
Die Konzerthalle Mikaeli, in deren Martti-Talvela-Saal die meisten Konzerte stattfanden. (Foto : Archiv Sune Manninen)
Mikkeli Music Festival 2023 – 28.7. bis 5.8.2023
Schon bevor der erste Ton des diesjährigen Festivals erklungen war, wurde ihm schon eine wichtige Ehrung zuteil. Es war von der Dachorganisation „Finland Festivals“ zum Festival des Jahres 2023 erkoren worden. Nun könnte man leicht annehmen, der Grund sei in dem vielfältigen Programm dieses Jahres zu suchen. Doch dem ist nicht so. Diese Ehrung ist unzertrennbar mit dem Namen TEEMU LAASANEN verbunden, der das Festival rettete, als ihm im Frühjahr 2022 nicht nur das bereits fertige Programm, sondern auch der Künstlerische Leiter abhanden gekommen war. Weil VALERY GERGIEV sich nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nicht von Vladimir Putin distanzieren wollte, wurde die seit 1993 bestehende Zusammenarbeit mit ihm und seinem Mariinsky-Theater beendet. Darüber hinaus hatte die Stadt Mikkeli dem Festival mit dem Entzug der finanziellen Unterstützung gedroht, sollte nur ein einziger russischer Künstler 2022 auftreten. Teemu Laasanen, der seit 2018 als Festival-Manager fungierte, gelang es binnen Kurzem, nicht nur ein attraktives Programm auf die Beine zu stellen, sondern mit dem Londoner Philharmonia Orchestra unter seinem finnischen Chefdirigenten SANTTU-MATIAS ROUVALI einen Ersatz für das Mariinsky-Orchester zu finden. Auch das Programm für 2023 ging auf sein Konto, doch leider beendete Laasanen überraschend seine Mitarbeit am Festival. Inwieweit der offiziell genannte Grund, seine ihn zunehmend beanspruchende Tätigkeit als CEO der Firma „MusicFairyTales“, der wirkliche, der einzige Grund für diese Trennung war, vermag ich nicht zu beurteilen. Auffallend ist nur, dass bereits 14 Tage nach seiner Demission (und nachdem das Programm fertiggestellt worden war) ein Gergiev ersetzender Künstlerischer Leiter ernannt wurde – ERKKI LASONPALO, der Chefdirigent des hiesigen 12köpfigen „City of Mikkeli Strings“-Orchesters. In MIKKO LEPPÄNEN wurde zudem ein durch das Jugendorkester VIVO eng mit Lasonpalo verbundener Festivalmanager gefunden, Lasonpalo als dessen Chefdirigent und Leppänen als Intendant dieses Ensembles.
Das diesjährige Programm trägt also zu 99 % die Handschrift Teemu Laasanens. Wenn man allerdings die offiziellen Publikationen des Festivals anschaut, bleibt der Name Laasanen ungenannt, und man muss den Eindruck gewinnen, dass der neue Künstlerische Leiter auch der Schöpfer des Programms war. Inwieweit Erkki Lasonpalo mehr ist als eine lediglich billige Lösung und in der Lage sein wird, einem bisher internationalen Festival ein gleichwertiges Profil zu verschaffen, wird die Zukunft erweisen. Dass das umfangreiche und sehr informative Programmbuch zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder nur auf Finnisch konzipiert wurde, könnte darauf hindeuten, dass aus dem einstmals internationalen, eine kulturelle Brücke zwischen Finnland und Russland bildenden nun ein „lediglich“ nationales oder sogar lokales, auf den finnischen Besucher abzielendes Festival werden wird.
Fazit nach einer Woche und sieben besuchten Hauptkonzerten : Das Festival hatte eine gute Qualität. Es bot vielen vieles, so dass die nicht primär an klassischer Musik Interessierten ebenso auf ihre Kosten kamen wie Freunde der Kammermusik u.ä.. Ein besonderer Schwerpunkt war der Filmmusik gewidmet, Musik aus James-Bond-Filmen und (stark nachgefragt, da vom Philharmonia Orchestra gespielt) aus Harry-Potter-Filmen. Auch die Nachwuchspflege kam nicht zu kurz, da Teemu Laasanen mit dem Koreaner IMMO YANG den Gewinner des Sibelius-Violinwettbewerbs sowie mit TATU KAUPPINEN denjenigen des Turku-Cellowettbewerbs verpflichtet hatte, nicht zu vergessen die erst 12jährige Geigerin LILJA HAATAINEN, die 2022 den Louis-Spohr-Wettbewerb in Weimar gewonnen hatte.
