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Maria Marc: MEIN LEBEN MIT FRANZ MARC

28.03.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Marc, Maria  Franz Marc

Maria Marc: 
„Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen“
MEIN LEBEN MIT FRANZ MARC
192 Seiten, Siedler Verlag, 2016
 

Die Geschichte ist nicht neu, sie wurde schon einige Male erzählt und hat, möglicherweise, hier und dort Kopfschütteln hervorgerufen. Es geht um den Maler Franz Marc, allerdings nicht in erster Linie um ihn als Künstler. Vielmehr um den Mann und Menschen Marc, der Frauen faszinierte und sie rücksichtslos benützte. Dennoch weiß diejenige, die er dann als zweite Gattin (doch noch) geheiratet hat und der er schier Unglaubliches zumutete, nur Gutes über ihn zu sagen.

Brigitte Roßbeck ist Wissenschaftlerin, die sich speziell mit Kunst und mit den Mitgliedern des „Blauen Reiters“ befasst, auch vor allem mit den Frauen, die ja doch in der zweiten Reihe stehen. Als Autorin ist sie Privatem auf der Spur. Sie hat sowohl eine Biographie über Franz Marc wie auch über das Künstlerpaar Franz und Marie Marc veröffentlicht. Franz Marc, geboren 1880, war 1916 als Soldat im Ersten Weltkrieg bei Verdun gefallen. Marie Marc, als Marie Franck 1876 in Berlin geboren, starb 1955.

Brigitte Roßbeck wusste, dass Marie ihre Erinnerungen aufgeschrieben hatte, in verschiedenen Fassungen, wo sie einiges an Fakten preisgab, „wohl dosiert und fein sortiert und beschönigend makellos“, wie die Herausgeberin zu Recht findet. An die vier Jahrzehnte hat Marie den Gatten überlebt, gerade ein Jahrzehnt waren sie zusammen – und in dieser Zeit hatte sie wahrlich zu leiden gehabt. Sie eroberte sich, wieder formuliert es die Herausgeberin so treffend, „durch kluges Lavieren und fast grenzenloses Beharrungsvermögen“ den Platz an Marcs Seite, eine Bemühung, die angesichts der Umstände sonst kaum eine Frau auf sich genommen hätte.

Ihre Schilderungen beziehen sich fast ausschließlich auf ihn, den um dreieinhalb Jahre Jüngeren, den sie mit 28 in München kennen lernte, nachdem sie ihre eigene künstlerische Ausbildung in Berlin durchlaufen hatte. Selbst Künstlerin, hat sie sich um seinetwillen immer in den Schatten gestellt. Und hat als Frau die längste Zeit in „Wartestellung“ verharrt, bis sie an der Reihe war.

Als sie sich 1905 in Schwabing, bei einem Kostümfest (Bauernball), trafen und er sich dachte „Wer mag das blonde Mädel sein?“, faszinierte er sie mit „seinem wunderbaren Kopf, mit den ernsten dunklen Augen und dem freundlichen Lächeln.“ Sie fühlte sich minderwertig, und außerdem war Marc damals mit seiner bereits todkranken Freundin Annette Simon zusammen. Mit Marie, die schnell in sein Leben eintrat, verband ihn anfangs „reine Freundschaft“, und sie schildert enthusiastisch Marc als Menschen und Künstler in dieser Zeit.

So „rein“ blieb die Beziehung nicht, Annette gab es auch noch, und Marie war bereit, das zu akzeptieren. Sie ertrug noch viel mehr, was sich bald ergab – nämlich, dass sich Marie Schnür, ihrerseits Künstlerin und enge Bekannte von Marie Franck, in diese Beziehung drängte. Marc, der die beiden Frauen zusammen malte, bringt jeden Interpreten in Erklärungsnotstand, wenn man sich fragt, warum er bereit war, nicht die geliebte Marie Franck, sondern Marie Schnür zu heiraten, als Akt der Mildtätigkeit, damit sie ihr uneheliches Kind zu sich nehmen konnte, eine angebliche oder wirkliche Scheinehe – und „seine“ Marie ließ es sich gefallen, auch die Ausbrüche der anderen, während sie selbst im Buch immer betont, wie fremd ihr Eifersucht gewesen sei. Auch hier Erklärungsnotstand, kaum nachzuvollziehen, was Marie ihrem Franz Marc alles nachsah…

Sie hing nun völlig in der Luft, während er seine erfolgreichsten Jahre als Künstler teils in Paris, teils in Deutschland, im Kreis der großen Kollegen auslebte, Marie nur selten bei ihm, zumal die „Gattin“ alle Verabredungen brach und dann bei der Scheidung dafür sorgte, dass Marie Franck als „Ehebrecherin“ genannt wurde, was eine Ehe zwischen ihr und Marc längere Zeit unmöglich machte…

„Franz und ich waren innerlich sehr traurig darüber; es war ja auch nicht zu verstehen, dass Schnür sich zu einem solchen Schritt ernstlich entschließen konnte. Aber was sollten wir machen?“ ist die einzige Reaktion, die Marie Marc in ihren Erinnerungen dazu liefert. Abgesehen davon, dass sie wie nebenbei zugibt, dass Franz Marc damals gar nicht davon sprach, nun sie zu heiraten…

Es dauerte fünf Jahre, bis es endlich doch so weit war, dass Marie sich Marie Marc nennen konnte, und dann war das Happyend kein wirkliches: Er ging in den Krieg, er kam nicht zurück. Marie Marc war länger Witwe, als sie Gattin, als sie Gefährtin sein durfte. Sie sorgte für den Nachlass und war weiterhin mehr für ihn als für sich da. Eindeutig: dass es für sie von dem Moment an, als sie ihn erstmals sah, keinen anderen Menschen gab, der wichtig war – das geht aus diesen im Grunde ergreifenden Erinnerungen, einem Exempel weiblicher Hingabe und Opferbereitschaft, hervor.

Renate Wagner

 

 

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