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MICHAEL SCHADE: Ich träume gerne groß

11.03.2016 | INTERVIEWS, Sänger

Schade vor dem Spiegel
Fotos: Barbara Zeininger

MICHAEL SCHADE

Ich träume gerne groß

Michael Schade war längere Zeit krank, das Interview musste zweimal verschoben werden, aber nun ist er topfit wieder da und platzt vor Unternehmungsgeist. In Wien schiebt er, aus Helsinki kommend, auf dem Sprung nach Warschau, noch die Interviews ein. Und weil seine Barocktage Melk heuer unter dem Motto „Illusion und Wirklichkeit“ stehen, finden er und Barbara Zeininger allerlei passende Spiegel-Motive im Teesalon der Wiener Staatsoper

Von Renate Wagner

Herr Kammersänger Schade, ursprünglicher Anlass unseres Gesprächs waren die bevorstehenden Internationalen Barocktage in Stift Melk, die zu Pfingsten zum bereits dritten Mal stattfinden, mit Ihnen als Spiritus rector und Intendanten, ein Unternehmen, in das Sie besonders viel Liebe, Energie und Gehirnschmalz stecken, wie man weiß. Und nun muss die Musikwelt Nikolaus Harnoncourt begraben…

Und das ist ein Schmerz, der schwer zu überwinden ist, denn ich betrachte ihn als meinen musikalischen Vater. Andererseits muss man mit Bewunderung und Dankbarkeit, mit einem Kniefall vor dem lieben Gott, sagen, welch ein Leben er gehabt hat, künstlerisch und privat mit seiner Alice, es gab Nikolaus nicht ohne Alice und Alice nicht ohne Nikolaus. Es war ein so erfülltes Künstlerleben, und ich kann nur sagen, dass er uns allen etwas beigebracht hat, nicht nur den Künstlern, sondern auch dem Publikum. Er hat doch unser aller Hörgewohnheiten verändert. Früher war alles mehr oder weniger eine Suppe, auch wenn man Plattenaufnahmen von den Großen hört, fällt uns das heute auf.

Das ist vielleicht für Fans der ehemaligen Großen etwas hart formuliert. Was war nun an Harnonocourts Zugang zu den Werken für Sie so besonders?

Er hat nie ein Werk dirigiert, dessen Urfassung er nicht als Original oder Faksimilie in den Händen gehabt und genau studiert hat. Er und Alice sind beispielsweise noch zu Zeiten des Kalten Krieges nach Ungarn gereist und haben in Esterhaza die Originale mit der Hand kopiert – ob von Haydn, Biber oder Schmelzer. Nikolaus sagte immer: Ich spiele das Werk, als sei es gerade erst komponiert worden. Das heißt, er hat in „Fidelio“ den Schubert herausgehört, der ja schließlich Beethovens Sarg mit getragen hat, und das Werk nicht schon in Hinblick auf Wagner interpretiert.

Ihren ersten Florestan haben Sie ja im Theater an der Wien unter Harnoncourt gemacht, der Sie gewissermaßen durch die Rolle getragen hat, und sollten ihn ja im Jänner bei den Festkonzerten für das Theater an der Wien konzertant noch einmal wiederholen. Wollte Harnoncourt das noch dirigieren?

Unbedingt, wir haben uns noch im November zusammen gesetzt und darüber geredet. Das war sein Wunsch, alle wieder mit einer brandneuen Version zu überraschen. Andererseits war ihm damals schon klar, dass er immer weniger machen würde – aber wie nahe sein Rückzug war und wie schnell es mit seinem Tod gehen würde, davon hatten wir alle keine Ahnung. Wenn ich heute zurückblicke, glaube ich allerdings, dass er wusste, dass er tödlich krank war – aber es wurde nie gesagt.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt?

