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Michaela Lindinger: SONDERLINGE, AUSSENSEITER, FEMMES FATALES

17.07.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Lindinger, Sonderlinge

Michaela Lindinger: 
SONDERLINGE, AUSSENSEITER, FEMMES FATALES
Das „andere“ Wien um 1900
256 Seiten, Amalthea Verlag, 2015 

Mit ihren Zeitgenossen hatten es Sonderlinge früher nicht leicht, denn da herrschte ja meist als kompakte Majorität die Bürgerwelt, die den Kopf schüttelte. Heute hingegen ist nur das Abweichende interessant, je schriller, desto besser, und dass uns aus der Vergangenheit auch nicht die „Braven“, sondern die Alternativen interessieren, versteht sich.

Kurz gesagt, die „Sonderlinge, Außenseiter, Femmes fatales“, wie sie Michaela Lindinger (Wien Museum-Kuratorin) in den Mittelpunkt eines Buches stellt. Dass sie hier in den Beständen des Hauses, an dem sie arbeitet, wundervoll wühlen und diese verwerten konnte, wird nicht nur am Bilder-, sondern auch am Wissensschatz des Buches klar, das dem „anderen Wien“ um 1900 Gerechtigkeit widerfahren und es in allen zwielichtigen Farben „schräg“ funkeln lässt…

Interessanterweise muss man, um Leser zu „fangen“, ihnen auch das Bekannte bieten – eine Fiaker-Milli wie die Emilie Turecek, einen schwulen Erzherzog wie Ludwig Viktor, den Bruder von Kaiser Franz Joseph, Aussteiger wie den „Kohlrabi-Apostel“ Karl Wilhelm Diefenbach oder die Familie Vetsera, die man durchaus unter dem Motto „Migrationshintergrund anno dazumal“ betrachten kann. Von all denen hat man schon gehört und gelesen.

Aber erstens dringt das Buch weit über die bekannten Gestalten zu heute unbekannten vor, die das Bild einer alternativen Gesellschaft breiter und farbiger machen, und zweitens kann die Autorin mit Details verblüffen, die sich wie Mosaiksteine perfekt in vorhandenes Wissen fügen. Sie belässt es auch nicht bei der biographischen Aufarbeitung – wenn sie bei der Fiaker-Milli ist, kommen die „Volkssängerinnen“ in der ganzen Breite der „käuflichen“ Wiener Mädeln vor, wird deren soziale Stellung, werden deren gesellschaftliche Möglichkeiten und Unmöglichkeiten beleuchtet. An einem Erzherzog, der als Bruder eines letztlich toleranten Kaisers zumindest jede (finanzielle) Möglichkeit hatte, sich auszutoben, kann man die schwulen Kreise und deren Lebensweise untersuchen.

Interessant etwa am Beispiel der Anna von Lieben (der man derzeit auch prominent in der „Ringstraßen“-Ausstellung des Jüdischen Museums begegnet) die Überlegungen, worin die vielen „hysterischen Krankheiten“ der Zeit bestanden (wobei man als Leser nicht unterstellen will, dass es sie vor allem gab, weil Freud sie entdeckt hatte…). Die „Wahnsinns-Frauen“ sind jedenfalls ein Symptom der Zeit, ebenso wie skurrile Geheimgesellschaften, Satanismus oder auch Käuze à la Peter Altenberg (er kniet am Titelbild zu Füßen von Lina Loos), die sich zelebrierten (und „normalen“ Menschen wie etwa Arthur Schnitzler entsetzlich auf die Nerven gingen), obskure wissenschaftliche Experimente, schließlich jener Mystizismus, der von Beschwörung alter Templer-Riten bis zu den nationalen Bewegungen führte, deren Erbe Hitler war…

Es ist ein fabelhaftes historisches Panoptikum, das sich hier reich entfaltet, konkrete Fakten in eigenen Kästchen eingefügt, erstaunliches Bildmaterial, breit gestreutes Wissen, das in alle Richtungen ausschwärmt. So amüsant es zu lesen ist – doch ein Buch für Anspruchsvolle.

Renate Wagner

 

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