Aus dem bunten Strauss an interessanten Konzertangeboten pickte ich mir die Rosinen der Abend-Veranstaltungen heraus, somit das Debüt der jungen französischen Dirigentin ALIISA NEIGE BARRIÈRE verpassend, deren das Festival eröffnende nachmittägliche Konzert des Wetters wegen aus einem Park in ein Einkaufszentrum verlegt werden musste. Dass es sich bei dieser Künstlerin um die Tochter der kürzlich verstorbenen finnischen Komponistin Kaija Saariaho handelte, wurde von der Festivaladministration verschwiegen. Bereits das erste Konzert dieser Festtage war viel versprechend, eine mitreißende Wiedergabe von Orffs Carmina burana (29.7.) durch lettische Gäste, das Liepaja-Sinfoniekonzert unter GENNADII CHERNOV, den Lettischen Nationalchor und den Solisten KAISA RANTA, JUHA KOTILAINEN, wobei der Tenor JUAN DE DIOS MATEO dadurch verblüffte und begeisterte, indem er seinen unbequem hoch liegenden Part mit voller Bruststimme sang.

Santtu-Matias Rouvali mit seinem Orchester (Foto : Archiv Sune Manninen)
Das Konzert mit Musik aus James-Bond-Filmen (30.7.) krankte für meinen Geschmack daran, dass man glaubte, das „Mini-Orchester“ aus Piano, Violine, Gitarre und Schlagzeug klanglich verstärken zu müssen. Ich vermute, die beiden Solisten (MARI PALO, Sopran und TOMI METSÄKETTO, Tenor) hätten es nicht nötig gehabt, mit Mikrophon singen zu müssen. Schließlich hörte ich Mari Palo vor ungefähr 20 Jahren als (wenn auch überforderte) Violetta. Wegen der meine Ohren peinigenden Lautstärke zog ich es in der Pause vor, aus dem Motto dieses Konzerts „License to Love“ ein „License to Leave“ zu machen. Dass es auch ohne Mikrophon-Verstärkung ging, bewies am 1.8. das JANOSKA-Ensemble, eine Gruppe aus Piano, 2 Violinen und Kontrabass, die unter dem Titel „Big B“ über Kompositionen von Bach, Beethoven (die 9 Sinfonien innerhalb von 9 Minuten!), Bartók und sogar Brubeck im typischen Janoska-Stil improvisierte. Großartig, mitreißend, von hohem Spassfaktor.
Das Philharmonia Orchestra London, das im Laufe seiner nunmehr 78jährigen Geschichte bisher unter verschiedenen Namen fungierte und sich nun THE PHILHARMONIA LONDON nennt, war 2022 unter seinem Chefdirigenten SANTTU-MATIAS ROUVALI als Ersatz für das Mariinsky-Orchester gekommen. Nicht nur war der Erfolg sehr groß, sondern wie zuvor schon den russischen Kollegen hatte es dem Orchester in Mikkeli so gut gefallen, dass es Teemu Laasanen gelang, mit dem Orchester einen bis 2026 reichenden Residenzvertrag abzuschließen. Jeden Sommer sollten 4 Konzerte gegeben werden, davon jeweils 2 von Rouvali dirigiert.
Das Mikkeli Musik-Festival war 1992 als Brücke zwischen finnischer und russischer Kultur gegründet worden, und so war es sehr angenehm zu registrieren, dass dieser Brückengedanke zumindest in den Kompositionen dreier Philharmonia-Konzerte auftauchte, in denen Werke von Sibelius / Schostakowitsch bzw. von Wennäkoski / Sibelius / Tschaikowsky und Sibelius / Rachmaninoff aufgeführt wurden. Erfreulich auch, dass der Bann, keine russischen Künstler zuzulassen, mit der Pianistin YULIANNA AVDEEVA durchbrochen wurde. Es wäre wünschenswert, wenn diese Linie auch in der Zukunft weiter verfolgt werden würde. Es gibt genügend russische Künstler, die nicht der Unterstützung Putins und dessen Krieg gegen die Ukraine verdächtig sind.
