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Neues vom London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev

12.12.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

 

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Neues vom London Symphony Orchestra unter Valery Ge

LSO LIVE SA-CDs

Gergievs letzte LSO-Konzerte mit Rachmaninov, Balakirew, Bartók und Strawinsky

Vor der effektiven Wachablöse von Gergiev zu Rattle beim LSO kann der Hörer noch einmal in den saftigen und durchaus körperlichen Musizierstils Gergievs als Chefdirigent des großartigen London Symphony Orchesters eintauchen.

In der Tat stellt der Übergang von Gergiev zu Rattle nicht den denkmöglich größten stilistischen Bruch dar, das wären beispielsweise Currentzis oder Harding. Aber wie beim Anhören der zwei Alben (Rachmaninows Symphonie Nr. 1, Balakirews symphonische Dichtung Tamara live am 19.2.2015 in der Barbican Hall London aufgenommen, Strawinskys Feuervogel und Bartóks Suite aus dem „Wunderbaren Mandarin“ und sein 3. Klavierkonzert mit Yefim Bronfman als Solisten, aufgenommen live am 24.10.2015 im New Jersey Performing Arts Center von WQXR) ganz klar aufleuchtet, ist die Skelettierung des Klangs, anämische Streicher, das Neutralisieren der Orchesterfarben, das Sezieren der Motive und des thematischen Materials mit dem Skalpell, die besessene Arbeit am Detail und das extreme Vorantreiben der Musik bis zu Karikatur/Kakophonie Gergievs Sache definitiv nicht. 

Gergiev ist – wie viel wissen – ein „altmodischer“ Maestro, dem die Emotion, das Fleisch einer Komposition, die Aussage und der große Bogen mehr am Herzen liegen als das Düfteln am „Orginalklang“ oder die „Mikroskopierung“ des musikalischen Blicks. Seine Kritiker monieren bisweilen nicht zu Unrecht sein pauschales Herangehen an die Musik, seinen Widerwillen gegen Proben (Knappertsbusch schau „oba“) und den wilden ungezügelten Parforceritt durch die gesamte musikalische Literatur. Hierin und in seiner unerschöpflichen Energie scheint er Placido Domingo, beide „Renaissance-Künstlerpersönlichkeiten“, nicht unähnlich. 

Auf der anderen Seite ist Valery Gergiev immer mit Herz und Seele bei der Sache, ein passionierter Musiker in jeder Faser seines Wesens und lässt dem Augenblick sein Recht und die Musik manchmal prächtig aufrauschen ohne Rücksicht auf Verluste. Russische Melodien dürfen bei Gergiev ausschwingen, den inneren Nerv der Dramatik einer Komposition trifft Gergiev schlafwandlerisch. Für die Musiker bietet das Gelegenheit zu gewagten interpretatorischen Abenteuern und freierer Entfaltung aus dem Moment heraus, weswegen dem Konzertbesucher bei einem Gergiev Konzert kaum je langweilig werden wird. Besonders erwähnen möchte ich noch die herausragende Leistung von Yefim Bronfman als Solist des dritten Bartók‘schen Klavierkonzertes und dass mit der ersten Rachmaninov Symphony nun alle Symphonien des russischen Meisters mit dem LSO unter Gergiev erhältlich sind.

Die beiden Alben sind mit High Density Technik aufgenommen, das vorletzte Konzert Gergievs als Chefdirigent  mit dem LSO (Strawinsky, Bartók) liegt als SA-CD und alternativ als pure Audio Blu-ray vor.

Redaktionelle Anmerkung: Diese Besprechung ist auch Hommage an die kürzlich verstorbene Chefredakteurin des Online Merker für Tonträger, Frau Dorothea Zweipfennig, die den Musizierstil Valery Gergievs über alles geschätzt hat. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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