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MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater im Cuvilliestheater: DON PASQUALE

28.10.2012 | KRITIKEN, Oper

MÜNCHEN, Gärtnerplatztheater im Cuvilliéstheater, Gaetano Donizetti, „DON PASQUALE“, 27.10.2012, NI, 2. Vorstellung


Franz Hawlata als Don Pasquale, Mathias Hausmann als Malatesta, Ute Walther als Assistentin. Foto: Christian Zach

„Patsch!“ Norinas Ohrfeige saß und sie greift sich erschrocken an den Mund, während Pasquale überrascht und wie gebrochen ob solcher Niedertracht seines jungen Weibes auf die Knie fällt. Spätestens bei dieser Szene wird klar, dass BRIGITTE FASSBAENDER bei ihrem Münchner Regiedebüt Donizettis opera buffa nicht nur als heitere Komödie, sondern auch als bitterböses Spiel versteht. Ein Spiel, bei dem ein gut erhaltener „best ager“ es noch einmal wissen will und sich deshalb von seinem Zahnarzt (!!) Dr. Malatesta eine unschuldige junge Maid zuführen lässt. Die Anbahnungsgespräche werden in Malatestas Praxis geführt, während dessen Assistentin mit allerlei zahnmedizinischen Instrumenten an Pasquales Mund herumwerkelt (und der Zuschauer sich bang fragt, ob nicht doch einmal eine Zange größeren Schaden anrichten wird….). Norina ist eine moderne junge Frau, die noch im Schlafanzug bei ihrer Auftrittsarie schwungvolle Morgengymnastik treibt und offenbar nichts dabei findet, Malatesta in ihrem Schlafzimmer zu empfangen. Dieser darf ihr galant (und auch vertraut?) in den Morgenmantel helfen. Beider Intrigengespinst führt zur bekannten Vorstellungsszene bei Pasquale, dem beim Anblick der „scheuen Klosterschülerin“ sichtlich das Wasser im Mund zusammenläuft und der nun ebenso begeistert wie naiv seiner Zukünftigen Geld und Gut und die absolute Schlüsselgewalt vermacht. Tja, so geht es manchmal, wenn reifere Herren noch nach jugendlichen Myrtenkränzen greifen. Doch bei aller Komik schimmert auch Nachdenkliches durch. Denn eigentlich wird hier einem treuherzigen älteren Herrn von seinem Vertrauten und später auch von seinem Verwandten übel mitgespielt und Norina sollte vor dem Ja-Wort an Ernesto vielleicht fragen, ob ein solcher Charakter sich unbedingt als Ehemann empfiehlt. Dass Malatesta mit dem erschütterten Pasquale die vermeintlich untreue Gattin bei deren Stelldichein belauscht, ist nur vordergründig witzig und wenn der Düpierte sich schließlich ins Bett (in welchem soeben Ernesto und Norina noch aktiv waren) flüchtet und nur noch die Decke über den Kopf zieht, weil er von all dem Gewese genug hat und nichts mehr versteht, erweckt eher Mitleid beim Zuschauer als lautes Lachen.

Es sind die eher leisen Töne hinter dem vordergründigen Spaß, das Doppelbödige (wenn bei Ernestos Klagelied ein schwarzer Trauerzug mit einem roten Herz auf der Bahre vorbeizieht oder der Chor als weiße Engelchen mit Flügeln und laubbekränztem Haupt wie in einem altmeisterlichen Gemälde um Pasquales Bett kniet) die Fassbaenders Inszenierung so rundum gelungen machen. Als Zuschauer bleibt man bis zum letzten Moment gefangen, unterhält sich ausgezeichnet und geht ein wenig nachdenklich heim.

Vorzüglich ergänzt wurde solch genaues Kammerspiel durch die klare und kahle Bühne (dunkelblaue Wände, ein hereingeschobenes Bett, ein großes Sofa) und die ansehnlichen, beziehungsreichen Kostüme von BETTINA MUNZER.

Auch das musikalische und darstellerische Niveau war bemerkenswert: FRANZ HAWLATA als anrührender Tolpatsch Pasquale, MATHIAS HAUSMANN als verführerischer Intrigant Malatesta mit kernigem Bariton, BOGDAN MINAI als mit strahlender Höhe und tenoralem Schmelz beglückender Ernesto und die fabelhafte ANJA-NINA BAHRMANN als Norina, die mit geschmeidigem leuchtendem Sopran Liebhaber und Intriganten dominiert.

MARCO COMIN agierte am Pult des vorzüglich aufspielenden GÄRTNERPLATZORCHESTERS mit federndem Brio und bereitete den Sängern einen wunderbaren Klangteppich, ohne sie durch unnötige Lautstärke zu behindern.

Eine gute Idee ist das durchlaufende Abspielen eines Videos an Bildschirmen im Atriumfoyer: Dirigent und Regisseurin erzählen etwas über Werk und Regie und man erhält so ganz ohne feste Zeit und fixen Raum eine kleine Einführung.

 Fazit nach „Im weißen Rössl“ und „Don Pasquale“: Wenn die neue Intendanz das Niveau dieser ersten beiden Produktionen auch in der weiteren Spielzeit halten kann, dann darf sich das Münchner Publikum freuen und wird sicher gern die Fahrt zu den wechselnden Spielstätten in der Stadt unternehmen.

 Jakobine Kempkens

 

 

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