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Neil MacGregor: SHAKESPEARES RUHELOSE WELT

25.06.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  MacGregor, Shakespeares ruhelose Welt

Neil MacGregor: 
SHAKESPEARES RUHELOSE WELT
352 Seiten; Verlag C. H. Beck, 2013

Wollte man nach dem berühmtesten Opernkomponisten der Welt fragen, gäbe es wohl verschiedene Antworten, und Mozart, Verdi und Wagner würden um den Rang streiten. Fragt man nach „dem“ Dramatiker der Weltliteratur, so gibt es wohl nur eine Antwort: William Shakespeare. Keiner in der überreichen Theaterlandschaft der Welt ist auch nur annähernd mit ihm zu vergleichen. Die Nachwelt hat entschieden, dass seine Stücke auf unseren Bühnen so präsent sind wie die keines anderen Autors, keines „alten“ und keines Zeitgenossen. Shakespeare ist die Antwort auf unendlich viele Menschheitsfragen.

1616 ist er gestorben, die runde Zahl des 400. Todestages rückt Shakespeare wieder in das Zentrum des Interesses. Wobei alle, die von ihm fasziniert sind, vermutlich der – unbeantworteten, unbeantwortbaren – Frage müde geworden sind, ob Shakespeare auch „Shakespeare“ war, sprich: Ob der Schauspieler des „Globe“ diese Stücke verfasst hat oder nur als Strohmann für einen Adeligen, für einen Kollegen, für was oder wen immer gedient haben mag. Andere Gesichtspunkte mögen interessanter sein, zumal, wenn sie noch nicht so tausendfach ausgelaugt wurden. Einen Blick, wie Neil McGregor ihn auf „Shakespeares ruhelose Welt“ wirft.

Ein Wort zum Autor, ein Schotte, Kunsthistoriker, in England als Direktor erst der Nationalgalerie, dann des Britischen Museums ebenso eine Größe wie durch seine BBC-Beiträge. Deutschland ist er näher gerückt, weil der Siebzigjährige nun das Berliner Humboldtforum leitet. Sein Shakespeare-Buch erschien 2012, im Jahr darauf brachte der Beck-Verlag die deutsche Ausgabe, die nun, zum 400. Todestag, wieder in allen Buchhandlungen liegt und sicher einen der bemerkenswertesten Beiträge zu Shakespeare darstellt – abgesehen davon, dass man hier ein durchgehend mit Dokumenten bestücktes „Bilderbuch“ von dessen Epoche in der Hand hält.

Die biographischen und vor allem die literaturhistorischen Zugänge zu Shakespeare waren zahlreich, letztere für „Normalleser“ in ihren verklausulierten Interpretationen oft ermüdend. MacGregor bedient das zeitgemäße Interesse unserer Epoche, Menschen aus ihren Zeiten heraus zu begreifen – und zu zeigen, wie dieser William Shakespeare auf diese seine Welt in seinem Werk „geantwortet“ hat. Die Ergebnisse, viele reale (im Buch bildlich hingestellte) „Dinge“ nach ihrem Aussagewert für Shakespeare zu befragen, sind verblüffend.

Shakespeare wurde 1564 geboren. Damals regierte bereits seit 1558 Queen Elizabeth I., sie wird 1603 sterben, Shakespeare und seine Landsleute also gewissermaßen ihr Leben lang begleiten. Wenn auch nicht so extrem langlebig wie später Queen Victoria, prägte sie ihr Zeitalter in ungeheurem Ausmaße – und Shakespeare schrieb es in seine Stücke ein. Die zahllosen Beispiele, die MacGregor anführt, machen sie – oft von der Nachwelt aus Unwissenheit unerkannt – zu einem Reiseführer durch die Alltagswelt des Elisabethanischen England.

Theater – es fand am Nachmittag statt, weil man keine Beleuchtung hatte – zählte zur Belustigung des einfachen Volkes, längst nicht mehr des Adels allein. Dieses Volk, das ebenso zu Hinrichtungen ging und in dessen Welt Folter selbstverständlich war (das erklärt die vielen schauerlich brutalen Szenen in Shakespeares Stücken, wo mehr abgeschlagene Köpfe vorkommen, als man sich bewusst ist), wird nun vom Autor befragt – wie wusste es beispielsweise, wie spät es ist, in einer Welt, wo Taschenuhren nur für die Reichsten da waren? (Die Kirchenglocken schlugen im Viertelstundentakt.) Was hat es gegessen? Die Archäologie förderte rund um alte Theaterbauten eine Menge Reste von Nüssen, von Früchten hervor – man knabberte also teilweise dasselbe wie heute, nur waren damals Austern, Muscheln und Schnecken offenbar keine Luxusgüter. Kartoffel hingegen schon. Man lernt bei Shakespeare, welch große Rolle das Essen spielte, und wenn Falstaff von sich sagen kann, er äße Kartoffel, konnte er sich das Allerneueste, das damals noch völlig Exotische leisten…

Wer waren die Menschen damals? Mützenträger – und jede Mütze kennzeichnete den Mann, der darunter steckte. Ein soziales Leitsystem, das heute verloren gegangen ist. Wenn Hamlet keine Mütze trägt, charakterisiert es ihn als „verrückt“… Es waren Menschen übrigens, die fest an Magie glaubten – für sie waren die Hexen in „Macbeth“ nicht Theaterfiguren, sie hielten dergleichen absolut für möglich. Prospero, der Magier bei Shakespeare – war er von jenem John Dee inspiriert, den die blutige Maria wegen schwarzer Magie hinrichten lassen wollte und der bei ihrer Schwester Elizabeth zum Hofastrologen wurde?