Das war eigentlich spät, erst 1997, bei einer Aufführung von Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“, und das war dann mehr als eine gegenseitige Liebe – wir haben jährlich an die 15 bis 20 Konzerte zusammen gemacht und nicht von ungefähr heißt einer meiner Söhne Nikolaus. Was ich an ihm auch so bewundert habe: Er war einer der informiertesten Künstler, kannte jede Note von jedem Werk, das er je dirigiert hat, und auch noch die ganze Kulturgeschichte rundum, er war ein Professor. Aber trotz des ewigen Nachdenkens und Hinterfragens, das manche Leute penetrant fanden, hat er nie die Gabe verloren, am Abend, wenn er vor dem Orchester stand, aus dem Bauch heraus zu musizieren. Man kann über seine Tempi streiten, das ist nicht der springende Punkt, aber er war ein Vollblutmusiker. Ich habe ihm immer nur in die Augen geschaut.

Er galt aber als sehr schwierig…

Glauben Sie mir, er war ein wunderbarer, uneitler Mensch und ein ganz unkomplizierter Mann. Gar kein Exzentriker, er konnte aufbrausend sein, aber nie respektlos. Ganz große Kollegen wie Rattle, Pappano, Harding, Dudamel haben sich immer in seine Proben geschlichen, weil sie so viel von ihm lernen konnten. Und ich denke, unsere Pflicht als Nachwelt ist es, sein Erbe am Leben zu halten – also sein Orchester, den Concentus Musicus. Ich habe ihn immer schon zu den Barocktagen in Melk engagiert, auch heuer, und schon vor dem Tod von Nikolaus habe ich erkannt, dass Stefan Gottfried, der Cembalist des Ensembles, ein berufener Mann sein kann, das Orchester zu dirigieren, was er ja schon mit großem Erfolg getan hat, als Nikolaus den konzertanten „Fidelio“ im Theater an der Wien zurück gelegt hat. Ich werde alles tun, den „Concentus“ groß zu unterstützen, und ich bin nicht der Einzige.

Nun hatte Harnoncourt auch vehemente Gegner…

Ja, und das macht mich rasend, wenn ich aus Nachrufen so viele Einschränkungen herauslese, wenn es Menschen gegeben hat – und das ist eine Tatsache – , die sich zusammen schlossen, um Nikolaus Harnonocurt auszubuhen, und wenn ich in Leserbriefen oder auch Foren, ja, auch im Forum des Online Merker, abschätze Bemerkungen über ihn finde. Als sei er ein geltungssüchtiger Vermarkter seiner selbst gewesen – der Mann hatte nicht einmal einen Agenten! Der wusste nicht, was eine Website ist, bis man ihm zu seinem 85er eine geschenkt hat! Nikolaus Harnoncourt hat nur zu Gottes Ehren Musik gemacht, und wenn man über sein „arrogantes Besserwissertum“ gestritten hat, kann ich nur sagen – wenn er es immer besser gewusst hat, war es schließlich nicht seine Schuld…

Der Concentus Musicus führt uns jetzt endlich zu Ihren Pfingsttagen in Melk, wo das Orchester zwei Konzerte bestreiten wird.

Ja, und das letzte mit einem Monteverdi-Programm ist mir auch deshalb besonders wichtig, weil es von dem Spanier Pablo Heras-Casado dirigiert wird, den man bei uns noch zu wenig kennt und den ich sehr schätze. Es sind meine dritten Barocktage, wir haben ein treues Publikum herangezogen, von denen uns manche wirklich von Freitag bis Montagabend das ganze Pfingstwochenende durch alle Konzerte begleiten. Die Auslastung im Vorjahr lag bei 98 Prozent, da kann man sich ja nur zwei Prozent mehr wünschen. Wir haben auch schon glücklicherweise einen Stamm von Förderern – an die 30, es dürfen ruhig mehr werden! -, die uns wirklich 1000 Euro pro Jahr geben, damit wir unser Unternehmen auf gleichem künstlerischen Niveau fortführen können. Ich beschwere mich jetzt nicht über zu wenig Subventionen, ich werde mich hüten, das Land Niederösterreich lässt uns ohnedies wissen, wie sehr man uns schätzt – aber ich ärgere mich maßlos über Leute, die nicht einsehen, dass Kultur sein muss und auch Geld kostet. Und die nicht bedenken, wie viel die Umwegrentabilität einbringt, abgesehen davon, dass ja auch wir als „Unternehmer“ ununterbrochen für jede Kleinigkeit Steuer zahlen… Nein, Geld ist nötig, denn ich träume gerne groß.

