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Marita Krauss: LOLA MONTEZ

28.10.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Marita Krauss
Das Leben der LOLA MONTEZ
Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen
344 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2020

Der Begriff des „Sich selbst neu Erfindens“ scheint ganz in unsere Welt zu passen, aber zu den eindrucksvollsten Beispielen der Geschichte zählt wohl die Tänzerin „Lola Montez“ (1821-1861), zu deren bevorstehenden 200. Geburtstag nun eine neue Biographie erschienen ist.

Obwohl sie sich selbst immer als Frau inszenierte, die im Widerstand zu einer etablierten Männerwelt lebte (was natürlich heutzutage hoch erwünscht und bewundert wird), ist ihr Leben doch kein glanzvolles. Im Gegenteil – so genau, wie Autorin Martia Krauss, Universitätsprofessor in Augsburg, Schwerpunkt bayerische Regionalgeschichte, dieses Leben schildert, wirkt es auf den Leser zunehmend tragisch. Wenn man dieser geborenen Eliza Gilbert auch zugestehen muss, dass sie in ihrer kurzen Lebenszeit zwar immer wieder der Maßlosigkeit und dem Größenwahn verfiel, aber immer Erstaunliches geleistet und nie aufgegeben hat.

Auf diese Art füllen sich 40 Jahre eines Lebens mit einer Unzahl von Verwandlungen und „Karrieren“, die sie so berühmt machen, dass auch die Nachwelt sie nicht vergessen hat. Wahrscheinlich hat jeder einmal das Gemälde gesehen, das Joseph Karl Stieler von ihr gemalt hat, die besonders schöne Frau mit den ausdrucksvollen Augen. Auch ist wohl nicht nur den Bayern in Erinnerung, dass sie beinahe den Thron der Wittelsbacher zum Wanken gebracht hätte. Im übrigen gilt „Lola Montez“ als „spanische Tänzerin“.

Wer sie wirklich war, hat die Autorin akribisch hinter diesem Leben hergeforscht und eine Geschichte erzählt, die man als Abenteuerroman im Stil von „Angelique“ fast als unglaubwürdig bezeichnen würde. Dennoch hat eine Frau hier ihr Schicksal ununterbrochen in die Hand genommen, weil sie sich nicht in die Bedeutungslosigkeit fügen wollte. Dass Selbstbestimmung einen hohen Preis fordert, auch das wird hier erzählt.

Geboren wurde Eliza Gilbert am 17. Februar 1821 in Irland, knapp 40 Jahre später (am17. Januar 1861) starb sie als „Lola Montez“ in New York: Erst auf ihrem Grabstein erschien wieder ihr „echter“ Name – den anderen hatte sie, samt zugehöriger Pseudobiographie, erfunden. Immerhin hätte sie sich auch Gräfin von Landsfeld nennen können, denn diesen Titel verlieh ihr König Ludwig I. von Bayern. Und es gab auch noch Ehemänner, deren Namen sie trug.

Aber die irische Halbwaise (der Vater starb in Indien, als sie zwei Jahre alt war), deren Mutter sich nie liebevoll um sie gekümmert hat, floh 16jährig in eine Ehe mit dem englischen Offizier Thomas James, um zu verhindern, dass die Mutter sie mit einem 60jährigen verheiratete. Und als sie wenige Jahre danach wegen Ehebruchs schuldig geschieden war und buchstäblich von dem Nichts stand – da tauchte sie nach Spanien ab, um die Sprache und das Tanzen zu lernen.

Sie kehrte als „Lola Montez“ nach England zurück (wobei sie einen Großteil ihres Lebens ohne Papiere verbrachte, ein Kunststück für sich). 1843 debutierte die 22jährige als behauptete Spanische Tänzerin in London, und auch als man in England sehr wohl ihre wahre Identität entdeckte und sie als Hochstaplerin brandmarkte, konnte sie die Illusion der „Lola“ den Rest ihres Lebens auf dem Kontinent aufrecht erhalten.

