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Mona Horncastle: JOSEPHINE BAKER

15.11.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Mona Horncastle
JOSEPHINE BAKER
Weltstar, Freiheitskämpferin, Ikone
Die Biographie
256 Seiten, Molden Verlag, 2020

Bananen als Bikini-Unterteil und „oben“ noch weniger: Man mag nichts von Josephine Baker wissen, aber dieses Bild hat man vor Augen. Sie war schwarz und weltberühmt, bevor den Menschen mit schwarzer Hautfarbe ihr Anteil an der Geschichte eingeräumt wurde. Das macht die Biographie der Publizistin und Kulturwissenschaftlerin Mona Horncastle so interessant.

Sie ist auf zwei Ebenen zu lesen – zuerst, nach unseren „neuen“ Aspekten, wie sich eine schwarze Frau als „Exotin“ ihren Platz erkämpfen konnte, begünstigt durch zahlreiche historische Voraussetzungen in der europäischen Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Daneben aber wird die ganz private Geschichte einer Exzentrikerin erzählt, die mehr von medialer Vermarktung als von Kunst verstand – und die in ihrem Leben weidlich herumgeschleudert wurde.

Viele Frauen, die nach öffentlicher Anerkennung und eigener Bedeutung strebten, haben erkannt, dass sie ihre „Biographie“ selbst in die Hand nehmen müssen, und dass gezielte Fehlinformationen, immer wieder verschieden aufgeputzt, nicht nur interessant machen, sondern auch Unsicherheit erzeugen. Das Buch recherchiert so genau wie möglich und erzählt schließlich Folgendes.

Von einem Kind, das am 3. Juni 1906 in St. Louis in ein sozusagen chancenloses Leben hinein geboren wurde. Allein, dass ihre Mutter, eine Wäscherin, schwarz war und ihr Vater, dessen Identität nie genau bekannt wurde (dafür hat schon Josephine selbst mit den unterschiedlichsten Aussagen – „ein jüdischer Schneider“, „ein Creole aus New Orleans“ – gesorgt), vermutlich weiß, machte sie zu einer Zwitter-Erscheinung – zu weiß für die Schwarzen, zu schwarz für die Weißen.

Es wurde eine unstete Jugend zwischen Großeltern, Mutter, wechselnder Familie, in Armut, so dass sie die gebürtige Freda McDonald, die unter ihrem zweiten Namen Josephine berühmt werden sollte, schon als Achtjährige versucht, als Haushaltshilfe ein paar Cents heim zu bringen. Unvorstellbar, dass sie schon mit 13 Jahren ihre erste Ehe eingeht, wobei sie falsche Angaben über ihr Alter macht. Aus der zweiten Ehe mit William Baker behält die 19jährige lebenslang ihren Nachnamen.

Sie wurde Tänzerin, weil sie in einer kalten Stadt geboren wurde und immer gefroren hat – das war eine der Erklärungen, die Josephine in ihren üppig verstreuten autobiographischen Aussagen verkündet hat. Tatsächlich war die Unterhaltungskunst des Vaudevilles – streng getrennt für schwarze und weiße Zuseher – damals, vor dem Aufkommen des Tonfilms, eine blühende Unterhaltungsindustrie in den USA, eine Show mit Musik, Tanz, Akrobatik, Komik. Ein Foto aus den frühen zwanziger Jahren zeigt Josephine Baker im karierten Kleidchen, die Beine auseinander gespreizt, verrückt geschminkt und vor allem mit groteskem Gesichtsausdruck und schielend: anders als die anderen, eine Brutalo-Komikerin, die sich so ihren Platz eroberte (man hat sie in dieser Periode ihrer Entwicklung auch als „Schreckgespenst“ bezeichnet).