Ich gestehe, seit vielen Jahren ein großer Anhänger Santtu-Matias Rouvalis zu sein. Es bereitet Vergnügen, ihm zuzusehen und zuzuhören. Seine Zeichengebung ist nicht so akademisch starr, und doch vermittelt er dem Orchester aufs Anschaulichste seine Intentionen, wobei der Klang immer aufgefächert, nie überbordend ist. Hier liegt (noch?) das große Manko ERKKI LASONPALO’s. Zugegeben, die Sibelius-Lieder in der Version Jaakko Kuusistos sind ziemlich dick orchestriert, doch hätte eine Zurücknahme der Lautstärke es der dramatischen Sopranistin MIINA-LIISA VÄRELÄ besser erlaubt, sich Gehör zu verschaffen. Nicht verschwiegen sei jedoch, dass alle ihre Spitzentöne um Schwingungen zu tief intoniert waren. Hoffentlich nur Ausdruck einer nicht so guten Abendverfassung, denn sie war am Nachmittag zuvor für eine erkrankte Kollegin mit Liedern Toivo Kuulas eingesprungen. Von Richard Strauss ist das Bonmot überliefert, wenn ein Dirigent die Bläser nur anschaute, seien die schon zu laut. Dies scheint Lasonpalo bei Tschaikowskys 4. Sinfonie getan zu haben, denn auf mich wirkte seine Wiedergabe so, als habe er Dramatik mit Lautstärke verwechselt. Seine von mir als lärmend empfundene Interpretation fand, dass soll nicht verheimlicht werden, beim Publikum großen Beifall. Eine winzige Einschränkung meiner so positiven Kritik Rouvalis sei mir gestattet. Die seine beiden Konzerte abschließenden 5. Sinfonien von Schostakowitsch und Sibelius sind so kraftvoll und dramatisch, dass ich Mühe hatte, die Zugaben (Strauß‘ Unter Donner und Blitz bzw. Lumbyes Champagnergalaopp) bei aller Brillanz des Orchsterspiels als passend zu empfinden. Aber Spaß gemacht haben sie trotzdem!!!
Der Abschlusstag (5.8.) stand ganz im Zeichen Harry Potters. Mikkeli war voll von Harry Potter. Spiele für die Kinder auf dem Markt bzw. im Einkaufszentrum, ein ganz Harry Potter gewidmetes Menü in einem der Restaurants, im Zug von Helsinki nach Mikkeli ein eigener Harry-Potter-Waggon und vieles mehr, und am Abend gab es der großen Nachfrage wegen gleich zwei Konzerte mit Harry-Potter-Filmmusik, interpretiert von The Philharmonia London unter ANTHONY GABRIELE.
Ausblick auf 2024. In der Gergiev-Zeit war es der damaligen Administration nur ein einziges Mal gelungen, dem russischen Maestro nach dem Finalkonzert die Bekanntgabe des Programms für das nächste Jahr zu entlocken. Wer sich erinnert, dass Gergiev es liebte, sein Programm erst möglichst spät veröffentlicht zu sehen, wird Hochachtung dafür empfinden, dass bereits am 1.8. der Vorverkauf für einige der Konzerte des 2024 vom 3. – 11.8. stattfindenden Festivals begonnen hat. Wie auch dieses Jahr werden 2 der 4 Philharmonia-Konzerte von Rouvali geleitet (Brahms, Schumann sowie Bruckner VII). Dem Künstlerischen Leiter des Savonlinna Opernfestivals Ville Matvejeff ist eine Operngala mit eben diesem Orchester anvertraut. Für das Abschlusskonzert mit Werken von Smetana, Elgar und Sibelius steht der Dirigent noch nicht fest. Abgesehen von Aliisa Neige Barriere, die Beethovens Neunte leitet, scheint das Nicht-Philharmonia-Programm von eher lokaler Bedeutung zu sein, und es wird interessant sein zu beobachten, wie sich ein Erkki Lasonpalo mit seinen nationalen Orchestern (das lokale Mikkeli-Orchester, Saimaa Sinfonietta, VIVO-Sinfonieorchester) im internationalen Kontext eines Festivals ausnimmt.
Sune Manninen