Schade lacht

Es hat sich bewährt, die Pfingsttage unter ein künstlerisches Motto zu stellen, es scheint, dass ein intelligentes Publikum so etwas goutiert.

Ja, im ersten Jahr sind mir, irgendwann beim Autofahren und Musikhören in Kanada, die „Vier Elemente“ eingefallen, die natürlich ein ebenso ergiebiges Thema waren wie die Metapher der „Reise“ im Vorjahr. Und heuer sind wir bei den Illusionen, die sich ja in einem so einmaligen barocken Stift wie Melk, das ja nun wirklich ein magischer Ort ist, ununterbrochen aufdrängen. Ich bin so oft dort, wie es mir ausgeht, aber es ist nie oft genug… Übrigens mussten wir hier, bei den diesjährigen Barocktagen, auch einen großen Verlust hinnehmen: Der Geiger Daniel Hope, mit dem ich sehr befreundet bin, wollte das Eröffnungskonzert unter dem Titel „Die Perücken trügen“ als musikalisch-literarischen Barockwettstreit zusammen mit seinem Freund Roger Willemsen austragen – der ja nun leider so jung gestorben ist. Wir müssen nun versuchen, in Erinnerung an ihn einen hochwertigen Ersatz zu finden. Denn unser Anspruch ist sehr hoch. Wenn es heißt, dass Grafenegg der Leuchtturm der Niederösterreichischen Kultur ist, dann würde ich sagen – wir leuchten stolz zurück.

Dabei wird es für Sie zu Pfingsten, also Mitte Mai, schon terminlich „eng“, dann Sie haben ja für den Sommer etwas ganz Großes vor: Der Sprung vom David zum Stolzing, den Sie in Glyndebourne unternehmen – glücklicherweise in einer sehr „normalen“ Inszenierung von David McVicar.

Und, möchte ich hinzufügen, mit Gerald Finley als Sachs, wir sind beide Kanadier mit Chorknabenvergangenheit! Was die Inszenierung betrifft, so ist für mich nicht wichtig, dass sie im Sinn der alten „Wagnerianer“ nur „schön“ ist. Mir ist alles recht, was Sinn macht. Wenn eine Aufführung nur schön und nicht intelligent ist, ist sie fad, wenn sie „nur“ das ist, was man unter „modern“ versteht und keinen Sinn macht, ist sie dumm, es ist also nicht ganz leicht, hier einen Weg zu finden.

Der Stolzing liegt auf dem Weg, den Sie vom Florestan jetzt über den Max bis zum jugendlich-heldischen Wagner eingeschlagen haben. Steht da der Lohengrin als nächster Schritt bevor? Und zerbricht man sich sehr den Kopf darüber, ob das, was man tut, richtig ist?

