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Markus Gasser: DIE LAUNEN DER LIEBE

18.03.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Markus Gasser:
DIE LAUNEN DER LIEBE
Wahre Geschichten von Büchern und Leidenschaften
320 Seiten, Hanser Verlag, 2019

Autor Markus Gasser, Privatdozent, Essayist und Kritiker, hat sich als Buchautor auf – Literatur konzentriert. Ob er Weltgeschichte in Romanen erzählt, ob er die „ultimativen“ Bücher für „die Insel“ vorstellt, immer geht es um die Bedeutung von Literatur für das menschliche Leben. In „Die Launen der Liebe“ (Untertitel: Wahre Geschichten von Büchern und Leidenschaften“) macht er nun einen Schritt weiter. Er zeigt am Beispiel einzelner Schriftsteller, wie Literatur sich in das Leben hineinfressen kann – wie manche Menschen nur zu leben schienen, um sich selbst in Literatur zu verwandeln. Dazu gibt es ein paar tolle, aber auch schaurige Beispiele…

Dass Sylvia Plath und Ted Hughes gleich am Beginn stehen (und dann noch einmal wieder kehren), scheint klar: Es gab wohl kein (hoch begabtes) Paar in der Geschichte, das sich selbst, seine eigenen Biographien, seine Emotionen dermaßen umweglos in Literatur umsetzte… fraglos angesichts zweier faszinierender Borderline-Persönlichkeiten auch an der Grenze des Krankhaften. Warum Sylvia Plath sich selbst umbrachte (ihre beiden kleinen Kinder im Nebenzimmer), wird ihr Geheimnis bleiben. Aber der immer wieder, auch hier ausgesprochene Verdacht liegt nahe, sie habe es einerseits getan, um Ted Hughes (der sie verlassen hatte) ultimativ zu bestrafen, andererseits, um durch ihren Tod der Welt ein Rätsel aufzugeben und ewigen Ruhm zu ernten. Falls es so war, ist es ihr gelungen – und der (ebenso begabte, aber von der Welt immer unterschätzte) Witwer wurde seines Lebens nie mehr froh…. Die Geschichte der beiden ist wieder und wieder erzählt worden – Stoff für sie selbst und Stoff für die anderen.

Nicht immer wirkt Literatur so lebenszerstörend, aber die Fälle der „Selbstbefreiung“ sind zahlreich, viele Paare (oder Dreierbeziehungen) des Buchs belegen es. Interessant ein Fall wie jener von John Galsworthy, der die unglückliche Gattin seines Cousins heiratete, aber diesen dann, als er die tragische Verstrickung in der „Forsythe Saga“ schilderte, im Buch (als Soames Forsythe) weit besser aussehen ließ, als er im Leben gewesen war. Vielleicht auch hätte Galsworthy, der sich für keinen besonderen Autor hielt und sich über die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises weidlich wunderte, überhaupt nie geschrieben, wenn Ada – die Gattin unter komplizierten Umständen – ihn nicht dazu getrieben hätte…

Besonders interessant und durchaus „alternativ“ zur üblichen Betrachtungen erscheint, wie Markus Gasser den Fall „Goethe und Bettine“ sieht. Denn da ist Goethe keinesfalls, wie üblich, der lüsterne ältere Herr, der den Blick auf den Teenager wirft – Gasser scheint mühelos zu beweisen, dass Bettine Brentano (spätere von Arnim) den großen Mann geradezu gestalkt hat, dass sie ihn (sehr zum Ärger von Christiane, Goethes Gattin) in eine Beziehung geradezu hineintreiben wollte… Er hatte genug Verstand, nicht in diese Falle zu tappen, und hat sie später angesichts ihrer Zudringlichkeiten total fallen lassen. Sie war es, die in ihrem Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ sich selbst ein Denkmal setzte, wie es so mancher Dichter getan hat, der der Welt die eigene Bedeutung beweisen wollte… Eine spannende, ungewöhnliche Art, diese Geschichte zu erzählen.

Was haben sie sich nicht alles autobiographisch von der Seele geschrieben, die in ihre Verzweiflungen verstrickten Dichter – E.M.Foster und Malcolm Lowry in ihrer Homosexualität, John Updike in seinem Todeswahn, den er mit seinen „Rabbit“-Romanen bannen wollte, Marguerite Duras in ihrer Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern. Parallele Schicksale lassen sich zwischen Elizabeth Barrett und Robert Browning hier, Yoko Ono und John Lennon dort erkennen.

Berühmte Schriftsteller (Byron, Paul Bowles, Nabokov, Marquez) erstehen in ihren Beziehungs- und Literatur-Geflechten, aber der Autor nimmt auch ein weitgehend unbekanntes Solo-Beispiel her: Die neuseeländische Autorin Janet Frame, deren Schilderung, was sie in Nervenheilanstalten zu erleiden hatte, ihre Mitwelt so erschütternd erreichte, dass die Regierung Neuseelands mehrere Psychiatrische Anstalten, wo solche Missstände herrschten, schloß. Was Literatur alles erreichen kann…

Renate Wagner

 

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