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MANNHEIM: PARSIFAL

13.06.2012 | KRITIKEN, Oper

MANNHEIM: PARSIFAL am 7. Juni 2012


Foto: Nationaltheater Mannheim

Es ist eigentlich kaum zu glauben in der heutigen Wagnerschen Regietheater-Landschaft Deutschlands – aber am Nationaltheater Mannheim hat sich seit der Premiere am 14. April 1957 (!) bis heute eine „Parsifal“-Inszenierung „nach“ Hans Schüler gehalten, die ganz im Stile des insbesondere von Wieland Wagner geprägten Neu-Bayreuth konzipiert ist. Mittlerweile offenbar zu einer nicht mehr weg zu denkenden Kult-Produktion avanciert, ist sie 1988 wieder aufgenommen worden und erfreut sich, vielleicht gerade angesichts der o.g. aktuelleren Interpretationsformen, weiterhin großer Beliebtheit. Das Auditorium der in der kühlen Ästhetik einer Fabrikhalle gehaltenen Mannheimer Oper war an diesem Abend fast ausgebucht.

Es ist schon interessant zu erleben, wenn man den Stil Neu-Bayreuths kennt bzw. studiert hat und den aus einem nicht unerheblichen Kreis der sich so nennenden Wagnerianer immer wieder kommenden Ruf nach dem vermeintlich einmaligen und werktreuen Aufführungsstil der beiden Wagner-Enkel am Grünen Hügel in den 1950er und 60er Jahren vernimmt, was sich alles seither in der Wagner-Rezeption getan hat. Dies wird umso spannender, je mehr man die Regie-Entwicklung vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der Nachkriegszeit bis heute betrachtet. Da ist es schon schwer nachvollziehbar, dass beispielsweise Amfortas bei Schüler die ganze Zeit des 1. Aufzugs reglos auf einer Bahre sitzt, ohne jedes Zeichen gefühlten Schmerzes den Gral erhebt und sich ebenso ruhig wieder in den Sessel zurücksetzt. Was für interessante Amfortas-Interpretationen hat die jüngere Wagner-Regie doch dagegen hervorgebracht! Viele von ihnen gehen ans Herz, wie allein in diesem Jahr jene in Lyon und Amsterdam, ganz zu schweigen von Stefan Herheims Amfortas in Bayreuth.

Die Schüler-Ästhetik ist in den Bühnenbildern von Paul Walter und den Kostümen von Gerda Schulte (bis auf das der Kundry im 2. Aufzug) an symbolhafter Statuarik und Konventionalität kaum zu überbieten. Die Abstraktion von menschlicher Qual und Leid wird mit einer idealisierten Personenregie – sofern man überhaupt noch davon sprechen kann – bis ins Unermessliche gesteigert. Es hat ganz sicher auch seine optischen und metaphysischen Reize, wenn sich beispielsweise bei den Verwandlungen zur Gralsszene die schemenhaft angedeuteten Bäume des „heiligen Waldes“ langsam und fast unmerklich in große und optisch beeindruckende romanische Bögen der Gralsburg verwandeln. Und wenn dann die legendäre Artus-Runde unmerklich aus dem Nichts – unverständlicherweise wie eine Karnevalsrunde aus dem nahen Mainz zur Festzeit schunkelnd – auftaucht und sich im Rund um Amfortas zur Kommunion versammelt. Ohne jede Bewegung, es sei denn, um starr synchronisch Brot und Wein zum Mund zu führen. Das war Wagner als Tempeldienst, wohl etwa so, wie man es in den 1950er und bis in die 1970er Jahre kannte und würdigte. Eine solche Regie passt insbesondere in den beiden Randaufzügen auch zur getragenen Dynamik der Musik und entfaltet dadurch ein hohes Maß an Mystik und Verklärung. Aber ist das nach all dem, was die Menschheit seither erlebt hat und in diesem universalen Meisterwerk so wunderbar interpretiert werden kann – durchaus im Rahmen des von Wagner vorgegebenen musikalischen und theatralischen Spielraums – wirklich noch der Weisheit letzter Schluss?! Wohl kaum… Oper ist zwar eine museale Kunst – es kommt relativ wenig bis gar nichts Neues nach – aber sie lebt durch die ewig gültige Relevanz ihrer Stoffe im Lichte der soziokulturellen Entwicklung der Menschheit und kann damit immer wieder neue Ausdrucksformen annehmen. Sonst wären diese Werke keine Meisterwerke, und daraus wiederum leben sie mit ihrer Aussage und Botschaft, auch und zumal für jüngere Generationen.