Mit einer Vaudeville-Truppe, die auf Tournee ging, begann eine Karriere, die sich geradezu irrwitzig entwickelte – vom Clown-Auftritt auf Provinzbühnen zum Erotik-Star, der Europa eroberte. Und hier greift dann die Zeitgeschichte ein, die die Autorin ebenso berücksichtigt wie die persönliche Entwicklung dieser Josephine, die sich bald sehr zickig verhielt und für ihre Managerin Caroline Reagan, der sie so viel verdankte, als nicht eben verlässlich erwies. Aber sie war verkäuflich – vor allem im Paris und im Berlin der Zwanziger Jahre, wo Josephine (nackt und mit Bananenröckchen, das aufreizte wippte) ein (schwarz glänzender) Mosaikstein in einer bunten Kulturwelt war, in der es gar nicht verrückt genug zugehen konnte: die richtige Frau zur richtigen Zeit. Anderswo, etwa in Wien, wo sie 1928 gastierte und schon genügend Nazis Fuß gefasst hatten, protestierte die „verletzten Moralgefühle“ bis ins Parlament hinein – und Rassismus war wohl auch dabei.

Sie wurde ein Superstar, obwohl sie – wie die Autorin es nennt – nie gelernt hatte, „sozialkompatibel“ zu sein. „Freundschaften, Liebschaften, Wohnungen – Josephine wechselte sie ebenso achtlos wie ihre Kleidungsstücke… Ist die rücksichtslos? Dreist? Größenwahnsinnig?“ Jedenfalls ein merkwürdiges Phänomen, zu dem sie sich selbst gemacht hat.

Um den unstete Superstar, für den man noch immer die Bezeichnung „Groteskkunst“ fand, ging es auch nicht säuberlich solide zu (wie auch in dieser Welt?). Der „adelige“ Gatte (einer von vielen Ehemännern in ihrem Leben), war nicht echt, aber sie konnte sich dank eines sizilianischen Hochstaplers Gräfin Di Albertini nennen. Sie ging weltweit auf Tourneen (wobei man sie in den USA zögerlich aufnahm und noch nicht reif war für ihre heftigen Attacken gegen den Rassismus), drehte Filme, machte Grammophonaufnahmen, ließ nichts aus.

Rätselhaft wie vieles war ihre Rolle im Krieg. Ihre Ehe mit dem jüdischen Großindustriellen Jean Lion verschaffte ihr die französische Staatsbürgerschaft. Während des Krieges hat nicht nur die Dietrich für die Truppen gesungen – die Baker tat es für die Franzosen, und angeblich war sie auch in der Resistance tätig. Immerhin heftete ihr de Gaulle später einen Orden an.

Mit dem nächsten Gatten, Jo Bouillon, trat sie in die nächste Rolle in ihrem hektischen Leben ein – nun adoptierte sie Kinder, und das en gros, „Regenbogenkinder“ aus aller Welt, um – eine schöne Idee – zu zeigen, dass Menschen jenseits von Hautfarbe und Religion einfach Menschen sind und friedlich zusammen leben können. Aber die Autorin schreibt keine Hagiographie, sondern eine Biographie, und da kommt heraus, dass sie zwar ihre Mutterrolle durchaus ernst nahm, aber ihre Rolle als Josephine Baker auch und die Kinder laufend den Medien vorführte, was diesen (sie erinnerten sich als Erwachsene ungern daran) sehr gegen den Strich ging. Auch lastete Josephine die meiste Arbeit mit der Familie dem Gatten auf und übernahm sich finanziell total (und war auf milde Zuwendungen von Fürstin Gracia von Monaco angewiesen). Zu ihrem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum schleppte sie sich noch auf die Bühnen. Sie starb am 12. April 1975 im 69. Lebensjahr.

Obwohl die Autorin alles andere als ein Heldinnen-Schicksal malt, kann man für diese Josephine Baker – einer jener Frauen, die sich gegen die Karten, die das Schicksal ihr zugeteilt hatte, „selbst erfunden“ hat – nur Bewunderung empfinden. Sie hat ihre Hautfarbe benützt, wo sie es einsetzen konnte, und sie kämpfte für die Anerkennung ihrer schwarzen Leidensgenossen mit Entschlossenheit. Nicht alles, was sie anfasste, gelang wirklich – aber jedenfalls hat sie aus sich selbst einen Mythos gemacht, der halten wird.

Renate Wagner

 

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