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MAILAND/ Scala_ MACBETH zur Saisoneröffnung: Die Lady leidet unter Cybermobbing

Giuseppe Verdi: „Macbeth“ aus der Mailänder Scala via Arte (7.12.2021)

Die Lady leidet unter Cybermobbing

With Macbeth Milan finds again on 7 December
Ganz neue Sichtweisen auf dieses spektakuläre Frühwerk Verdis bietet die monumentale  Inszenierung von Davide Livermore mit Bühnenbild und Kostümen von Gio Forma und Gianluca Falaschi. Video-Passagen von D-Wok spielen hier ebenfalls eine große Rolle.

Die riesige Bühne wird von einer großen Wendeltreppe beherrscht, auf der die unter Cybermobbing leidende Lady Macbeth ihre Alpträume auslebt. Wind-Monitore und Computer ergänzen die Utensilien, im Hintergrund sieht man die Skyline einer großen (vielleicht amerikanischen) Stadt mit ihren Wolkenkratzern, die teilweise auf dem Kopf stehen. Aus einem großen Wassergefäß fließt unaufhörlich Blut, das sich im ganzen Ambiente ausbreitet. Die Bilder erscheinen zuweilen in gespenstischer Weise zu verschwimmen. Ein vergitterter Aufzug führt ins Nichts. Immer wieder ziehen dunkle Wolken herauf und beschwören so eine unheimlich-dämonische  Bedrohung.

Das sind überhaupt die stärksten Bilder einer Inszenierung, die manchmal die Chance verpasst, den psychologischen Spannungsmomenten zwischen den Figuren mehr Raum zu geben. Gleich zu Beginn erkennt man eine gespenstisch wirkende Waldlichtung, wo die Hexen herumgeistern, die dem im Auto fahrenden Macbeth eine Weissagung nach der anderen präsentieren. Akribisch wird von Macbeth und seiner ehrgeizigen Frau der Mord an König Duncan geplant. Banquo und der erschütterte Macduff entdecken den Königsmord, während sich die Bühne zuweilen ganz schwarz färbt. Manche Passagen, Schablonen und Szenen wirken aber zu plakativ. Macbeth ist König geworden, da er die Schuld am Königsmord auf den nach England geflohenen Malcolm abgewälzt hat. Schließlich wird auch Banquo von gedungenen Häschern ermordet. Beim Bankett auf dem Schloss bricht Macbeth bei der Nachricht von der Ermordung Banquos fast zusammen – und die Lady Macbeth muss alle Verstellungskünste aufbieten, um ihren Gatten zu beruhigen.  Im Hintergrund sieht man den riesigen Kopf des ermordeten Banquo, ein guter Einfall. Diese Szene ist bei der Inszenierung fast am besten gelungen. Dazwischen verlangt der verzweifelte Macbeth von den Hexen neue Prophezeiungen, ein Reigen von Luftgeistern gibt ihm die Besinnung zurück. Auch die Lady ist von diesen übernatürlichen Wesen völlig beherrscht und lässt sich in einer choreographischen Einlage suggestiv von ihnen treiben. Die nachtwandelnde Lady wird schließlich wahnsinnig und balanciert wie in Trance auf einem Hochhaus herum, in der Tiefe sieht man eine von vielen Autos befahrene Straße. Nach dem Tod der Königin trifft Macbeth auf Macduff, der ihn als Rächer erschlägt.

Die Huldigung Malcolms als neuer König gerät bei der Aufführung zu einem bewegenden Höhepunkt. Unter der überaus temperamentvollen Leitung von Riccardo Chailly musiziert das Orchester der Mailänder Scala ausgesprochen feurig und elektrisierend. Der von Shakespeare inspirierte mediterrane Zauber kommt nicht zu kurz. Dem musikalischen Profil der Lady Macbeth kann Anna Netrebko als farbenreiche und voluminöse Sopranistin viel Spannungskraft und Lebendigkeit verleihen. In Cavatina, Trinklied und Nachtwandelszene gelingt ihr ein eindringlicher Verwandlungsprozess.   Auch den eher blassen Hexenszenen vermag Riccardo Chailly als Dirigent dämonische Leuchtkraft zu geben. Die Auseinandersetzung Lady Macbeths mit ihrem Gatten nach Duncans Ermordung gerät hier zu einem hochdramatischen Tribunal, wo mit chromatischem Feinschliff bohrende Klangpfeile abgeschossen werden, die auch den Rezitativpartien Kontur geben. Das explosive erste Finale, die unterirdisch tönende Blasmusik und auch der ergreifende Chor der schottischen Flüchtlinge geraten dabei zu eindrucksvollen musikalischen Höhepunkten. Hervorragendes Profil gewinnt ferner der ausgezeichnete Bariton Luca Salsi als Macbeth, der insbesondere den gewaltigen dynamischen Steigerungen seiner Partie großen Nachdruck verleiht.

In weiteren Rollen fesseln bei der Premiere vor allem Ildar Abdrazakov als ausdrucksstarker Banquo, Francesco Meli als emphatischer Macduff, Ivan Ayon Rivas als Malcolm, Chiara Isotton als Lady Macbeths Dame sowie Andrea Pellegrini als Doktor. Der Stretta des ersten Bildes verleiht Riccardo Chailly große Intensität. Schlachtszene und Orchesterfuge ergänzen sich bei der Vorstellung prägnant. Vor allem beeinflusst die Chromatik sehr deutlich die Führung der Orchesterstimmen, die mit leidenschaftlicher Beweglichkeit agieren. Der Chor imponiert bei „Patria oppressa“ mit dramatischer Leuchtkraft. Chailly arbeitet die thematischen Momente sehr gut heraus – daunter den Halbtonschritt bei den ersten Worten „Che faceste?“ der Hexen oder  bei „Tutto e finito“ von Macbeth nach der Ermordung Duncans.

Zuletzt gab es begeisterten Schlussapplaus für das gesamte Ensemble sowie einige unverdiente „Buh“-Rufe für Anna Netrebko. Der atemlos-aufpeitschende Schluss im Orchester brannte sich geradezu ins Gedächtnis ein. Anna Netrebko könnte an ihrer Rolle darstellerisch noch feilen, wenngleich sie gut zum Ausdruck bringt, dass die Lady Macbeth zuletzt nicht so stark ist, wie es anfangs scheint.   

Alexander Walther

 

 

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