Grundsätzlich haben mir Dirigenten und Theaterdirektoren (darunter auch Ioan Holender, als er mir den ersten Idomeneo gab) Dinge zugetraut, von denen ich mir auf Anhieb dachte: „Spinnen die?“ Aber dann war es doch richtig. Also, mein Vorbild ist Anton Dermota, der bis zu seinem Lebensende Mozart gesungen hat, wie ich es auch vorhabe, und dennoch Florestan und zumindest auf der Platte Stolzing und Lohengrin war… Es hat ja auch Klaus Florian Vogt für seine Kollegen viel möglich gemacht, dass an sich lyrische Sänger mit schlankeren Stimmen jetzt Wagner singen „dürfen“. Und ich sage Ihnen eines: Mit dem Stolzing kann man auch einen Johan Botha tot kriegen, wenn ein Dirigent „draufhaut“, weil der arme Mann einfach so viel zu singen hat, und am Ende des dritten Aktes noch eine große Arie… Aber ich weiß mich bei Robin Ticciati in guten Händen, und außerdem liegt der Stolzing von der Tessitura her genau wie der Tamino, also für meine Stimme ideal. Es geht also nur darum, die Riesenpartie durchzuhalten. Aber ich gehe das ganz locker an, mache mir so wenig Druck wie möglich, denke auch nicht gleich: Was kommt als nächstes? Ich singe jetzt einmal in Glyndebourne den Stolzing.

Sie waren vor einiger Zeit immer wieder krank. Das ist für einen Sänger ja wohl aus vielen Gründen vielleicht noch schlimmer als für jemanden, der eben nicht nur ins Büro gehen kann.

Es begann mit der Freischütz-Premiere letzten Herbst in Berlin, wobei, ich darf das sagen, mein erster Max ein Riesenerfolg war, wo ich aber schon während der Vorstellung zu husten begann. Das stellte sich dann am Ende als bakterielle Lungenentzündung heraus. Und man muss sehr vorsichtig sein, wie man als Sänger agiert, denn das Publikum ist nicht so verständnisvoll, wie man sich das erhofft. Denn wenn man absagt, sind viele Leute böse und glauben nicht, dass es notwendig ist. Wenn man aber trotzdem singt und sich als indisponiert ansagen lässt, heißt es dann: Warum tut er so etwas? Meine Krankheit hat sich ziemlich hingezogen. Ich war zwar dann Ende November wieder fit für die neue Inszenierung des Freischütz in Kopenhagen unter der Regie von Kasper Holten und konnte auch zu Silvester bei der Gala in Muscat auftreten. Aber eigentlich war ich auch zur Wiener „Arabella“ noch nicht gesund. Nun hatte ich mich auf diese Serie besonders gefreut, auch wegen Anja Harteros als Partnerin, und dann habe ich auch während der Vorstellung gehustet, zwei Aufführungen habe ich gesungen, die dritte ging dann nicht mehr. Dann musste ich auch den „Elias“ absagen und wochenlang Ruhe geben – da fühlt man sich wie ein Sprinter, dem das Knie so weh tut, dass er es nicht mehr bewegen kann. Aber dann war ich doch wieder Anfang März in Helsinki für einen „Elias“ mit Soile Isokoski, jetzt bin ich auf dem Sprung nach Warschau, wo ich beim Penderecki Festival Beethovens „Neunte“ singe, dann geht es nach München für das Mozart-Requiem unter Zubin Mehta, Mitte April gibt es ein Mozart-Requiem dann in Wien mit dem Concentus Musicus unter Stefan Gottfried, im Mai ist Pfingsten und Melk, und dann kommt ohnedies schon Glyndebourne…

Da wird einem ja vom Zuhören schon ganz schwindlig. Macht man das eigentlich gern – man hetzt ja nicht nur von einem Ort zum anderen, man muss ja auch erstklassige Leistungen erbringen?

Ehrlich: Ich liebe es, unterwegs zu sein. Was nicht heißt, dass ich nicht sehr gerne zuhause bin – sowohl immer wieder in Kanada wie auch in Wien, wo unsere neunjährige Tochter in die Schule geht.

Apropos Wien: Wann werden wir Sie wieder an der Wiener Staatsoper hören?

Nachdem ich mehrere Male der Alfred und auch einmal der Überraschungsgast bei Orlofsky war, werde ich zu Silvester erstmals in Wien den Eisenstein in der „Fledermaus“ singen.

Herr Kammersänger, vielen Dank für das Gespräch und viel Glück für alle Ihre Unternehmungen.

Schade und Renate

 

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