MAINZ: DIE PIRATEN VON PENZANCE von Gilbert & Sullivan
27.9.2026 (Werner Häußner)

Das Staatstheater Mainz ist „Opernhaus des Jahres“ 2026. Foto: Werner Häußner
Geht’s noch schneller? Ja, es geht: Alexander Spemann wirft sich in Positur und feuert seinen berüchtigten „patter song“ über den typischen modernen englischen Generalmajor ab. Ein Maschinengewehr ist eine lahme Ente dagegen: Die Musik rattert und die Salven treffen zielgenau die Lachmuskeln des Publikums im vollen Mainzer Staatstheater.
Das Staatstheater in Rheinland-Pfalz wurde bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ von 40 befragten Kritikern zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt. Ein überraschendes Ergebnis, das mit dem „couragierten Spielplan“ – u. a. mit der Uraufführung von Julia Kerrs 1933 entstandener Oper „Der Chronoplan“ – und „eigenwillig-klugen Regiehandschriften“ begründet wird. Damit findet sich die Mainzer Oper in einer Reihe mit viel größeren Häusern wie Zürich, Frankfurt, Genf oder Lyon – eine gewichtige Auszeichnung.
So sehr man es dem Mainzer Intendanten Markus Müller und seinem lediglich 390 Mitarbeiter kleinen Team auch gönnt: Ein bisschen verwundert schon – und das sei jenseits irgendwelcher lokalpatriotischen Anwandlungen gesagt –, dass zum Beispiel an der Oper Bonn trotz jahrelanger ausgezeichneter dramaturgischer Arbeit mit der Reihe „fokus `33“ und zahlreicher so ehrgeiziger wie bedeutender Ausgrabungen der begehrte Titel stets vorüberging.
Jetzt also ein Blick auf den ganz normalen Alltag des Opernbetriebs: Operette am Sonntagnachmittag, fern von Premierenglanz und Rezensenten-Aufmerksamkeit. Gilbert & Sullivans „Piraten von Penzance“ wirken auch heute noch, obwohl forsche Militärs, tumbe Polizei, kieksende höhere Töchter und eine Queen Victoria als Dea ex Teekanne nicht mehr unbedingt zum Humorvorrat der Jetztzeit gehören. Aber die Piraten, die haben es immer noch in sich: Die Manga-Serie „One Piece“ um den Piraten Ruffy und seine Strohhutbande ist weltweit ebenso beliebt wie die „Pirates of the Caribbean oder Helden wie der Rote Korsar.
Kein Wunder, dass Kostümbildnerin Lucia Vonrhein für K.D. Schmidts ansprechende Inszenierung des viktorianischen Piratenstücks ein paar augenzwinkernde Anleihen aus Film- und Mangawelt geholt hat. Brett Carter als stimmgewaltiger Piratenkäpt’n mit seinen wallenden Blondlocken mit blut(?)getränkten Spitzen ist mit einer Prise Jack Sparrow garniert und in der georgianischen Dress-Finesse ein Echo des eleganten Piraten John Rackham. Der Generalmajor trägt selbstverständlich eine „moderne“ Uniform im „madder red“ der britischen Rotröcke. Seine Töchterschar zeichnet sich durch exzentrische Haarkreationen aus – da hat Guido Paefgens Maskenabteilung fantastisch gearbeitet.
Schmidt hält sich in seiner Inszenierung mit Kürzungen zurück und kann die fast dreistündige Aufführung trotz einiger zäher Momente im ersten Teil mit Spannung zusammenklammern. Bewegungsfreude mündet erfreulich selten in Klamauk und der ob seines moralischen Schicksals geknickte Generalmajor bleibt nicht lange eine Karikatur seiner selbst, als er im Morgenmantel an den Gräbern seiner Ahnen greint, die er pikanterweise mit dem Landgut gekauft hat: Sie gehören nun ihm, auch wenn er keinen der Verblichenen gekannt hat.
Auf der schummrig beleuchteten Bühne von Peter Engel illustriert eine „folly“, eine zweckfreie Architekturlaune nach englischer Manier, um was es im ganzen Stück geht: Selbst der bizarrste Blödsinn muss unbedingt ernst genommen werden, damit die Komik wirkt. „A most ingenious paradox“ ist auch von der Regie gefordert: Die Personen dürfen nicht in die Karikatur abgleiten, damit die Spannung zwischen Sein und Schein erhalten bleibt und der Funke des Humors überspringt. Das sind dann die Momente grotesken Witzes, in denen Gilbert & Sullivan zur Höchstform auflaufen.
Die Regie balanciert haarscharf auf der fragilen Grenze zwischen klischeegefesselten Operettenmanieren aus glücklicherweise vergangenen Tagen und einem – so William Schwenck Gilbert im O-Ton – „ernsten und quasi respektvollen Umgang mit dem Lächerlichen und Absurden“. Das funktioniert: Am Ende schließt die Monarchin den Topf der gesellschaftlichen Gegensätze mit einem versöhnlichen Deckel. Der Schein der anarchischen Piraterie entpuppt sich als Spiel gelangweilter Aristokraten. Die subversive-groteske Komödie mündet in Harmonie mit nur noch sanftem Beigeschmack.

Lustig scheint das Piratenleben im Schatten des eindrucksvollen Seglers auf der Bühne von Peter Engel am Staatstheater Mainz. In den „Piraten von Penzance“ singen und spielen u.a. Dennis Sörös (Samuel), Brett Carter (Piratenkönig), Katja Ladentin (Ruth) und Mark Watson Williams (Frederic). Foto: Andreas J. Ester
Unter Samuel Hogarth zeigt das Philharmonische Staatsorchester Mainz, dass es die Strichel-Staccati und den süffisant zitierten Belcanto Arthur Sullivans beherrscht. Die Musik ist in ihrer edlen Simplizität ein Wunder: Sie amalgamiert die lichten Harmonien der französischen opéra comique eines Adam oder Auber mit bedeutungswuchtigen Hymnen aus der englischen Tradition, gewürzt mit pointierter Rhythmik und einer Wort-Ton-Verbindung, die in der Übertragung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting so nah wie möglich ans englische Original heranmanövriert. Aber wie, bitteschön, soll man eine Wortfolge wie „quips and quipples quaint“ singbar übersetzen?
Das Gesangsensemble ist sympathisch auf der Höhe: Mark Watson Williams gibt dem absurden Pflichtgefühl des Piratenlehrlings den larmoyanten Schmelz, Katja Ladentin seiner verliebten ältlichen Erzieherin die nötige stimmliche Patina. Nur Alexandra Samouilidou als Prinzipalin des Töchtergeschwaders und wild zur subversiven Heirat entschlossene Mabel kann sich nicht recht durchsetzen: Ihre kopfige Stimme gibt in Zentrum und Tiefe zu wenig her; die Höhen kommen mit Druck.
Diese „Piraten von Penzance“ zeigen, dass das frisch gekürte „Opernhaus des Jahres“ auch die leichte Muse kann. Und sie machen Appetit auf mehr: Das englische Duo hat vierzehn solcher herrlichen Bizarrerien hinterlassen, von denen etwa „The Mikado“ oder „Ruddigore“ das Potenzial haben, in Sachen britischen Humors erfolgreich Nachhilfe zu geben.

