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NEW YORK / Die Met im Kino: TOSCA

28.01.2018 | KRITIKEN, Oper

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NEW YORK / Die Met im Kino:
TOSCA von Giacomo Puccini
27.
Jänner 2018

Ein Operndirektor, dem für eine „Tosca“-Neuinszenierung die drei Hauptdarsteller und der Dirigent abhanden kommen, und das eher kurzfristig, braucht eiserne Nerven und sehr viel Glück. Peter Gelb hatte beides, als er an der Metropolitan Opera Opolais / Kaufmann / Terfel / Levine mit Yoncheva / Grigolo / Lucic und Emmanuel Villaume ersetzen und mit ihnen zwar keinen sensationellen, aber doch einen sehr guten Opernabend auf die Bühne stellen konnte.

Die letzte „Tosca“-Produktion des Hauses stammte wie erinnerlich von Luc Bondy (kein Vergnügen) und war den New Yorkern ein bisschen zu sehr „Regietheater“ gewesen. Man hat also bei den Briten David McVicar und vor allem bei dem Ausstatter John MacFarlane (wie man in einem Pausengespräch erfuhr) eine ausgesprochen „schöne“ Aufführung bestellt – und hat sie auch bekommen. Wobei geradezu grotesk ist, wie der 1. Akt (in der Kirche) der Wiener Wallmann-Inszenierung ähnelt, nur dass ein prächtiger Goldaltar im Hintergrund in der Mitte steht und Cavaradossi nur an einem kleinen Porträt, nicht an einer großen Leinwand arbeitet. Akt 2 ist dann wahrlich ein tiefer Riesenraum in einem Palazzo (der Palazzo Farnese soll es sein) mit riesigem Kamin im Hintergrund, ein bisschen sehr dunkel vielleicht. Und die Engelsburg? So üppig wie kaum je (und wenn man die Kleider der Titelheldin eigentlich nicht übertrieben gelungen fand, ist das vielleicht ein privater Einwand?). Keine Frage, da konnte man „Tosca“ im allerklassischsten Stil spielen.

Das heißt, dass man alles auf die Sänger setzt. Will man mit der beeindruckendsten Leistung des Abends beginnen, ist es allerdings nicht die (von der New Yorker Presse hoch gelobte) Titelheldin, sondern Vittorio Grigolo als Cavaradossi. Beim Pausengespräch (die sympathische Isabel Leonard, demnächst in Wien zu Gast, kann das noch nicht ganz so gut wie ihre routinierteren Kolleginnen) wurde ein Foto gezeigt – der 11jährige Vittorio als Hirte in „Tosca“, gelobt von seinem Cavaradossi Luciano Pavarotti, der ihm prophezeite, er würde einst auch diese Rolle singen. Und nun ist es so weit, mit 40 Jahren hat er es getan, und wenn er auch nicht über Pavarottis einmaliges Timbre verfügt (wer hat das schon?), so ist Grigolo doch ein exzellenter Vertreter der Rolle. Eine tragfähige, ausdauernde Stimme mit immer funktionierender Höhe („La vita mi costasse“, „Vittoria“), technisch belastbar, ausdrucksstark – was ihm als „exhibitionistischem“ Sänger auch schon den Tadel jener eingetragen hat, die reinen, sauberen Belcanto hören wollen. Aber Grigolo geht es um Gefühle und um Leidenschaften, er spielt sie nicht nur, er singt sie auch. Im 3. Akt jagt ein persönlicher sängerischer Höhepunkt den nächsten (ja, liegt in der Rolle, aber man muss es auch bringen).

Im übrigen ist Grigolo ein leidenschaftliches Bühnentier, und weil die Regie zu einer „jungen“ Tosca auch einen „jungen“ Cavaradossi wollte, ist er kein eleganter lyrischer Held, sondern wirft sich als dauer-küssender Liebhaber und leidenschaftlicher politischer Aktivist ins Geschehen. Darstellerisch ist er umwerfend im 3. Akt, wenn völlig klar wird, dass er Toscas Traum von der Rettung absolut nicht glauben kann und nur ihr zuliebe vorgibt, es gäbe eine Zukunft. Wie schon sein Hoffmann, sein Romeo an der Met, ist auch dieser Cavaradossi ein Energiebündel, wie es nur wenige Tenöre auf die Bühne bringen.