So erreicht der Mannheimer „Parsifal“ letztlich seine dramaturgischen Höhepunkte in der starken Klingsor-Kundry-Szene, in der auch die symbolische Optik beeindruckt und die Auseinandersetzung zwischen einem intensiv boshaften Zauberer und Elena Zhidkova als Kundry mit ihrer starken Persönlichkeit Leben in die allgemeine Statik bringt. Mit ihrem klar artikulierenden und prägnanten, in der Mittellage sehr facettenreichen und leicht metallischen Mezzo sowie einer äußerst intensiven Darstellung setzt sie starke Akzente und treibt die Handlung voran. Selbst ihr „Dienen, dienen…“ im 3. Aufzug hat noch großen gesanglichen Ausdruck. Sie spielt ebenso überzeugend die leidende und gehetzte Frau wie die gewandte Verführerin. Der Ungar István Kovácsházi als Parsifal wirkt hingegen nicht immer souverän und bleibt stimmlich trotz eines im Prinzip schönen tenoralen Timbres einiges schuldig. Bei durchaus heldischem Aplomb fehlt es ihm in der Höhe an Glanz und Resonanz, und er hat auch mit Intonationsschwankungen zu tun. Mit seinem unglücklichen Kostüm wirkt er zudem eher wie eine Mischung aus einem Maikäfer und Stolzing beim Eintritt in die Schusterstube einer Otto-Schenk-Inszenierung, denn als Parsifal… Karsten Mewes singt einen Furcht gebietenden Klingsor mit dem wünschenswert boshaften stimmlichen Ausdruck, aber einem gewissen Vibrato und auch etwas zu halslastig. Thomas Berau ist stimmlich ein exzellenter, gesangsbetonter, regiebedingt jedoch ein kaum präsenter Amfortas, der aber große königliche Würde ausstrahlt. Frank van Hove hat den Gurnemanz in dieser Produktion schon oft gesungen, und man hätte sich bei dieser Erfahrung etwas mehr Gestaltung gewünscht. Oratorienhaft singt er die meiste Zeit am Souffleurkasten ins Publikum, ohne sich zu scheren, wen er auf der Bühne gerade anspricht. Stimmlich durchaus stets präsent, lässt es sein Bass an Resonanz missen, und es kommt über weite Stecken zu einer Art Sprechgesang. Das ist beim Erzählcharakter des Gurnemanz nicht unbedingt abträglich, aber im 3. Aufzug macht es sich doch nachteilig bemerkbar. Gut klingen Mihail Mihaylov als Titurel und Andrea Szántö als Altstimme aus der Höhe (auch Knappe). Die beiden Gralsritter und die Knappen waren stimmlich durchwachsen. Die in schwülstig-altmodischer Blumen-Ästhetik umher tanzenden und wedelnden Blumenmädchen waren stimmstark und werden effektvoll durch weitere Damen aus dem Graben in den Refrains verstärkt. Der von Tilman Michael betreute Chor und Bewegungschor des Nationaltheaters Mannheim sorgten für große musikalische Momente, insbesondere die mit viel Subtilität aus dem Off singenden Damen.

Alois Seidlmeier dirigierte das Nationaltheater-Orchester Mannheim mit ruhiger Hand und sorgte für getragene Tempi sowie ein gewisses Pathos, sicher zu dieser Inszenierung passend. Dabei ist die exzellente Akustik des Hauses hervorzuheben, die sicher mit dazu beitrug, dass der Abend musikalisch zu einem Erlebnis wurde. Seidlmeier legte Gewicht auf die Feinzeichnung der Partitur bei großer Sängerfreundlichkeit und Hervorhebung der Zwischentöne.

Am Schluss hätte der gute alte „Kna“, Hans Knappertsbusch sicher seine Freude gehabt, denn langsam aber sicher kommt die von ihm stets geforderte heilige Taube herunter und verweilt über den Köpfen der Gralsrunde. Für diese ist nun alles wie es immer war – welch‘ gewagter Schluss in der heutigen Zeit…

(Fotos in der Bildergalerie)

Klaus Billand

 

 

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