Klar machen muss man sich auch, in welch gefährlichen und  „ungesunden“ Umständen man im 16. / 17. Jahrhundert lebte – Raufhändel auf der Straße, von bewaffneten Bürgern in Zusammenstößen ausgetragen, konnten eventuell tödlich enden (Fechtszenen sind in Shakespeares Stücken häufig). Sicher tödlich war die Pest, die als Epidemie zweimal über Shakespeares Zeitalter hinzog – in seinem Geburtsjahr 1564 starb in seiner Heimatstadt Stratford ein Viertel der Bevölkerung daran. Und als Jakob I. 1603 die Regentschaft antrat, brach eine neue Pestepidemie aus. Mancher Hinweis in Shakespeares Stücken ist auf diese Bedrohung hin zu lesen. Und „Die Pest über eure Häuser“, die der sterbende Mercutio in „Romeo und Julia“ herabwünscht – das war ein gewaltiger, damals sehr realer und nicht metaphorischer  Fluch.

In diesem Elizabethanischen England hatte man das Tor zur Welt aufgestoßen. Sir Francis Drake ist 1580 rund um die Erde gesegelt, und wenn es im Sommernachtstraum heißt, Schneller als die Monde kreisen, Können wir die Erd’ umreisen,  dann wusste das Publikum, worauf angespielt wurde. Und  ist es ein Zufall, dass Shakespeares Theater den Namen „Globe“ erhielt? (Die anderen hießen „The Curtain“, The Theatre“, „The Rose“) Die Welt war offen. Nicht von ungefähr kommt im „Kaufmann von Venedig“ ein „Prinz von Marokko“ vor – England hatte mit Marokko einen Handelsvertrag, bezog von dort Gold (für die englischen Münzen) und Salpeter (für die Schusswaffen…).

Auch war Elizabeth I. selbst ein ewiges Thema für ihre Untertanen, „The Virgin Queen“, die sich weigerte, zu heiraten und Nachwuchs zu produzieren, was nachgerade zu einer so heiklen Frage wurde, dass die öffentliche Erörterung darüber verboten (!) war: Der „Treasons Act“ von 1571 erklärte es gar zum Hochverrat. Shakespeare allerdings zeigte in den „Rosenkriegen“ viele, viele Versionen von Nachfolge-Chaos auf, die sein Publikum wohl verständnisinnig betrachtet hat. Abgesehen davon, dass man hier – gelesen wurde ja im allgemeinen von den einfachen Leuten nicht – gerne die Gelegenheit ergriff, sich über die Geschichte des eigenen Landes zu informieren. Je glorreicher (siehe in der Person von Henry V.), desto besser.

Und nicht nur Geschichte lernten die Theaterbesucher bei Shakespeare, sie lernten auch fremde Länder kennen – wie oft hat er sie nicht nach Italien mitgenommen, sogar ins Alte Rom. Und er zeigte ihnen Menschen, die sie wohl nie gesehen hatten, wie Othello, den Mohren… Ins Theater zu gehen, hieß offenbar, in Wunderwelten einzutreten und seinen Horizont erheblich zu erweitern.

Ebenfalls eng mit Königin Elizabeth verbunden war das Religionsproblem. Ihr Vater Heinrich VIII. hatte die Church of England und damit eine Form des Protestantismus etabliert, ihre Schwester Maria („Bloody Mary“) danach den Katholizismus zurückgeholt, Elizabeth ging erneut zur Religion des Vaters zurück –heftige, schnelle Wechsel, zu denen der Autor meint, viele Menschen mögen sich gefragt haben, ob ihre Herrschaft lange genug dauern würde, dass es sich lohnte, erneut zu konvertieren…

Das Problem war aber dringlich, der Katholizismus wurde in der Ära Elizabeth entschlossen entfernt, aber der katholische „Untergrund“ war stark, und ein ganzes Kapitel handelt davon, dass reisende Hausierer verdächtig waren, weil in ihren Lumpen oft Priester steckten, die sich so weiter bewegten und ihre Propaganda verbreiteten. Die Menschen in Shakespeares Zeit allerdings mussten sich mit jeder Menge von Wandel – in Weltbetrachtung und Weltanschauung – zurecht finden.

Das England Elizabeths hatte bereits seine heftigen Probleme mit den Iren, desgleichen mit den schottischen Nachbarn – dass der Sohn jener Maria Stuart, die Elizabeth hatte hinrichten lassen, ihr 1603 auf den Thron folgte, mag wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheinen. Besser noch – es ging gut aus. Der König, der aus Schottland kam, schuf nun (aus England, Schottland, Irland, Wales) jenes „Großbritannien“, das seither eine Weltmacht war (und nun, nach „Brexit“, Gefahr läuft, 400 Jahre später auseinander zu brechen… aber das steht noch nicht in diesem Buch).

Die Überlegungen von Neil MacGregor enden, wie auch anders, mit dem Tod, der uns bei Shakespeare ununterbrochen begegnet, und stellt in der Folge die unvermeidliche Frage, wie es zu seiner „Unsterblichkeit“ kam. Zweifellos hat die Herausgabe seiner sämtlichen Werke in einem Band, dem „Folio“, 1622 viel dazu beigetragen, viele Stücke wären ohne diesen Druck verloren gegangen. Das Buch wurde zu einer Bibel der Theaterleute zu allen Zeiten. Löst das das Rätsel, dass einer, der so sehr mit seinen Zeitgenossen sprach und seine ureigenste Welt reflektierte, dennoch uneingeschränkt darüber hinaus leben konnte? Er ging eben immer auch über seine Zeit hinaus, drang zum Grundsätzlichen, zum allzeit Gültigen vor  – die Formulierung „Shakespeare ist immer unser Zeitgenosse“ wird auch durch ein Buch bestätigt, das ihn so großartig in seine Zeit hinein stellt.

Renate Wagner

 

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