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NEW YORK / WIEN Die Met im Kino: ADRIANA LECOUVREUER

13.01.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Foto: Metropolitan Opera

NEW YORK / WIEN Die Met im Kino:
ADRIANA LECOUVREUER von Francesco Cilea
12.
Jänner 2019

Ja, es war dieselbe Inszenierung, es waren dieselben beiden Hauptdarsteller – und trotzdem konnte man die „Adriana Lecouvreur“, der man ja nur selten begegnet, nach der Erfahrung an der Wiener Staatsoper gerne in der „Met“ wiedersehen. Die Produktion wirkte vielleicht noch dichter, spannender als einst. Oder liegt das einfach an der Kameraführung, die den Künstlern so nahe rückt, wie man sie auf seinem festen Platz im Opernhaus nie erleben kann?

Diese „Adriana“ also ist schönster Verismo, und man lobe gleich Gianandrea Noseda am Pult des New Yorker Orchesters: Der hat (wie bei uns Frederic Chaslin bei „Andrea Chenier“) wirklich differenziert gearbeitet, liebevoll, ließ die Dramatik knallen und die Liebeslyrik schmelzen und hatte noch Sinn für Feinheiten der Partitur, die man immer wieder wahrnahm. „Dienst am Werk“ nannte der Dirigent das im Pausengespräch mit Matthew Polenzani, der übrigens ein sehr steifer, wenig inspirierter Moderator war – die Damen machen das besser…

Über die „altmodische“ Inszenierung von David McVicar, die schon von London nach Wien kam (Weiterverwertung Barcelona und Paris, San Francisco und New York), haben sich die Kritiker und die progressiven Wiener Opernbesucher schon bei unserer Premiere (2014, damals noch mit Angela Gheorghiu und Massimo Giordano) den Mund zerrissen. Warum? Weil ein Werk, das im 18. Jahrhundert spielt, auch optisch in dieser Welt belassen wurde, weil kein „Regieeinfall“ die Geschichte stört, die nur das ist, was der Komponist geschaffen hat: ein Vehikel für vier außerordentliche Sänger, wobei vor allem der Zusammenstoß der Damen einer Konstellation wie Aida / Amneris nicht nachsteht, so viel Kraft steckt darin.

Also – die Geschichte der berühmten Schauspielerin, die sich in einen Sohn des Sachsenkönigs verliebt, auf den auch eine verheiratete Fürstin ein Auge geworfen hat. Eisenharter Kampf der Damen um einen schwankenden Tenorhelden, ein treuer Bariton, schließlich Mord an der Rivalin, an der Titelheldin, die eine der ausführlichsten Sterbeszenen der Opernliteratur abliefern darf. Einfach stark – und in McVicars Inszenierung, in die plüschigen Bühnenbilder von Charles Edwards und die opulenten Barockkostüme von Brigitte Reiffenstuel perfekt eingebettet. Auch so etwas muss möglich sein.

Anna Netrebko ist nicht nur auf der Höhe ihres Ruhmes, sondern auch auf jener ihrer gesanglichen und darstellerischen Möglichkeiten. Es irritiert zwar, dass ihre Mittellage so dunkel ist, dass sie eigentlich auch die Fürstin singen könnte (nur geht die noch ein Stückchen tiefer), aber noch brechen die Register nicht, noch gleitet sie mühelos in die noch immer strahlend sopranige höhere Mittellage, und sie erreicht jeden Spitzenton, ob im strahlenden Fortissimo, ob im Piano – und wenn die Stimme gelegentlich flackert, wird man das auch nicht negativ bewerten. Dass sie die großartige Schauspielerin ist, die sie spielen soll (Adrienne Couvreur (1692-1730) gab es wirklich, war ein Star der Comédie-Française, verehrt von Voltaire, und hatte tatsächlich eine Affäre mit Moritz von Sachsen), auch überzeugend gibt (in der Deklamationsszene im dritten Akt vor allem), wird noch von ihrem Liebesrasen und ihrer Todesszene übertroffen: Da bleibt einem die Luft weg.

Apropos Liebesrasen: Darin steht ihr die andere Dame um nichts nach. Anita Rachvelishvili, in New York andauernd als der neue Star proklamiert (auch Polenzani sprach sie in der Pause darauf an, dass immerhin Riccardo Muti sie zum derzeit besten Verdi-Mezzo erklärt habe), bringt es wirklich, auch wenn ihre Stimme jener der Netrebko (durch deren dunkel-dramatische Mittellage, und weil die Rachvelishvili eine machtvolle Höhe hat) manchmal zu sehr glich – aber in der Tiefe holt die Georgiern Wildes, Tolles hervor. Wenn diese beiden Damen gegeneinander um die Wette sangen, gnadenlos in der Lautstärke, dem Ausdruck, der Dramatik, dann war das Oper im besten, altmodischsten Diven-Look. Einfach prachtvoll.

Aber der Abend gewann auch durch die Herren. Piotr Beczała war spürbar besser in der Rolle des Maurizio als in Wien, wo ihm noch eine gewisse Steifheit anhaftete. Mittlerweile ist er viel lockerer und selbstverständlicher geworden, als fühlte er sich endlich wirklich wohl in seiner Haut und auf der Bühne. Tenorale Pracht mit Metallkern verschenkt er wie mit der linken Hand – und dass ein Liebhaber zwischen zwei starken Frauen einfach nicht weiß, was er machen soll, das wird ihm vielleicht mancher Mann nachfühlen.

Wir hatten in Wien in Robert Frontali einen sehr sympathischen Michonnet, aber erst Ambrogio Maestri zeigte (und nicht nur durch seine unübersehbare Größe und Fülle), was in der Rolle steckt – an enttäuschter Liebe, an Mitgefühl, an ewiger Loyalität, an menschlicher Wärme. Das war beeindruckend. Auch Maurizio Muraro als der schlecht gelaunte Fürst von Bouillon (Kunststück, wer wird schon gerne betrogen) und Carlo Bosi als schleimiger Abbé waren sehr präsent. Im Pausengespräch waren die beiden dem Kollegen Maestri überlegen, denn sie sprachen wenigstens rudimentär Englisch… Maestri singt in aller Welt und beschränkt sich auf seine Muttersprache. Er kann es sich leisten.

Alles in allem war es ein mitreißender Abend. Das Ganze war so wunderbar altmodisch, wie dergleichen nur sein kann, wenn man es wagt. Und es war auf seine Art herrlich.

Renate Wagner

 

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