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Markus Gasser: DIE VERSCHWÖRUNG DER KRÄHEN

06.03.2022 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Markus Gasser
DIE VERSCHWÖRUNG DER KRÄHEN
Roman
240 Seiten, Verlg C.H.Beck, 2022    

Wenn zu Beginn ein alter Mann anno domini 1730 geradezu zähneknirschend darauf wartet, dass – wie versprochen! – seine Kutsche überfallen wird, und wenn man dabei seinen Gedankengängen folgen darf, dann weiß man, dass man es mit einer höheren Art von Schelmenroman zu tun hat. Und so kommt es auch – der Held heißt Daniel Defoe (bzw. damals noch De Foe), man befindet sich im England der Queen Anne Stuart, und Autor Markus Gasser mischt in seinem Roman „Die Verschwörung der Krähen“ Faktisches und Erfundenes zu einem Buch, das alles sein will, auch historischer Kriminalroman, auch Biographie, auch detailliertes Zeitporträt.

Denn der österreichische Autor, bisher für seine Sachbücher (meist in Zusammenhang mit Literatur) bekannt, fährt zwar biographisch manche Station aus Defoes Leben ab (so erfährt man interessiert und genau, wie das Leben ihm quasi den „Moll Flanders“-Roman diktiert haben könnte), vor allem aber geht es ihm um (mit Sicherheit sorglich recherchierte) Zeitgeschichte anno dazumal. Und die ist – schrecklich, ein Sumpf, in dem man sich als Leser schaudernd gefangen fühlt.

Es dauert in dem Buch lange, eigentlich bis kurz vor dem Ende, bis schließlich doch die Leiche des ultimativen Bösewichts, des Mr. Jonathan Wylde, am Ufer der Themse angeschwemmt wird, die titelgebenden Krähen (die metaphorisch schon manche Augen ausgehackt haben) bereits (gemeinsam mit streunenden Hunden) die Leichenteile verstümmeln und die Schauerstory damit einen Höhepunkt erreicht.

Dabei ist der Autor von dem „Prolog“ in der Zeit zurück gesprungen, um das Leben des Daniel Foe, der das „De“ vor seinen Namen fügte, um sich interessanter zu machen, in den Griff zu bekommen – was nicht ganz gelingt. Nicht nur, weil Defoe eine so schillernde, widersprüchliche und als Schreiber workaholic’sche Figur war, sondern weil der Autor sein Wissen um die Zeit so ausführlich einbringen will, dass er seinen Helden immer wieder aus dem Auge verliert. 

Also schwelgt er gewissermaßen als Historiker in einem Zeitalter  der Gewalt und Gesetzlosigkeit, in dem unsägliche Zustände in den Gefängnissen herrschten und andauernde Hinrichtungen einander folgten. Jonathan Wylde war der Verbrecherkönig der Epoche, der Kinder kidnappen ließ, um sie zu Dieben auszubilden, der ein ganzes Imperium des Verbrechens befehligte Auf der anderen Seite herrschte am Hof von Queen Anne ein ähnlicher Orkus an Intrigen, Korruption und gewaltsamer „Politik-Ausübung“.

Defoe, der in seinen Anfängen als Kaufmann nicht eben erfolgreich war, widmete sich im Rahmen seines turbulenten Lebens als Journalist dem Kampf gegen das gnadenlose System, das dem einfachen Volk so gut wie keine Chance ließ. Leicht hatte er es nicht, obwohl mit Gattin Mary eine verlässliche, kämpferische Frau an seiner Seite stand – aber, wie gesagt, man versinkt vor allem in den Details einer schaurigen Zeit. Obwohl auch heute Politik korrupt ist (wann in der Geschichte war sie es allerdings nicht?) und auch heute Verbrechersyndikate ihre Fäden ziehen (wenn auch eher im Verborgenen), so fühlt man doch die von manchen Kritikern angesprochene „Aktualität“ des Werks bzw. seiner Epoche nicht wirklich.

Der Autor hat hier sowohl Literatur wie Historie, Biographie wie Krimi ins Auge gefasst und ist irgendwie dazwischen stecken geblieben. Weniger ausufernde Schilderungen und näher an Defoe selbst, hätte man sich als Leser wohler gefühlt.

Renate Wagner

 

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