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LYON: RUSALKA

17.12.2014 | Allgemein, Oper

Lyon: „RUSALKA“ – Opéra  13.12.

 Rusalka
Kampf der Geschlechter oder Kampf der Generationen ? (Foto: Jean-Pierre Maurin)

 Das Opernhaus von Lyon hat wieder einmal die Nase vorne, denn an diesem Haus wurde nun erstmals in Frankreich eine Produktion von Stefan Herheim gezeigt. Während das Publikum der Pariser Oper (übrigens ebenso wie das der Wiener Staatsoper) weiterhin auf eine Arbeit von Stefan Herheim warten muss, sicherte sich Serge Dorny die französische Erstaufführung von Herheims „Rusalka“-Produktion, die meiner Meinung nach zu den besten Arbeiten des in Deutschland lebenden norwegischen Regisseurs zählt. Diese Inszenierung hatte 2008 ihre Premiere in Brüssel, und war danach 2009 in Graz, 2010 in Dresden und 2013 in Barcelona zu sehen. Es handelt sich dabei um einen der seltenen Fälle, wo ein Regisseur in überzeugender Weise eine neue Handlung erfindet; die meisten Experimente dieser Art schlagen ja fehl. Aber in dieser Produktion nehmen die märchenhaften Elemente erschreckend realistische Dimensionen an und machen die Oper zur psychoanalytischen Studie von männlichen Phantasien und weiblichen Archetypen.

Der Zuschauer sieht zunächst einen nächtlich belebten Platz einer Großstadt vor einem U-Bahn-Abgang (ursprünglich ein Platz in Brüssel, von Aufführungsort zu Aufführungsort wurden kleine Adaptionen vorgenommen, um dem jeweiligen Publikum das Gefühl zu geben es handle sich um einen  Platz in der Stadt, in der es sich befindet, hier in Lyon also leicht angedeutet durch das für Lyon so typische Metro-Symbol). Noch lange vor Einsetzen der Musik sehen wir minutenlang Menschen, die bei strömenden Regen hektisch zur U-Bahn hetzen oder von der U-Bahn kommend nach Hause eilen, während eine Sandlerin im U-Bahn-Eingang herumlungert, Rosen verkauft und Passanten dabei die Brieftasche klaut. In einem Haus gegenüber dem U-Bahn-Ausgang wartet schon ungeduldig eine Frau auf die Rückkehr ihres Gatten, der schließlich langsam von der U-Bahn kommend vor Betreten des Hauses noch schmachtende Blicke auf ein Straßenmädchen wirft.

Erst nach mehrmaliger Wiederholung dieser Pantomime setzt die Musik ein. Und wir erleben die Tragödie eines Spießers (der Wassermann), eines kleinen Beamten oder Angestellten, der ein trostloses Leben führt, der jeden Tag zur Arbeit geht, dem seine Frau (die fremde Fürstin) das Leben zur Hölle macht, der sich nach Liebe oder zumindest Sex mit dem jungen Straßenmädchen (Rusalka) sehnt, der eifersüchtig auf deren Freier, einen Matrosen (der Prinz) ist und der sich offensichtlich in seinen Gedanken in eine Geschichte, in ein Märchen, flüchtet. Wahrhaft genial ist das Bühnenbild von Heike Scheele. Hinter dem Metroeingang befindet sich eine Backsteinkirche, deren Rosette gelegentlich zu rotieren beginnt, gegenüber befindet sich das Haus, in dem der Wassermann mit seiner Frau im ersten Stock wohnt. Der Laden darunter ist abwechselnd ein Sex-Shop, ein Brautmodengeschäft oder eine Fleischhauerei. Der U-Bahn-Eingang verwandelt sich zeitweise in ein Blumengeschäft, die Sandlerin (Jezibaba) wird dabei zur Blumenverkäuferin. Die Bar, die sich neben dem U-Bahn-Eingang befindet, ist je nach Tageszeit nach der Sonne oder nach dem Mond benannt. Wenn Rusalka ihr Lied an den Mond auf einer Litfaßsäule sitzend singt, neigen sich die Satellitenschüsseln sämtlicher Häuser Rusalka zu und beginnen zu leuchten, während das Innere der Litfaßsäule, auf der kurz zuvor noch das Werbeplakat der Opéra de Lyon für die Oper „Rusalka“ zu sehen war, plötzlich zu einer Wassersäule wird, in der ein Nixenschwanz im blubbernden Wasser zu sehen ist. Dazwischen beginnen immer wieder die Barhocker oder die Gummipuppen im Sexshop zu tanzen.

