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MINSK/Bolshoi Opera: SEDAJA LEGENDA/Die graue Legende von Dmitry Smolsky- Uraufführung

10.09.2012 | KRITIKEN, Oper

OPER MINSK: Sedaja Legenda / Die graue Legende – 9.9.2012


Foto: Bolshoi Opera Minsk

Und es begab sich, dass der Rezensent die Gelegenheit hatte, seine beiden Hobbys miteinander zu verbinden und nach der Bewertung von 400 Katzen (vierbeinig) und der Beantwortung der Frage seiner geliebten Gattin „Warum tragen in Weißrussland alle jungen Mädchen High-Heels?“ – „Weil’s einfach gut ausschaut…“ zum ersten Mal einer Vorstellung der Bolshoi Opera Minsk beizuwohnen. Wir hatten enormes Glück, da nicht nur eine Premiere, sondern sogar die Welturaufführung der zweiten Fassung der mit Recht im Westen unbekannten weißrussischen Nationaloper mit dem Namen „Die graue Legende“ des Komponisten Dmitry Smolsky beizuwohnen.

Aufschlussreich das vom weißrussischen Kulturministerium herausgegebene Programmheft, wo man erfährt, dass nicht nur jeder Beteiligte dieser Produktion zumindest ein „Peoples’ Artist of Belarus“ ist, sondern der Komponist diese Oper 1978 fertig gestellt und zur Aufführung gebracht hat. Des weiteren hat er 15 Symphonien komponiert und wird als der führende zeitgenössische Komponist der ehemaligen Sowjetunion genannt. Sein Sohn ist übrigens auch musikalisch tätig – er ist Hardrock-Gitarrist einer deutschen Band und hat einige Werke seines Vaters ins Rockmilieu transkribiert (Symphonie für Elektrogitarre und Orchester).

Ich gehe davon aus, dass die meisten Leser mit dem Inhalt der Oper nicht wirklich vertraut sind, daher eine kurze Zusammenfassung.

Die beiden Adeligen Kizgaila und Lyubka haben geheiratet. Zu deren Ehren wird eine Jagd veranstaltet, die Dienerinnen reichen den Jägern Speis und Trank, darunter auch Irina, in die Raman, ein Adeliger, über Hals und Kopf verliebt ist. Er bitte Kizgaila um die Hand der Dienerin, was zuerst auf erbitterten Widerstand stößt, da es unerhört sei, dass ein Adeliger eine Leibeigene heiratet. Schlussendlich willigt er ein.

Als dies Lyubka erfährt, ist sie außer sich und bringt ihren Gatten dazu, sein Versprechen zu brechen und die Leibeigene nicht freizulassen. Zudem wird Irina auch in den Kerker von Mogilev gesteckt. Hintergrund – Lyubka liebt Raman und kann es nicht ertragen, dass eine andere, Unterprivilegierte mit dem von ihr selbst Angebeteten glücklich wird.

Raman ist naturgemäß außer sich und stachelt die Leibeigenen zu einem Aufstand gegen die Herrschenden auf. In der Zwischenzeit plagen Kizgaila Gewissensbisse, da er sich der Tatsache bewusst wurde, dass er sein Versprechen nur deshalb gebrochen hat, um seine Frau zu halten. Er klagt dies einem Söldner, der ihn aber zurückweist und darauf hinweist, dass es ihm egal ist, wer im Recht oder Unrecht ist – Hauptsache ist, dass er sein Geld bekommt. Es kommt, wie es kommen muss – Raman und die Leibeigenen stürmen die Burg und im Duell zwischen Tenor (Raman) und Bariton (Kizgaila) stirbt letzterer, was an diesem Abend durchaus bedauerlich war…

Nachdem die Leiche Kizgailas entsorgt wurde, tritt wieder Lyubka auf. Sie bittet Raman, ihr ein Kind zu machen (wirklich! So steht es im Libretto!!!), damit ihre Linie nicht ausstirbt. Für sie ist es einfach undenkbar, dass sich das Blut der Adeligen mit dem der Leibeigenen mischt. Raman gibt ihr eine Abfuhr, worauf Lyubka wutschnaubend die Szene verlässt, um die anderen adeligen Familien aufzufordern, gegen den Abtrünnigen vorzugehen.

Raman verliert die Schlacht und wird ins Gefängnis geworfen. Dort stellt dann Lyubka Irina vor die Entscheidung, ihren Geliebten gehen zu lassen oder geblendet zu werden. Wie es sich für eine Heldin gehört, weist sie das Ansinnen zurück. In der Schlussszene werden die Augen der Irina ausgestochen und Raman werden beide Arme abgehackt (damit er nie wieder ein Schwert gegen die Herrschenden führen kann). Es bleiben also ein armloser Adeliger und eine geblendete Leibeigene zurück, die aber gemeinsam ihren weiteren Lebens- und Leidensweg gehen können. Schlussendlich vollzieht sich eine Metamorphose und beide gehen als Heilige in den Pantheon der Märtyrer ein. Tusch und Ende der Oper.