Sonya Yoncheva, die nun 36jährig ihre erste Tosca singt, konnte Regisseur David McVicar überzeugen, dass sie absolut keine Diva spielen will (es zeigt sich bald, wie sehr dieses Element der Figur fehlt), sondern nur eine liebende Frau. Das macht sie ein bisschen uninteressant, fast auch ein wenig ungelenk. Es ist zweifellos der Mangel an Erfahrung mit dieser Rolle, dass sie händeringend alles nur spielt, aber beileibe noch nicht ist. Wobei man ihr auch nicht ausreichend geholfen hat – das Finale des 2. Akt, der total glanzlose Abgang aus dem Zimmer, ist total vergeigt, so dass es danach statt Begeisterungsstürmen nur lahmen Applaus gab. Die Farbe ihrer Stimme erinnert in ihrer Dunkelheit an die Netrebko, tut sich aber mit der hohen Tessitura der Tosca nicht schwer, kann sie singen, singt sie gut, lässt allerdings in den höheren Lagen einen spürbaren Metallkern hören, der eher der Diva passen würde, die sie nicht spielt. Kurz, Sonya Yoncheva hat zur Tosca noch einen weiten Weg zurück zu legen.

Zeljko Lucic könnte von seiner Erscheinung her ein idealer Scarpia sein, ist es aber weder gesanglich noch darstellerisch. Der Bariton des 50jährigen flackert sich mit jedem Wechsel des Höhenregisters gewissermaßen in eine andere Stimmfarbe, was eher irritierend als interessant wirkt. Und die wahre Härte bringt er nicht. Gewiß, man wäre nach dem 1. Akt geneigt zu glauben, dass der Mann ziemlich besinnungslos in Tosca verliebt ist, aber wie geht es dann weiter mit allem, was er zu singen hat – mit der Brutalität und Skrupellosigkeit, die Text und Musik ihm geben? Wer noch den Zynismus, die Häme, das lustvolle Böse von Erwin Schrott im Gedächtnis hat, wird Lucic schlechtweg nicht wirklich überzeugend finden.

Von der Besetzung her nennt die Met nur noch Patrick Carfizzi als Mesner, der zwar nicht die Tiefe für die Rolle hat, aber in so vielen Details komisch sein darf, dass er im 1. Akt eine Menge Lacher bekommt. Seltsam, dass der Regisseur hier am spürbarsten wurde. Aber es gibt ja noch Leute, die meinen, der beste Regisseur sei der, den man gar nicht merkt – David McVicar gehört da wohl dazu. Mit anderen Darstellern fände wohl mehr „Tosca“ statt. Vielleicht im April, wenn Anna Netrebko, Marcelo Alvarez und Michael Volle in die Rollen schlüpfen? (Schade, dass die Met nicht eine dieser Vorstellungen überträgt!)

Nur anfangs gab es leise Missverständnisse zwischen Emmanuel Villaume am Dirigentenpult und der Bühne, nach und nach pendelte sich der Abend zu einer starken, ausgewogenen musikalischen Gesamtheit ein. Das New Yorker Publikum jubelte. Es hatte auch wirklich keinen Grund, sich zu beschweren.

Renate Wagner

P.S. Wer diesmal im Village-Kino im Saal 5 gelandet war, hatte den Schwarzen Peter gezogen. Die Untertitel kamen erst ab dem 2. Akt, aber auf die hätte man eher verzichten können – die Tonanlage war das größte Problem, sie erzeugte zwei Drittel des Abends Klänge wie aus einem alten Mono-Radio, und als man im 3. Akt offenbar an ein paar Knöpfen gedreht hatte, war der Klang zwar voller, aber nicht optimal. Nächstens vorher austesten, ein Soundcheck kann nicht schaden, wenn es schließlich um Oper geht…!