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MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater: FAUST-SINFONIE von Franz Liszt


„Sinfonische Lyrik“, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit Chefdirigent Anthony Bramall

© Christian POGO ZACH

 

München: Gärtnerplatztheater 19.7. 2019 – „Sinfonische Lyrik“

Franz Liszt, „Faust-Sinfonie“
Mit Texten von Christopher Marlowe, Nikolaus Lenau, Karl von Gerok, Johann Wolfgang von Goethe, Fernando Pessoa und Heinrich Heine

Unter dem Titel „Klingende Charakterbilder“ präsentierte das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter Leitung von Anthony Bramall ein äußerst eindrucksvolles Gesamtkunstwerk aus Musik- und Textelementen, letztere vorgetragen von Michael Dangl.

Neben „Prometheus“ und der „Dante-Sinfonie“ stellt die „Faust-Sinfonie“ die wohl bekannteste sinfonische Dichtung des Begründers dieses Genres, Franz Liszt, dar. Obgleich bereits erste Skizzen aus dem Jahr 1840 existieren, wurde sie bis zum Sommer 1854 mehrfach überarbeitet und schließlich zur Einweihung des Goethe- und Schiller-, sowie des Wieland-Denkmals am 5. September 1857 in Weimar unter Leitung des Komponisten uraufgeführt. Thematisch verlieh Liszt mit seiner „Faust-Sinfonie“ nicht nur seiner tiefen Verehrung für Goethes „Faust“ musikalischen Ausdruck, sondern ebenso auch Hector Berlioz gegenüber, dessen „Damnation de Faust“ von 1846 ihn sehr beeindruckt hatte. Musikalisch jedoch verlieh er seiner „Faust“-Adaption einen komplett anderen Charakter als die eher programmatisch die Handlung illustrierende Komposition von Berlioz, indem Liszt vielmehr musikalische Psychogramme der drei Hauptpersonen, Faust, Gretchen und Mephistopheles entwarf.

Aus diesem Grund unterstrich die nun im Gärtnerplatztheater zur Aufführung gebrachte innovative Interpretation der „Faust-Sinfonie“, eingebunden in eine kluge Textcollage, welche die wesentlichen Charaktereigenschaften der drei Protagonisten in den Vordergrund stellte, speziell diesen, eben den psychologisch-individuellen Ansatz der Komposition. Die in den von Michael Dangl eindrucksvoll und mit hoher sprachlicher Präzision vorgetragenen Texten fokussierten Charaktereigenschaften der Akteure des Dramas fand ihre exakte Entsprechung wiederum in deren musikalischer Charakteristik, sensibel und mit äußerster Akribie herausgearbeitet durch das empathische Dirigat von Anthony Bramall. Als besonders gelungen empfanden die Berichterstatter das zweite, „Gretchen“ betitelte Charakterbild, wo nicht nur die solistischen Elemente, sondern ebenso der feinsinnige Dialog zwischen Holzbläsern und Streichern hochkonzentriert dargeboten und bis ins kleinste Detail nachzuempfinden waren.

Eingerahmt wurde „Gretchen“ zu beiden Seiten von „Faust“, dem rastlosen und ungestümen Feuergeist, dessen majestätisches Leitmotiv durch „Mephistopheles“ eine Brechung ins Ironische erfuhr, die sicher nicht zufällig an Wagners „Loge“ erinnert – ist der Schwiegersohn doch unverkennbar im sinfonischen Werk seines Schwiegervaters omnipräsent.

Gerade vor dem Hintergrund der musikalisch-literarischen Collage war die Entscheidung einer Aufführung ohne das von Liszt später, motiviert durch Carolyne von Sayn-Wittgenstein, hinzugefügte Finale mit Chorus mysticus und Tenorsolo nach Versen aus Goethes Faust II sicherlich die richtige. Besagtes Finale, das aufgrund seines stark sentimentalen Charakters durchaus umstritten ist, hätte zu stark von der rein psychologischen Fokussierung der Textauswahl abgelenkt.

Eine durchaus vermeidbare Trübung erfuhr der enthusiastische Schlussapplaus, mit dem das Publikum begeistert das Orchester, den Dirigenten und den Rezitator feierte, durch eine unverhohlen zur Schau gestellte atmosphärische Missstimmung am Pult der ersten Geigen – sowohl der Konzertmeister selbst wie auch seine Pultnachbarin ließen nur allzu deutliche Verstimmung gegenüber dem Dirigenten erkennen, was angesichts des gelungenen Konzertabends bedauerlich wirkte.

Abschließend sei nicht auf die Bemerkung verzichtet, dass trotz der unmissverständlichen Ansage auf Deutsch und Englisch während des gesamten Konzertabends deutlich ein konstantes Klopfgeräusch zu vernehmen war, wobei es sich allerdings keineswegs um das Beethoven’sche Schicksal handelte, sondern penetranterweise um das Mobiltelefon einer Dame in der Reihe hinter uns, die sich trotz zunehmender Irritation des Publikums nicht bemüßigt fühlte, dieses auszuschalten … doch gehört dies eben heutzutage leider zu den mobil(sin)fonischen Impressionen eines Konzertabends!

 

Isabel Grimm-Stadelmann und Alfred Grimm

 

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