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MÜNSTER: JOSEPH SÜSS – überwältigendes Musiktheater von Detlev Glanert. Premiere

08.02.2015 | Allgemein, Oper

Theater Münster  Detlev Glanert  Joseph Süss –  überwältigendes Musiktheater. Premiere 7. Februar 2015

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Foto: Oliver Berg

 Der Titel des Finanzrats verrät bei weitem nicht den Einfluß, den der Jude Josef Süss Oppenheimer im 18. Jahrhundert am Hof des Herzogs Karl Alexander von Württemberg ausübte. Da der Herzog vor allem Kriegsspiele und sexuelle Abenteuer liebte, besorgte Süss auch durch rücksichtslose Besteuerung wie ein Regierungschef  die dafür notwendigen Mittel und wurde dabei  selbst ein reicher aber  vom Volk gehaßter Höfling. Er führte dem Herzog junge Frauen zu, so die Tochter Magdalena des Politikers Weissensee,  die Süss danach selbst liebte. Dieser Weissensee zeigte aus Rache dem Herzog das Versteck von Süss‘  Tochter, die vom Herzog vergewaltigt und von seinem Gefolge erschlagen wurde. Auf seinen Rat hin  stimmte der machthungrige Herzog  einem Staatsstreich zu, mit dem er als absoluter katholischer Monarch über die zwangsweise katholisch bekehrten Württemberger herrschen sollte.  Das Scheitern dieses Plans war  Grund für einen Schlaganfall  des Herzogs. Weissensee schob alle Schuld auf den Rivalen Süss. Nach einem zweifelhaften Gerichtsverfahren wurde dieser letztlich vor allem als Jude zum Tod am Galgen verurteilt und hingerichtet.

Angelehnt an den Roman von Lion Feuchtwanger  schrieb der Komponist Detlev Glanert auf einen Text von Werner Fritsch und Uta Ackermann eine gut eineinhalb Stunden dauernde Oper.  Das Libretto verarbeitet auch biblische Traditionen, etwas zu Beginn und zum Schluß die häufige Erwähnung der „gespaltenen“ Zunge als Ausdrucksmittel für Hass und Lüge.  Die Uraufführung fand 1999 in Bremen statt, übrigens unter der Musikalischen Leitung von Rainer Mühlbach, dem späteren GMD In Münster.

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Foto: Oliver Berg

Unter der Intendanz von Ulrich Peters am Staatstheater am Gärtnerplatz in  München wurde die Oper dort in der Inszenierung von Guy Montavon aufgeführt, die dieser als dortiger Intendant dann nach Erfurt übernahm und als deren Endstation Ulrich Peters sie jetzt nach Münster holte, wo am vergangenen Samstag  unter der musikalischen Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg die Premiere stattfand.

Die Oper spielte im Kerker, passend begrenzt mit Wänden aus Goldbarren, wo der gefangene Süss wie einen filmischen Albtraum Szenen seines Lebens nacherlebte ( Bühne und Kostüme Peter Sykora). Als einzige trugen Süss und seine Tochter Naemi farbige Kostüme, Süss  in rot, seine geliebte Magdalena zumindest pastellfarbig. alle anderen Mitwirkenden waren in schemenhafte schwarz-grau-weisse übertriebene Barockkostüme gekleidet.

Daß nicht nur ein individuelles Schicksal dargestellt werden sollte, bewies die Inszenierung bereits vor Beginn der Handlung durch aufgestellte  Transparente „Juden sind in unseren deutschen Wäldern nicht erwünscht“ Mit  diesen Transparenten wurde später die Leiche von Süss`Tochter zugedeckt. Ohne diese Zutat hätte die Oper gleich eindrucksvoll gewirkt.

Die dreizehn Szenen zeigten spiegelbildlich Aufstieg und Untergang von Süss –  spielend ausser im Kerker im Schloß des Herzogs, im „Waldhaus“ wo Süss seine Tochter mit dem orthodox-jüdischen „Magus“ als Erzieher versteckt, und  in zwei palastartigen „Stadthäusern“  – die Drehbühne ermöglichte  schnellen Ortswechsel.

