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Martin Haidinger: WILHELM HÖTTL

30.10.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Martin Haidinger:
WILHELM HÖTTL
Spion für Hitler und die USA
208 Seiten, Ueberreuter, 2019

Man konnte auch eine stattliche Nazi-Karriere gemacht haben und dennoch überleben, sogar sehr gut. Der Fall Wilhelm Höttl zeigt es, und seine Biographie ist mit der immer verkaufsträchtigen Behauptung „Spion für Hitler und die USA“ aufgeputzt. Tatsächlich könnte diese Opportunisten-Geschichte wie eine klassische Gauner-Story wirken, wenn der „Held“ und die Begleitumstände nicht so unsympathisch wären.

Historiker Martin Haidinger hat Wilhelm Höttl (1915-1999) noch kurz vor seinem Tod in Altaussee interviewt, den stattlichen alten Herrn im Trachtenjanker, der immer wieder als „Zeitzeuge“ herangezogen wurde, wenn es ums Dritte Reich ging. Dass dieser Mann einen starken Anteil an der Judenverfolgung hatte, davon war nicht die Rede. Auch hatte er sich vom Nazi der ersten Stunde zum „Geheimdienstmann für die Amerikaner“ umgedreht, als diese, den Kalten Krieg vor den Augen, in der Wahl ihrer Mitarbeiter nicht wählerisch waren…

Haidinger erzählt nun Höttls Geschichte, und er tut es formal bunt gemischt, zwischen seiner persönlichen Ich-Erzählung, Höttls-Interviews, Aussagen von Zeitgenossen, die ihn in seinen späten Lebensjahren als Schuldirektor in Altaussee erlebt haben (da sprüht vor allem Andre Heller Gift und Galle), und auch romanartigen Passagen, die da nicht so unbedingt hinein passen, ebenso wenig wie allzu flapsige Formulierungen – „Uff – gerade noch einmal geschafft“ oder „Machen Sie sich auf etwas gefasst, liebe Leserinnen und Leser, denn die Höttl-Story nimmt jetzt gehörig Fahrt auf und wird noch wilder als bisher“, das ist einfach Illustrierten-Stil.

Und so lustig ist die Geschichte ja doch nicht, wenn man nach der Lektüre dem Autor auch zustimmen kann, dass es sich um eine „Berg- und Talfahrt durch Kriegs- und Nachkriegszeiten“ handelt. Eine „gewaltige Geschichte“ ist es wohl nicht, dazu sind die Protagonisten allesamt (und der Titelheld erst recht) zu schäbig.

Wilhelm Höttl, geboren am 19. März 1915 in Wien, großbürgerliches Milieu, der Vater Goldschmiedemeister und Finanzbeamter. Der Junge interessiert sich vor allem für Geschichte, wird dieses Fach auch an der Wiener Universität studieren und promovieren. Und er kommt in eine Welt, in der Geschichte gemacht wird – und spielt mit: Lange vor dem Anschluß schon ein begeisterter Nazi, wurde er bereits 1934 Mitarbeiter des SD, des Sicherheitsdienstes, der die Mitmenschen bespitzelte. Mit 22 war er SS-Untersturmbandführer. Seit 1938 kannte er Adolf Eichmann (und wäre später auch bereit gewesen, für die Israeli in dessen Prozeß gegen ihn auszusagen – weigerte sich aber, nach Israel zu kommen, wohl ahnend, dass man ihn dann zur Rechenschaft gezogen hätte). Die bald eingerichteten „Zentralstellen für jüdische Auswanderung“ brachten Eichmann und Höttl, der die leidenschaftliche Nationalsozialistin Elfriede geheiratet hatte (drei Kinder kamen im Lauf der Jahre dazu), arbeitsmäßig zusammen – Höttl war es, der in Budapest die Menschenjagd auf Juden organisierte und diese Eichmann mit Hilfe eines engmaschigen bürokratischen Netzes zur Vernichtung zutrieb.

Allerdings war es auch nicht leicht, sich im Nazi-Intrigantenstadl zu halten, Höttl fiel zwischendurch aus der Gnade, errang sie wieder, als der Oberösterreicher Ernst Kaltenbrunner (als Nachfolger des ermordeten Heydrich) gerne österreichische Landsleute um sich scharte. Dass er (und nicht Otto Skorzeny Mussolini aus der Gefangenschaft befreite, war wohl eine Angeberei-Behauptung. Auch will er Hans Mosers jüdische Gattin vor der Deportation gerettet haben. Weil er natürlich wie jeder intelligente Mensch wusste, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, hatte er sich für die Nachkriegszeit schon seine „Legende“ zugelegt.

Es ist wahrscheinlich nur amerikanischer Naivität zu danken, dass Höttl nicht in Nürnberg auf der Anklagebank landete, sondern bald aus dem Gefängnis herausgeholt wurde. Er hat für die CIA und den CIC (Counter Intelligence Corps) gearbeitet, wobei er den Amerikanern manchen Bären aufgebunden hat. Wahrscheinlich hat er sich als „österreichischer Gehlen“ empfunden (er war nicht der einzige Nazi, dessen Know How man in Anspruch nahm, ungeachtet der unmoralischen Implikationen) und baute aus dem Salzkammergut eine geheimdienstliche Zelle für Südosteuropa auf.

Aber die Amerikaner ließen ihn fallen (er galt als unzuverlässig und war es auch), und im Zuge des nunmehr nötigen bürgerlichen Geldverdienens schrieb er Memoiren, die sehr erfolgreich warrn, und gründete Schulen für schwierige Kinder in Altaussee (wo eine verzweifelte Elisabeth Heller auch Sohn Andre hinschickte, der überall sonst rausgeflogen war).

Es gab im Ort zwar viele Gerüchte über ihn, natürlich auch über in Seen versenkte Goldschätze, aber Höttl, der „Historiker“, lebte als Schuldirektor und Nazi-Fachmann (immer wieder von Journalisten befragt), geschmückt mit dem großen Ehrenzeichen des Landes Steiermark, unbehelligt bis zu seinem Ende am 27. Juli 1999. Vielleicht ist das eine sehr österreichische Geschichte.

Renate Wagner

 

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