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MEININGEN: SANTA CHIARA von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha

Santa Chiara“ von Herzog Ernst II. in Meiningen

Besuchte Aufführung: 1. April 2022

Santa Chiara, Coburg-Gotha | Meininger Staatstheater | Operabase

Von umfassend ausgebildeten, mit künstlerischen Begabungen gesegneten Politikern können wir heute nur noch träumen. Allenfalls der einstige SPD-Politiker und ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt mag einem aus der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte in den Sinn kommen, der immerhin so gut Klavier spielte, dass er zusammen mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz Mozarts Konzert für drei Klaviere spielen konnte.

Über welche Begabungen und Kenntnisse verfügte dagegen Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (1818- 1893)! Er studierte Mathematik, Philosophie, Staatsrecht und Jura, erlernte zudem von früh auf das Klavierspiel sowie Tonsatz und komponierte.

Seine erste Oper „Zaire“ schrieb der Herzog 1846 nach der gleichnamigen Tragödie von Voltaire auf Anregung von Franz Liszt, seine erfolgreichste vierte hat nun das Staatstheater Meiningen nach 100 Jahren wieder ausgegraben: „Santa Chiara“, 1854 mit überwältigender Publikumsresonanz uraufgeführt in Gotha unter Liszts Stabführung. Bis 1927 hielt sie sich mit über 50 Wiederholungen auf dem Spielplan und wurde von 25 weiteren Bühnen nachgespielt, darunter Paris, Wien, Berlin, Dresden, Frankfurt und Leipzig. Danach aber verschwand die Erfolgsoper für immer in der Versenkung.

In dem prächtigen klassizistischen Bau des 1831 eröffneten Hoftheaters erscheint das von Traugott Krämer instrumentierte Stück, das mit Anflügen an Meyerbeer, Liszt,  Wagner, Lortzing und Carl Maria von Weber erinnert, gut aufgehoben.

Eine historische szenische Rekonstruktion ist allerdings nicht zu erleben. Vermutlich gab das blumige Libretto von Charlotte Birch-Pfeiffer den Ausschlag dafür, dass HENDRIK MÜLLER mit ironischen Brechungen und exzentrisch-surrealen Kunstfiguren arbeitet, die mit schrillen Frisuren und Klamotten ins Auge stechen (Kostüme: KATHARINA HEISTINGER).

Die Handlung von „Santa Chiara“ rankt sich um die reale Person der 1771 verstorbenen Wolfenbütteler Prinzessin Charlotte Christine, um deren Ableben sich zahlreiche Legenden ranken.

Aus politischen Gründen muss sie den Sohn von Peter dem Großen heiraten, den russischen Zarewitsch Alexej, ein paranoider Wahnsinniger, der seine Frau an ihrem Geburtstag vergiften will und damit seinen Leibarzt Aurelius beauftragt.  An ihrem Sarg trauen ihre Freundin, Gräfin Bertha, und ihr Verehrer, der Chevalier Victor de St. Auban. Aber den Tod erleidet Charlotte Christine nur zum Schein, hat ihr doch Aurelius statt des Gifts nur ein Narkotikum verabreicht.

Es folgt die erfolgreiche Flucht ins Exil, auf der Charlotte in Müllers Inszenierung sogar Jesus persönlich zu Hilfe kommt. Als „Heilige Chiara“ vollbringt sie nun in dem heilbringenden Zentrum einer gläubigen Sekte Wunder, huldigt mit sakralen Ritualen dem Herrn und gewinnt sich Gräfin Bertha und Chevalier Victor, die ihr gefolgt sind, als Mitglieder ihrer Gemeinde. Als schließlich auch der dem Wahnsinn verfallene Alexej erscheint, nimmt das Geschehen ein dramatisches Ende.

