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MIECZYSLAV WEINBERG: Kammersymphonien, Klavierquintett

31.03.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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MIECZYSLAV WEINBERG:
Kammersymphonien, Klavierquintett

ECM New Series 2 CDs

Gidon Kremer und die Kremerata Baltica bei den Wiener Festwochen 2015

„Die Kammersymphonien sind sehr persönliche Reflexionen eines großen Komponisten über seine Lebenszeit und die seiner Generation. Sie sind eine Art Tagebuch der dramatischsten Zeitspanne im 20. Jahrhundert, vergleichbar dem großartigen Roman von Vasily Grossmann „Leben und Schicksal“ (ein Roman, der 1959 zur Kriegszeit in Stalingrad spielt und bis zur Glasnost-Ära in der Sowjetunion unveröffentlicht blieb), eine emotionale und höchst persönliche Stellungnahme von einer Persönlichkeit mit einem eindrücklichen und erkennbaren Personalstil.“ schreibt Gidon Kremer, der die Kammersymphonien Nr. 1-3 am 13. Juni 2015 im Wiener Musikverein aufführte und deren Mitschnitt auf der ersten CD des neuen Albums zu hören ist. Die Aufnahmen der vierten Kammersymphonie für Klarinette (Mate Bekavac), Triangel (Andrei Pushkarev) und Streichorchester sowie des Klavierquintetts Op. 18, arrangiert für Klavier (Yulianna Avdeeva), Streichorchester und Schlagzeug von Andrei Pushkarev und Gidon Kremer, entstanden im Juni 2015 in Riga. Dirigentin ist die Litauerin Mirga Grazinyte-Tyla.

Für Kremer, viele andere Musiker (Oistrach, Kogan, Gilels, Rostropovich) und Musikfreunde sind und waren die Werke Weinbergs eine Herzenssache. Das reiche Schaffen des in Warschau geborenen Komponisten (Opern, Symphonien, Kammermusik), der vor den Nazis nach Weissrussland (Minsk) und später über Taschkent nach Moskau floh (1943), in der Sowjetunion inhaftiert wurde und zu seinem Tod 1996 völlig vergessen war, ist nicht nur für Kremer eine unbegrenzte Quelle der Inspiration. Seine Musik trägt Züge von Shostakovich, Hindemith, Bartok und des Neoklassizismus, sie ist in den Kammersymphonien in weiten Passagen jedoch merklich introspektiv. Als Vorlage der Kammersymphonien Nr. 1 – 3 dienten Weinberg seine eigenen Streichquartette Nr. 2, 3 und 5, bis dahin unveröffentlichte Werke, denen Weinberg jeweils einen weiteren atmosphärisch vollkommen neuen Satz hinzufügte.

Großartig ist das zu einer Symphonie arrangierte fünfte Klavierquintett in fünf Sätzen aus dem Jahr 1944. Es enthält ein neobarockes Präludium, eine Fuge, zwei Scherzi und eine Toccata samt einer rauschhaften Gigue, die hörbar auf schottische oder irische Volksmusik verweist. Und das Werk zeugt auch von der enormen pianistischen Begabung des Komponisten. Man kann die Werke Weinbergs als Bekenntnismusik deuten, das wäre aber wohl zu kurz gegriffen. Weinberg erforscht und treibt die Tonalität in Zonen, die vorher noch keiner geschaut hat. Die komplexen Spannungsbögen, wo höchst melodiöse Passagen  mit melancholisch reduzierten und intensiv motorisch rhythmisierenden Elementen abwechseln, bieten eine einzigartige Gelegenheit, Musik in nuce neu zu entdecken. Der Zuhörer kann sich wie wie ein Forscher in den Tiefen der Ozeane fühlen, der ständig neue Arten entdeckt, deren Gestalt wohl nie jemand gesehen oder auch nur erahnt hätte. Beim Zuhören der bohrend intensiven, teils verstörend schmerzhaften, teils sarkastisch auftrumpfenden Musik versteht man plötzlich, was Kremer meint, wenn er konstatiert, dass und warum kein Komponist mit vergleichbarer Intensität Aufnahme in das Repertoire der Kremerata Baltica gefunden hätte. 

Da die Musik Weinbergs sich letztendlich ohnedies der Beschreibung entzieht und so reich ist wie ein tausendseitig verschnörkelter Roman, empfiehlt es sich, das neue Album anzuhören und auch gleich die (Wieder)Lektüre des oben zitierten Romans von V. Grossmann, den ich vor zehn Jahren staunend in Paris entdeckt habe, anzugehen. Die CDs feiern nicht zuletzt das 20jährige Jubiläum der Kremerata Baltica als auch den 70. Geburtstag Gidon Kremers.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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