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Michael Lemster: DIE MOZARTS

01.11.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Michael Lemster:
DIE MOZARTS
Geschichte einer Familie
384 Seiten, Benevento Verlag, 2019
Eigentlich kennt man sie recht gut, die Geschichte der Mozarts, schon im Kinderbuch hat man von Wolferl und Nannerl gelesen. Ohne Vater Mozart geht die Biographie des Genies nicht, auch nicht ohne den Tod der Mutter in Paris, den der Sohn so verdrängt hat. Und die schillernde Constanze, deren Charakterbild je nach Betrachtung schwankt, ist ohnedies ein Liebling der Autoren geworden. Warum also?

Schon die dankenswerte Stammtafel am Nachsatz des Buches, die die Mozarts vom 15. bis ins 20. Jahrhundert zeigt, deutet an, dass Autor Michael Lenster, Publizist mit Wohnort in der halben Mozart-Stadt Augsburg, mehr zu bieten gedenkt, als man bisher weiß. Auch acht Generationen hinter Leopold Mozart zurück kann man „Motzharts“ finden, schon immer um die Gegend von Augsburg. „Mozarts“ nannten sie sich seit dem 17. Jahrhundert, waren Baumeister, Buchhändler, ein Geistlicher ist dabei und Künstler der anderen Art, nämlich Bildhauer.

Allzu viel ist über sie nicht zu erzählen – Leopold Mozart, der Angelpunkt der Familie, der erste Musiker unter ihnen, hatte dann über seine Tochter (nicht über den Sohn) noch Enkel, Urenkel und Ururenkel. Also, die Mozarts, so weit man sie ein halbes Jahrtausend zurück zu fassen weiß, bis ins 20. Jahrhundert hinein.

So wird dieses Buch zur ausführlichen Familiengeschichte, wobei (wie auch anders) Leopold und Sohn Wolfgang Amadeus im Mittelpunkt stehen. Es geht um die Künstler, aber nicht um deren Werke, sondern um ihre Lebensumstände. Da werden Grundsatz-Probleme behandelt, Krankheiten beispielsweise, die in Mozarts Jahrhundert eine so große Rolle spielten. Es geht um die Macht der Religion (und des „Untergrundes“, wie ihn die Freimaurer repräsentierten). Und es geht natürlich immer wieder ums Geld… denn das treibt schließlich das tägliche Leben an. Wenn Wolfgang Amadeus in einem Brief einmal schrieb: „Je nun, wo man gut zahlt, da bin ich“, war das sicher kein Scherz, sondern bittere Notwendigkeit.

Am Vorsatz des Buches gibt es eine Europa-Karte mit Mozarts Reisen – bis Berlin und Amsterdam im Norden, London im Westen, Neapel im Süden, Pressburg und Olmütz im Osten – all das in rumpeligen Postkutschen zurückgelegt, kaum fassbar für den heutigen Menschen, aber als Erklärung für vieles sehr wohl heranzuziehen. Die Mozarts waren eine „Compagnie“, wir würden sagen, eine Firma, Musizieren war ein Geschäft. Und Leopold Mozart verfuhr in den Anfängen nach dem Motto „Zwei Wunderkinder sind besser als eines“, wenn auch Nannerl trotz ihres herausragenden Talents wohl vor allem die hübsche Dekoration für den ausgebeuteten kleinen Bruder war. Wir würden es „Kinderarbeit“ nennen, wenn man unsere Denkweise auf damals übertragen wollte, was absolut nicht legitim ist. Doch folgt das Buch der Biographie von Wolfgang Amadeus teilweise mit heutigen Begriffen und Denkweisen.

Dabei wird wieder einmal klar, dass dieses Leben absolut kein Triumphzug war, sondern eine Anstrengung mit vielen, vielen Niederlagen, mit so vielen Demütigungen wie natürlich auch Höhepunkten. Und dadurch, dass der Autor Platz und Zeit für das alltägliche Leben hat, erfährt man viele Details, die sonst unbeachtet bleiben.

Es fällt auf, dass es ein Buch der Männer ist – die Frauen werden natürlich erwähnt, bleiben aber  am Rande. Auch Nannerl, deren Talent und, in der Kindheit, gleichwertige Erziehung mit dem Bruder betont wird (was damals absolut nicht üblich war), während Leopold sie in das Frauenschicksal zurückstieß, als Wolfgang selbständig reisen konnte. Auch Constanze wird nur vergleichsweise kursorisch behandelt, wenn natürlich jeder das Talent, mit dem sie ihren „Witwenstand“ verwertete, anerkennen muss.

Die Geschichte der beiden Mozart-Söhne (zwei Kinder überlebten von sechsen, das war damals bei Durchschnittsfamilien absolut üblich) ist nicht neu, Franz Xaver Wolfgang („Wowi“), der eine, der es mit der Musik versuchte (der letzte von drei Generationen Musikern), Carl Thomas, der andere, der ein braver Beamter war, und damit enden die Mozarts im Mannesstamm, über Nannerls Nachkommen ist nicht viel zu erzählen.

Und man weiß wieder, nachdem man das Buch mit Interesse gelesen hat, dass es nur zwei „Mozarts“ gibt, die dazu beigetragen haben, in der Geschichte der Musik wesentliche Akzente zu setzen: Leopold, der Organisator (ohne den es den Sohn als Menschen, aber auch als Künstler nicht gäbe), und Wolferl, das Genie.

Renate Wagner

 

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