In Meiningen ist die Oper in einer gekürzten Fassung zu erleben, und das erscheint vor allem im Hinblick auf die ersten beiden Akte, die im Melodiösen etwas spröde anmuten, sinnvoll. Einige frei erfundene zusätzliche, aus dem Off eingesprochene Texte, teils in Englisch, wirken in ihrer Rätselhaftigkeit allerdings ebenso entbehrlich, vor allem der mehrfach von Computer in Endlosschlaufe abgespulte Satz „Place your mind before the mirror of eternity“, der kurz nach der Pause eine spontane Zuschauerreaktion provoziert: „Geht das auch auf Deutsch“, raunt es aus den hinteren Reihen zur Belustigung aller übrigen. Später klatscht das Publikum spontan, als wie auf Bestellung  die deutsche Übersetzung tatsächlich nachfolgt.

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Lena Kutzer. Foto: Christina Iberl

Auf MARC WEEGERS rotierender, schlicht ausgestatteter Drehbühne ziehen sich die Turbulenzen zunächst durch die Zimmerfluchten eines Palasts und enden in einer Manege.

Nicht von Anfang an steht die Titelheldin im Fokus des Geschehens. Im ersten Akt ist ihr Verehrer Victor mit virtuosen, diffizilen, aber wenig eingängigen Arien und Liedern viel beschäftigt. Grandios meistert PATRICK VOGEL diese etwas undankbaren Monologe, gibt überzeugend den exaltierten Freak mit blonder Haartolle und stark aufgetragener Schminke als Charaktertenor. Groß,  und schlank erstrahlt seine Stimme, deren feine lyrische Gaben in einigen Szenen freilich auch zu ihrem Recht kommen.

Die größte Witzfigur aber verkörpert der ebenso treffliche JOHANNES MOOSER als  paranoider Zarewitsch, der sich seine Mätresse als Schaufensterpuppe in einer Vitrine hält, eine Wahnsinnsarie in Frauenkleidern anstimmt und seinem tätowierten Betthäschen den Dolch in den Unterleib rammt.

Musikalisch besonders reizvoll erscheinen Anfang und Ende des zweiten Akts: Zu Beginn tönen unheilvolle tiefe Posaunen-Chöre aus dem Graben, die Anleihen an  Anton Bruckners Sinfonik nicht überhören lassen.

Zum Ausklang gefällt der treffliche Finne MIKKO JÄRVILUOTO in der kleineren Rolle eines Moskauer Klostervorstehers, dessen mächtiger, fülliger Bass mit herrlich tiefen Gesängen zur Geltung kommt.

Ein magisches, silbernes Harfensolo, vielleicht das schönste in der gesamten Literatur der Grand Opéra des 19. Jahrhunderts, ertönt im Kontext mit Charlottes Wohltätigkeiten im dritten Aufzug. Warum Gräfin Bertha alias SANDRA MAXHEIMER als Zirkusdirektorin die Peitsche schwingt, bleibt zwar das Geheimnis des Regisseurs, der generell das Mittel der Travestie – Männer in Frauenkleidern – etwas überstrapaziert. Aber stimmlich harmoniert Maxheimers sonorer, profunder, schöner Mezzo ideal mit dem Sopran der zurecht umjubelten großartigen LENA KUTZER in der Titelpartie. Als Heilige schwebt die Protagonistin effektvoll aus dem Schnürboden ein, ihr Wagner-erprobter, bis in höchste Spitzentöne sicher geführter Sopran ist von großer Strahlkraft und erhebt sich mühelos noch im Fortissimo über das gesamte Orchester. Bei alledem beherrscht die junge Sängerin die hohe Kunst des Legatogesangs.

Auch alle übrigen einschließlich Chor und Orchester singen und musizieren vorzüglich. Der große Spaß, den die Mitwirkenden sichtlich haben, verdankt die Produktion nicht zuletzt ihrem Dirigenten PHILIPPE BACH. Er treibt die Meininger Hofkapelle und das gesamte Ensemble mit Verve an, balanciert zwischen Bühne und Graben bestens aus und besticht in den Ensembleszenen mit Präzision.

Kirsten Liese

Bei Youtube findet sich auch ein Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=g-Y0qL6iukg

 

 

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