LÜBECK/ MuK: NDR Elbphilharmonie Orchester mit Alisa Weilerstein
23.1.2026

Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert präsentierte ein Programm, das zwei grundverschiedene Herangehensweisen an orchestrales Erzählen gegenüberstellte: die konzentrierte, psychologisch präzise Welt Benjamin Brittens und das weitgespannte, von klassischer Proportion geprägte Panorama bei Brahms.
Besonders auffällig war die Anwesenheit vieler Kinder im Publikum, die alle ohne Störung aufmerksam dem Konzert folgten. Anders als in vielen anderen Städten schien in Lübeck die nächste Generation von Konzertbesuchern schon bereit gewesen zu sein – das Sinfoniekonzert wurde hier zu einem generationenübergreifenden, gemeinschaftlichen Erlebnisraum.
Im Zentrum das Cello
Alisa Weilerstein führte durch Brittens „Symphonie für Cello und Orchester“ mit einer Präsenz, die sich weniger ins Rampenlicht drängte, sondern tief in die Musik hineinhörte. Ihr Ton war schmal, wach und von fast kammermusikalischer Intimität. In der MuK Lübeck wirkte dieser Ansatz besonders stimmig: Die Saalakustik fokussierte den Soloklang klar. Das Cello gewann dadurch an Direktheit, ohne an Wärme zu verlieren. Der Solopart wirkte weniger wie eine heroische Linie vor dem Orchester, sondern eher wie eine innere Stimme, die sich behutsam ins Ensemble einfügte.
Gilbert hielt sein Orchester eng zusammen, was in der eher trockenen, artikulationsfreundlichen Akustik des Saals hilfreich war. Übergänge zeichneten sich klar ab, und Brittens Werk profitierte von diesem präzisen, leicht analytischen Klangraum.
Brahms zwischen Wohlklang und Zurückhaltung
Nach der Pause erklang Brahms’ Zweite, deren zurückhaltende Ausdruckskraft das Werk begleitete und auch in Lübeck spürbar blieb. Gilbert formte den ersten Satz mit viel Atem und sorgfältig gepflegten Linien; das Orchester antwortete mit einer homogenen, wenngleich weniger tief gestaffelten Klangfläche, wie sie für die MuK typisch war. Überraschend war, dass ich von meinem seitlich gelegenen Platz in vorderster Reihe einen differenzierten Klang wahrnehmen konnte. Streicher und Holzbläser waren klar präsent, das Blech trat im Forte präzise hervor, gelegentlich mit leichter Kantigkeit, die Brahms’ Pastorale beinahe nüchtern erscheinen ließ. Im Adagio öffnete sich die Textur stärker, das Finale schließlich wirkte entschlossener, ohne sich in symphonischer Monumentalität zu verlieren.
Randnotiz
Die zentrale Garderobe des Hauses war auch bei deutlichen Lücken im Auditorium dem Besucheransturm an diesem Abend weder vor noch nach dem Konzert gewachsen. Unangenehm lange Wartezeiten waren die Folge, und die Tatsache, dass weder Garderobe noch Getränke bar bezahlt werden konnten, kam nicht bei allen Konzertbesuchern gut an.
Marc Rohde