Passend zur Zeit, in der die Oper spielt, bezeichnete Detlev Glanert seine Partitur als „selbst erdachte Barockmusik von heute aus gesehen“ So konnte man  barocke Gesangs- und Orchesterformen entdecken, auch deshalb, weil alle Mitwirkenden auf hohem Niveau sangen und spielten. Das gilt natürlich vor allem für Gary Martin in der Titelpartie, ununterbrochen auf der Bühne, der sowohl dem ehrgeizigen Opportunisten, dem liebenden Aussenseiter als auch dem gegen Ende immer mehr überzeugten Juden  mit flexiblem Bariton Ausdruck verlieh, letzteres mit dem mehrmals entschiedenen „Nein“ zur Möglichkeit , sein Leben zu retten durch Flucht oder Bekehrung zum Christentum. Gregor Dalal sang mit durchdringendem Bass den brutalen Herzog Karl Alexander, brutal gegenüber den begehrten Frauen, brutal auch gegenüber dem unterdrückten Volk, das er als buchstäblich zum (katholischen) Kreuz knien ließ. Da er im Gegensatz zum Roman nicht stirbt, konnte er vom Schlaganfall getroffen bei Süss im Gefängnis noch Wortfetzen stammeln   und ihn mit „Judas verrecke“ anschreien. Youn-Seong Shim in der Partie des Karriere-geilen und schmierigen Politikers Weissensee ließ sich erkältet ansagen, wäre nicht nötig gewesen. Sein Tenor war immer sauber geführt und klang fast zu glatt, gleich ob er, um Magistralrat zu werden, dem Herzog seine Tochter überließ oder er Süss ins Verderben stürzte. Solche scheinbare Harmlosigkeit ist in der Politik  bekanntlich am schlimmsten. Als seine Tochter Magdalene konnte Henrike Jacob mit lupenreinem Sopran ihrem Ausgestossensein nach der Vergewaltigung und danach  der liebenden Annäherung an den ebenfalls ausgestossenen Süss Ausdurck verleihen. Wunderbar lyrisch sang Lisa Wedekind als Süss`Tochter Naemi die Lektionen aus dem alten Testament, die ihr der Erzieher Magus vorbetete,  als orthodoxer Jude dargestellt von Juan Fernando Gutiérrez.  Ergreifend sein vergebliches Bemühen, Süss vor dem opportunistischen Weg nach oben und Fall nach unten zu warnen. Ein besonderes Lob gebührt Eva Bauchmüller als Koloraturen zwitschernde dekadente Opernsängerin Graziella, stimmlich das dreigestrichene C erreichend, wie sie selbst von sich prahlt.

 Grosses leisteten auch Chor und Extrachor in der Einstudierung von Inna Batyuk,  besonders wenn sie gegen Ende zuerst zischend dann schreiend den Finanzrat als „Finanzratte“ diffamierten und immer lauter den Tod des Juden forderten. Dies übertrugen sie dann gleich auf die von Süss schwangere Magdalena und schrien sie als „Judenhure“ an – hier wurden nicht Menschen sondern eine „Rasse“ verfolgt.

Glanerts Partitur klang farbig, manchmal auch scharf, deckte die Sänger nie zu. Durchgehend hörte man in den Gefängnisszenen immer schneller werdendes Tropfen und mit Paukenschlägen sich schliessende Tore. Glanert verzichtet auf eine Anzahl üblicher Instrumente, wie zweite Geigen, Hörner, auch Holzbläser, im Andenken an die Berufsverbote für Juden ab 1934, die manche Orchester wegen fehlender Musiker stark behinderten. Das ersetzt er durch exotisches Schlagzeug wie Tam-tams, Holzblock, Gongs, zwei Orgeln, Klavier und Cembalo, letzteres solo zur Begleitung einer Arie der Opernsängerin. Wunderbar zart instrumentiert und mit arioser Stimmführung klang etwa ein Terzett zwischen Süss im Gefängnis und den Stimmen von Tochter Naemi und dem Magus hinter der Bühne. Dies alles ließ das Sinfonieorchester Münster unter Leitung von Schmid-Kapfenburg perfekt hörbar werden, auch die Abstimmung zwischen Orchester und Bühne klappte. Wenn in seinem nach riesiger klanglicher Steigerung solo vor der Hinrichtung gesungenen Schlußmonolog der Jude Süss schon im roten Käfig hoch oben schwebend mit den Worten „Herr! ich zerbreche deinen Regenbogen“ praktisch den Bund zwischen Jahwe und Israel aufkündigte, zielte das weit über Musiktheater hinaus zur bis heute unbeantwortet gebliebenen Frage, wie ein dieser Jahwe für sein auserwähltes Volk Auschwitz zulassen konnte.

Nach anfänglicher verständlicher Betroffenheit reagierte das Publikum im fast ausverkauften Haus mit langem Beifall und Bravos für alle Mitwirkenden, besonders natürlich für den anwesenden Komponisten DETLEV GLANERT:

 Es gibt nur wenige Vorstellungen im Februar und März 2015. Jeder Opernfreund sollte diese seit langem beste Musiktheater-Produktion in Münster besuchen!

 Sigi Brockmann  9. Februar 2015

 

 

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