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Manuel de Falla / Federico García Lorca: Spanische Lieder

02.11.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD De Falla

Manuel de Falla / Federico García Lorca:
Spanische Lieder

Estrella Morente, Javier Perianes
harmonia mundi CD

Die sieben populären spanischen Lieder (siete canciones populares españolas) von de Falla sind ja nicht zuletzt dank großartiger Einspielungen der spanischen Diven Caballé, de los Angeles und Berganza zum allerorts geschätzten Allgemeinkanon spanischer Musik geworden – große Opernstimmen mit allen Finessen und üppiger Klangpracht gesegnet, die allesamt primär einer hohen Klangästhetik verpflichtet waren. Ganz im Gegenteil dazu wartet die neueste Programm-CD mit Musik von de Falla und (ja!) Lorca mit einer der berühmtesten Flamenco-Sängerinnen Spaniens als Solistin auf. Estrella Morente, in Granada aus einer Familie berühmter Flamenco-Musiker und Tänzer geboren, ist einem breiteren Kinopublikum als Interpretin des Titelsongs im Film „Volver“ von Pedro Almodovar in bester Erinnerung. Mittlerweile beglückt sie in weltweiten Auftritten, zuletzt mit Klassikern brasilianischer Musik, mit ihrer wahrlich einzigartigen und unverwechselbaren Stimme, das Publikum. Die erste Begegnung mit dieser gehauchten, rauchigen, bisweilen fast kindlichen Stimme wie aus flimmernder Seide ist beinahe ein Schock, der sehr bald der Faszination und letztlich der Erkenntnis, weicht, dass diese Bearbeitungen populärer spanischer Volkslieder durch de Falla und Lorca genauso so und nicht anders gesungen werden müssen. Bei Morente stehen der lyrische Gehalt und der Mythos der Andalusierin als leidenschaftlicher Frau des Alltags im Vordergrund. Nicht Stimmschönheit und noch weniger die Virtuosität des Gebotenen steht im Zentrum ihres Gesangs. Dafür hat diese Musik noch niemand nuancen- und, bedeutungsreicher als Morente gesungen. In der Stimme von Estrella Morente schwingt etwas mit, was wir in der Opernwelt von Ljuba Welitsch kennen. Eine Art „sinnlicher Keuschheit“, eine vibrierende Erotik einer verführerischen femme fatale, die alles mit bloß stimmlichen Mitteln ausdrücken kann.

Am Flügel kongenial unterstützt vom Falla-Experten Javier Perianes, werden diese Arrangements zum ersten Mal zum Symbol von ganz persönlichen Erlebnissen einer Frau, die “arbeitet, singt, liebt, leidet und träumt.“ Die CD ist aber auch deshalb besonders interessant, weil sie auch den Einfluss de Fallas auf Federico García Lorca dokumentiert. Lorca sprach von de Falla als einem „Heiligen, einem Mystiker, jemanden, dessen Durst nach Perfektion erstaunt und erschreckt zugleich“. De Falla hatte mit seinen sieben populären Liedern den Geist spanischer Folklore aus Andalusien, Murcia, Aragon und Asturien mit der Harmonik des 20. Jahrhunderts beispielhaft zu verbinden gewusst.

Diesen Einfluss hört man auch bei den Bearbeitungen von Federico García Lorca, den 12 „Canciones españoles antiguas“. Harmonisch wesentlich simpler als die Bearbeitungen von de Falla konzipiert, kommen dennoch der Flair und die Atmosphäre dieser Lieder bestens zur Geltung. Dafür sorgt auch wieder Estrella Morente, die sich die Ersteinspielung aus dem Jahr 1931 mit der Tänzerin und Sängerin Encarnacíon Lopez, genannt „La Argentinita“ zum Vorbild nahm.

Javier Perianes darf auf der CD auch als Solist zeigen was er kann, nämlich bei der Suite für Klavier aus dem einaktigen Ballett „El amor brujo“. Diese „Gitanería“, eine Arabeske aus Blut und Knochen, vereint verschiedene Tanzformen wie Tarantella oder Vito mit alten „Zigeunerweisen“. Perianes ist dabei wie auch als Begleiter ein wesentlicher Faktor für den hohen Rang dieser uneingeschränkt zu empfehlenden Aufnahme. Die Tonqualität ist ebenfalls herausragend.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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