Version der Oper so viel heraus zu holen wie möglich – ganz so glanzvoll, ganz so dramatisch konnte es ja doch nicht werden. Aber, wie gesagt, für Puristen sicher ideal.

Am Ende geht über der Leiche von Boris noch ein Zwischenvorhang auf, und da steht Schujskij erwartungsvoll neben dem leeren Thron. Er erinnerte dabei (auch wenn der Sänger viel fülliger war) an einen österreichischen Politiker am Sprung, aber schon in der Straßenbahn konnte man am Heimweg lesen, dass ihm jemand einen Strich durch die Rechnung gemacht hat…

Der Andrang im Village-Kino war so schwach gewesen, wie man es bei der „Met im Kino“ fast noch nie erlebt hat. Das Publikum in der wohl gefüllten originalen Metropolitan Opera jedoch spendete den Interpreten achtungsvollen Applaus.

Renate Wagner

 

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