Foto: Bolshoi Opera Minsk

Was kann man zur Musik sagen? Ich hörte Anleihen von Andrew Lloyd-Webber, Khatchaturian, ein paar Sekunden Wagner, orthodoxe Kirchengesänge und jede Menge Puccini. Obwohl das Werk als Oper tituliert ist, würde ich es eher als Musical wie „Phantom of the Opera“ ohne eingängige Melodien einordnen. In einem Interview stellt der Komponist fest, dass er besonders viel an der Instrumentierung verändert hat. Keine Ahnung, wie das vor 30 Jahren geklungen hat, aber bei den Kampfszenen gab es ein Tschinderassabum mit Trommelwirbel und viel Blech, die „Arien“ waren von schmeichlerischen Streichertönen und ganz, ganz viel Harfengeklimper unterlegt. Obwohl dem Geschehen durchaus nicht an Dramatik gebar, wurde diese musikalisch nicht wirklich umgesetzt.

Mit Absicht nenne ich nicht die Namen der Sänger – die Leistungen schwankten zwischen akzeptabel (Bariton, Mezzo), okay (Sopran), fragwürdig (Bass) und unterirdisch (Tenor). Der Dirigent, der „Geehrte Künstler der Ukraine“, Viktor Ploskina, brachte die Aufführung ohne Probleme über die Bühne, der Chor machte einen guten Eindruck (Leitung – die „Volkskünstlerin Weißrusslands“ Nina Lomanovich).

Nun zur Produktion – hätte Regisseur Mikhail Pandzhavidze den Ring inszeniert, wären Siegfried & Co. wahrscheinlich im Bärenfell durch die Gegend gehirscht. Unterstützt von den beiden Lichtdesignern Elena Akhremenko und Pavel Suvorov brachte Bühnenbildner Alexander Kostiuchenko ein hyperrealistisches Set auf die Bühne – mit teilweise unfreiwillig komischen Einfällen. Von blütenumkränzten Häuptern der in unschuldiges weiß gehüllten Leibeigenen-Mädels bis zu den Hellebarden der Schweizer Söldner gab es kein Klischee, das ausgelassen wurde. Lyubka musste (bis auf die Kerkerszene) im schwarzen Negligee mit Stay-Ups zuerst ihren Göttergatten (erfolgreich) und dann ihren Angebeteten (nicht wirklich erfolgreich) bezirzen. Großartig die Schlachtplatte mit Platik-Sauschädeln. Als der „Ober-Söldner“, der einen Körperumfang hatte, die den Rezensenten dazu brachte, seine bereits begonnene Diät wieder zu überdenken (sein Stimm- verhielt sich übrigens diametral zu seinem Körpervolumen), versuchte, ein Stück Fleisch von der Platte zu nehmen, hatte er die ganze Platte in der Hand, da alles darauf geklebt war. Also hielt er die Platte verkehrt und „biss“ vom Schwein ab, das sich nicht und nicht bewegte und natürlich auch nicht zu Boden fiel.

Um fair zu sein – es waren ein paar wirklich gelungene visuelle Effekte dabei, die aber auf das Konto der Computergrafik und des Lichtdesigns gingen.

Meine Lieblingsszene, während der ich mir schon sehr das Lachen verbeißen musste, während die Minsker Kultur-Schickeria verstohlen nach Taschentüchern griff – zuerst werden die Augen der Irina ausgestochen, was ziemlich gruselig war. Dann wird Raman in einem Kaftan zum Richtplatz geführt, seine Hände seitwärts angekettet. Der Scharfrichter tritt hinter ihm auf – in jeder Hand einen Anderthalbhänder, mit deren Hilfe er mittels eines parallel durchgeführten Schlages die Arme an der Schulter abtrennt. Die Arme baumeln nun an den Pfählen, der arme Tenor (der, wie schon gesagt, leider nicht im ersten Akt starb) steht nun da wie weiland der Schwarze Ritter aus „Monty Python and the Holy Grail“ („Die Ritter der Kokosnuss“). Während er aus seiner Schulter blutet, klammert sich die frisch geblendet Irina an ihn und beide singen ein Liebesduett und ein Hohelied auf die Heimat, den heiligen Boden etc. etc. während der Richtblock in den Boden versinkt und bedrohlich schwankend zwei übergroße Ikonen aus dem Hintergrund nach vorne gerollt wurden und drohten, beide Sänger zu erschlagen. Man muss diese Szene wirklich gesehen haben – großartig!!!!

Das Publikum war von allen Sängern begeistert, auch der Dirigent und der Komponist wurden mit rhythmischen Parteitagsklatschen gefeiert. Den größten Triumph feierte aber das Leading Team – ich glaube, in Westeuropa hätte man diese Künstler mit einem nassen Fetzen aus dem Theater geprügelt.

Aber es scheint, dass in der ehemaligen Sowjetunion die Ästhetik noch eine ganz andere ist – wir dürften da in den 90er-Jahren stehen geblieben sein. Allerdings nicht in denen des letzten Jahrhunderts.

Aber was soll es – Publikum war glücklich, Sänger waren glücklich, der Komponist war glücklich und ich hatte einen wirklich amüsanten Abend und ging absolut aufgekratzt aus der Oper raus (und das ist schon lange nicht mehr vorgekommen).

Ich hoffe, dass ich wieder einmal das Glück habe, dort der Aufführung einer Oper beizuwohnen! Immerhin hat die Oper in Minsk ein Repertoire, das größer als das der Staatsoper ist. In ihrer 80. Saison werden 35 verschiedene Opern und 40 verschiedene Ballette gespielt – das muss bei allem Augenzwinkern auch gesagt werden!

 Kurt Vlach

 

 

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