Wie immer kennt Stefan Herheims Phantasie keine Grenzen. Auch bei mehrmaligem Sehen dieser Inszenierung ist es unmöglich wirklich alle Details mitzubekommen. Und wie immer lässt Herheim dem Zuschauer ein breites Spektrum an Interpretationsspielraum. Vieles bleibt unklar. Ist alles nur ein (Alb-)Traum oder Wirklichkeit? Sieht der Wassermann die Frau in dreierlei Gestalt (als Hure, als Hexe und als Ehefrau)? Erkennt sich der Wassermann vielleicht in dem Jungen, der in der Bar von den drei Nutten (die drei Nixen) gehänselt wird, als Kind? Sieht sich der Wassermann in dem jungen Matrosen als junger Mann? (Sehr wahrscheinlich, da in einer Szene beide den gleichen Pyjama tragen.) Oder ist er nur eifersüchtig auf einen jungen Rivalen? Sind Wassermann und fremde Fürstin nur Spiegelungen von Prinz und Rusalka? Vieles spricht dafür, vor allem der spannende zweite Akt. Wie in einem Thriller spitzen sich hier die Spannungen zu. Der Wassermann und die fremde Fürstin ertragen es kaum das junge Glück von Prinz und Rusalka zu sehen, während die beiden Jungen entsetzt sind von dem älteren Paar, weil sie praktisch vor Augen geführt bekommen, wie sie einmal enden werden. Am Ende des zweiten Aktes will eigentlich jeder jeden umbringen. Es ist ein Kampf Mann gegen Frau oder Jung gegen Alt. Dieser zweite Akt zählt sicher zu den spannendsten Momenten, die ich in den letzten Jahren auf einer Opernbühne gesehen habe.

Der Wassermann mutiert in dieser Produktion zur Hauptfigur. Es ist die Tragödie eines Mannes, der mit dem Älterwerden nicht zurande kommt, die Tragödie eines unterdrückten Kleinbürgers, der mit seinen verdrängten Sexsehnsüchten nicht zurechtkommt. Rusalka stellt für ihn das Wunschbild einer Frau dar und ist wahrscheinlich der einzige Lichtblick in seinem trostlosen Leben auch wenn er sie nur aus der Ferne begehren kann.

Im dritten Akt wird zunächst alles plötzlich märchenhaft. Rusalka schwebt auf einer Mondsichel wie die Königin der Nacht herein, während die drei Nixen wie die Rheintöchter gegen den Bühnenhimmel entschweben als wären sie unter Wasser, und bei einem surrealen Karnevalsumzug erscheint der Wassermann als Neptun mit Dreizack, Krone und Rauschebart. Aber Herheim holt uns am Ende in die grausame Wirklichkeit zurück. Der Wassermann ermordet in einem Blutrausch seine Gattin und wird von dem Straßenmädchen, das wieder seiner Arbeit nachgeht, ausgelacht, als er von der Polizei abgeführt wird. Die Alltagshektik wie zu Beginn stellt sich wieder ein. Das Leben geht weiter als wäre nichts geschehen ….

Camilla Nylund war mit leuchtendem Sopran und stimmlicher Geschmeidigkeit optisch und stimmlich eine Idealbesetzung der Titelrolle. Der ukrainische Tenor Dmytro Popov, der erst vor kurzem sein Debüt an der Wiener Staatsoper als Rodolfo in „La Bohème“ gegeben hat, sang mit hellem, kräftigem Tenor und guten Höhen den Prinzen. Der noch junge ungarische Bassist Károly Szemerédy war ein fulminanter und ausdrucksstarker Wassermann und Janina Baechle eine eindrucksvolle Jezibaba, die ihre Partie stimmlich exzellent ausfüllte. Einzig Annalena Persson fiel mit ihrem harten, flackernden Sopran als fremde Fürstin gegenüber den anderen Protagonisten ab. Die kleineren Partien waren zufriedenstellend besetzt, Das fabelhaft aufspielende Orchester der Opéra de Lyon wurde von Konstantin Chudovsky geleitet. Der junge russische Dirigent, der an der Wiener Kammeroper „La cambiale di matrimonio“ und „La Cenerentola“ geleitet hat, setzte Dvoráks Partitur farbenreich und mit slawischer Emotion um. Ein Sonderlob muss man der Bühnentechnik zollen, die die ständigen Veränderungen des Bühnenbildes beinahe ohne Panne bewältigt hat.

Das Publikum war begeistert und bejubelte lautstark und langanhaltend diese gelungene Premiere. Diese sensationelle Produktion, so reich an Assoziationen und gedanklichen Anregungen, so überwältigend in ihrer Bilderflut, muss man gesehen haben.

Walter Nowotny

 

 

 

 

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