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Martin Haidinger: FRANZ JOSEPHS LAND

01.04.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Franz Josephs Land

Martin Haidinger:
FRANZ JOSEPHS LAND
Eine kleine Geschichte Österreichs
320 Seiten, Amalthea Signum Verlag, 2016 

Es ist Franz Joseph-Jahr, Kaiser sells, sonst würde nicht jede Zeitung und Zeitschrift ein eigenes Sonderheft über ihn herausgeben. Die neuen Biographien sind da, und auch ein seltsames Zwitter-Buch, das sich „Franz Josephs Land“ nennt, den Kaiser als Karikatur auf den Schutzumschlag zeigt und „eine kleine Geschichte Österreichs“ verspricht.

Die reicht zwar nur bis 1916, Kaisers Tod, fängt mit einem Umweg an, mit Julius von Payers Arktis-Exedition, als er 1873 einen Archipel im ewigen Eis „Franz Josephs Land“ nannte, ohne dass dieser je österreichisch geworden wäre. Dann kommt Franz Joseph, dann geht es tief zurück in die Geschichte, und man wird vom Autor gewaltig in den Jahrhunderten herumgebeutelt.

Es gibt zahllose Methoden, Geschichte zu vermitteln, von der knochentrockenen, die die Universitätsprofessoren im 19. Jahrhundert pflegten, bis zum Geplaudere der Unterhalter heute. Martin Haidinger ist ein solcher, im Klappentext nicht nur als Historiker und Journalist ausgewiesen, sondern auch als „Vortragskünstler“, als der er unterwegs ist. Da wird die „gesprochene Sprache“ zur zweiten Natur und legt sich auch schriftlich nieder. Da steht nicht nur die Sache im Mittelpunkt, sondern auch die Pointe („Es geht um die Poldln!“ – so werden die Babenberger angekündigt), und die persönliche Abschweifung ist legitim.

Immerhin, es hat Aussagewert, wenn er von seiner Großmutter erzählt, der Katharina Haidinger, die mit ihren Geschwistern aus Südmähren nach Wien zuwanderte, in der Brigittenau lebte, eine arme Frau, die sich und ihre Familie mit Wäschewaschen ernährte und in den zwanziger Jahre die erste rote Emanzenzeitschrift las. Dennoch sammelte die gute Frau alle Zeitungsausschnitte und Bilder von Kaiser Franz Joseph, derer sie habhaft werden konnte, und das ist kein Widerspruch, sondern ein Paradigma. Außerdem war ihr der „Kaiser“, wie der Enkel richtig vermerkt, um einiges näher als heute den Damen all die vielen Royals, deren Geschichten sie in der „Yellow Press“ verschlingen und die doch unwichtiger nicht sein könnten.

Dennoch, um es vorwegzunehmen, ein Franz Joseph-Buch, wie der Titel letztlich doch verheißt, ist es nicht. Kommt er allerdings an die Reihe, merkt man jedenfalls immer, dass der Autor zu jenen gehört, die alles missbilligten, was der Kaiser je tat. Das steht ihm natürlich frei, Geschichte ist immer Interpretationssache, sagt – wie jede Interpretation – oft mehr über den Urteilenden aus als über den Gegenstand, den er sich vornimmt, aber jeder darf natürlich seine Meinung haben. Dann bekommen wir folgende Begründung für den Ersten Weltkrieg und sein Blutbad:
„Nach zwei sündteuren Mobilmachungen der Armee angesichts der Balkankriege, die für Österreich aber Trockenübungen blieben, hatte der Kaiser die Devise ausgegeben: Wenn das nächste Mal mobil gemacht wird, muss schon ein Waffengang daraus werden, damit sich’s auszahlt!“

Immerhin bringt Haidinger das Resümee in Erinnerung, das Karl Kraus 1920 über Franz Joseph zog und in dem sich die unschätzbaren Zeilen finden:

War eine Seele in dem Staatsgewand?
Formte das Land ihn? Formte er das Land?
Wer, der ihn kannte, hat ihn auch gekannt?
Trug ein Gesicht er oder einen Bart?

Wenn man in der Eigenschaft als halbwegs Informierter über die österreichische Geschichte dieses Buch liest, das bald auf illyrische Frühzeiten zurückblendet und den Weg über Römer, Mittelalter bis zu den Habsburgern macht, dann nerven nicht nur die Vertraulichkeiten des Autors: „Ich habe eine gute Nachricht, lieber Leser!“ Da fühlt man sich, als ob man bei IKEA wider seinen Willen geduzt würde.

Darüber hinaus weiß Haidinger alles besser. Ihn hätten sie fragen sollen, all die Fürsten und Kaiser, die da durchmarschieren, dann hätten sie so viele Fehler nicht gemacht! Wie dumm von ihnen. Hie und da stolpert man auch – war da nicht gerade noch Maximilian I., und jetzt ist man im nächsten Kapitel beim Dreißigjährigen Krieg? Fehlt da nicht mehr als ein Jahrhundert? Kommt später, als Rückblende. Man muss flexibel bleiben. Und wenn man gar bei Van Swieten und den Ghost Busters landet…

… dann weiß man, dass man dieses Buch am besten jenen empfiehlt, die Geschichte leicht und lustig serviert bekommen wollen. Denn was ist denn schon „wahr“? Nicht von ungefähr zitiert der Autor auf der vorletzten Seite den Spruch Voltaires: Geschichte ist nur die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

Anders gesagt: Erzählt doch, was ihr wollt, solange es uns unterhaltet!

Renate Wagner

 

 

 

 

 

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