Der lange Weg, der sie zum Weltruhm führte, beruhte einerseits darauf, dass Lola, wie man sie nun nennen möchte, immer wusste, Männer als Mäzene einzusetzen. Zudem hatte sie ein grenzenloses Talent für Selbstinszenierung. Bevor man den Begriff noch kannte, kreierte sie ein Image – der rauchende, Peitschen schwingende, launische und unberechenbare Star, der wusste, dass jeder noch so falsche Artikel in den Zeitungen ihren Ruhm nur vermehrte, wobei sie alles tat, um die Medien stets mit sensationellen Neuigkeiten zu füttern. Wahrscheinlich waren es – die Autorin zitiert reichlich aus zeitgenössischen Quellen – weit weniger ihre Qualitäten als Tänzerin als vielmehr ihre Schönheit und ihr Ruf, die zu dem „Mythos“ Lola Montez beitrug, der die Theater füllte.

Sie ging nach Deutschland, nach Warschau, nach Paris, hatte vermutlich ein Verhältnis mit Franz Liszt (was angesichts seiner Berühmtheit auch für sie gut war), fand immer wieder reiche Gönner. Und schließlich, als sie nach München kam, den ultimativen – einen König.. Ludwig I. von Bayern (1786-1868) war 35 Jahre älter als Lola, lange verheiratet, Vater vieler Kinder, sehr katholisch – und ein Romantiker. So, wie sein Enkel Ludwig II. später Richard Wagner verfiel und sich für seine Liebe mit steten Geldforderungen konfrontiert sah, passierte dasselbe seinem Großvater mit Lola Montez, der er die Spanierin glaubte, mit der er meist Spanisch sprach (offenbar nicht bemerkend, dass er die Sprache besser beherrschte als sie) – und die ihn zwei Jahre lang, von Oktober 1846 bis zu Ludwigs Abdankung nach der Revolution von 1848, beherrschte.

Marita Krauss konnte für diesen Teil ihrer Schilderung die tagebuchartigen Kalender-Aufzeichnungen des Königs aus der Bayerischen Staatsbibliothek heranziehen, und für diese in aller Ausführlichkeit geschilderte Epoche wird Ludwig zum geradezu rührenden Helden des Geschehens. Gut möglich, dass er mit der schönen Lola in der ganzen Zeit nur zweimal wirklich Geschlechtsverkehr hatte (um sein katholisches Gemüt nicht zu sehr zu belasten), aber er war süchtig nach ihrer Gesellschaft und überschüttete sie mit Geld und Geschenken. Wie ihre Launen ihm zu schaffen machten, entnimmt man seinen Aufzeichnungen, wie sehr er immer gewillt war, ihr nachzugeben, desgleichen.

Lola Montez, die sich bis dahin begnügt hatte, ihren Status als „Star“ und einen üppigen Lebensstil zu pflegen, veränderte sich in diesen Münchner Jahren, geriet in einen wahren Machtrausch, wollte es nicht mit der Erhöhung zur Gräfin bewenden lassen, sondern gerierte sich als politische Beraterin, die tatsächlich in das Geschehen in Bayern eingreifen wollte.

Der Widerstand gegen Lola war (nicht nur, weil sie „Ausländerin“ war) überaus stark, sie selbst nannte die „Jesuiten“ ihre ärgsten Feinde, aber auch die Königin wusste sich zu wehren. Man ächtete Lola gesellschaftlich – aber der König hielt unerschütterlich zu ihr. Erst als er angesichts der Revolution von 1848 den Thron seinem Sohn übergab (der sofort die ungeheuren Ausgaben für Lola einbremste) und Lola in die Schweiz floh, löste sich die Beziehung langsam. In seinem Kalender hatte der König schon davor notiert, welch zunehmende Belastung die unbequeme, fordernde, Szenen machende Geliebte darstellte… Dennoch, Lola war, wie die Autorin meint, für Ludwig I. eine Droge, die er benötigte, um sich in seine „ritterlich-romantischen“ Traumwelten zurück zu ziehen, die ihm die harte Realität versüßten.

Später erfuhr der König, dass Lola ihn betrogen hatte, und als sie ab 1850 von ihm kein Geld mehr zu erwarten hatte, heiratete sie einen britischen Offizier, was ihr durchaus schadete, da sie nach der geschiedenen ersten Ehe nicht wieder heiraten durfte und in einen Bigamie-Prozeß geriet.

All das ist so interessant, weil man meinen könnte, dass Lola Montez nach dem himmelhohen Absturz aus den Münchner Jahren gewissermaßen „erledigt“ gewesen wäre. Aber nicht zum ersten Mal in ihrem Leben orientierte sie sich neu – und füllte ihr nächstes (letztes) Lebensjahrzehnt mit hektischen Aktivitäten, die nicht zuletzt die Veröffentlichung ihrer mit Sensationen gespickten Autobiographie beinhalteten.

Erneut als Tänzerin auf der Bühne, erweiterte sie ihr Repertoire, schrieb ein „Stationen-Stück“ mit dem Titel „Lola Montez in Bavaria“, mit dem sie dann auf einer Amerika-Tournee reüssierte. Mit Staunen und sogar Spannung liest man, wie mühselig sich die Reise (teils in Planwagen) von der Ostküste (wo sie am Broadway erfolgreich war) in den „Goldenen Westen“ Kaliforniens darstellte – aber sie gab nicht auf. Schnell begriff sie, dass sie selbst als Impresario ihrer eigenen Wandergruppe agieren musste, und wie nötig es war, ihre Auftritte medial vorzubereiten. Sie schaffte das, ließ sich in den USA nieder, wurde wieder von den ihr eigenen Fliehkräften angetrieben, tourte durch Australien, bis sie schließlich – obwohl nach heutigen Begriffen alles andere als „alt“ – zum Tanzen zu müde war.

Und noch einmal gab sich Lola Montez einen Stoß, vor dem Publikum zu erscheinen und die Popularität ihres Namens auszupressen: Sie trat als Vortragende auf, stellte sich Lesungen zusammen, die in dem Buch genau analysiert werden – geschickt und klug fand sie mit Themen über Frauenschicksale und Frauenprobleme (das bezog sich auch auf die Schönheitspflege) Akzeptanz.

Und noch eine Wendung, bevor sie früh starb, möglicherweise weil ihr Körper nach der Erschöpfung eines unsteten Reiselebens einer Lungenentzündung nichts mehr entgegen zu setzen hatte: Sie wurde karitativ, engagierte sich für „gefallene“ Frauen, sie war fromm geworden, sie starb als Christin – was den abgedankten König Ludwig, als man es ihm mitteilte, sehr beruhigte: „Wiederhohlt und wiederhohlt habe ich gesagt, daß ein Teufel und Engel in ihr. Glücklicherweise hat letzterer am Ende gesiegt.“

Die Frau, die in diesem Buch dargestellt wird, ist nicht unbedingt sympathisch in der Berechnung und in der Skrupellosigkeit, mit der sie so gut wie immer vorging. Aber ihre Leistungen, die sie niemand anderem verdankte als sich selbst, sind bewundernswert.

Als Faszinosum ging sie in die Geschichte ein, Inspiration für Dramatiker (Grillparzers „Jüdin von Toledo“ über die Besessenheit eines Königs mag durchaus von Lola und Ludwig beeinflusst gewesen sein), Kino, Operette und zahllose Bücher umkreisten sie seither. Es soll demnächst wieder eine Oper über sie geben.

„Lola Montez, die Kunstfigur, erlebt in jeder Epoche eine Auferstehung“, resümiert die Autorin. Ihre penible Biographie, die ihren Gegenstand weder hochputscht noch herunter macht, ist mit Hinblick auf einen 200. Geburtstag ein Teil davon.

Renate Wagner

 

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