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LUDWIGSBURG/ Schlosstheater: ERÖFFNUNGSKONZERT DER HERMANN HANKE-STIFTUNG. Der Mensch steht im Mittelpunkt

Eröffnungskonzert der Hermann-Haake-Stiftung im Schlosstheater Ludwigsburg

DER MENSCH STEHT IM MITTELPUNKT

Eröffnungskonzert der Hermann-Haake-Stiftung am 4. September 2015 im Schlosstheater/LUDWIGSBURG

In diesem Jahr lautet das Motto der Veranstaltungsreihe der Hermann-Haake-Stiftung „Polaritäten – von der Verwandtschaft der Gegensätze“. Eine ungewöhnliche Sichtweise bewies der Pianist Bernhard Epstein im Schlosstheater angesichts von Georges Bizets Oper „Carmen“. Denn gleich zu Beginn war die berühmte Szene  „Entweihte Götter!“ der Ortrud aus Richard Wagners Oper „Lohengrin“ zu hören. Die gespenstische fis-Moll-Welt blitzte hier auf. Taxia Kanati (Mezzosopran) beeindruckte das Publikum dabei mit schneidend scharfen Spitzentönen. Dann erfuhr man angesichts Friedrich Nietzsches Schrift „Der Fall Wagner“ einiges über die Sichtweise des Philosophen, der Wagners Musik als krank bezeichnete und „Carmen“ als leuchtendes Gegenbeispiel gelten ließ. Dieser abwechslungsreiche Querschnitt durch die „Oper aller Opern“ über Lust, Leid, Frust, Neid, Stierkampf und Mut gefiel vor allem aufgrund der Charakterisierungskunst und Darstellungskraft der jugendlich wirkenden Sängerinnen und Sänger. Als Don Jose konnte der Tenor Tianji Lin beeindruckende Strahlkraft und vokalen Glanz unter Beweis stellen. Bei der „Habanera“ brillierte Taxia Kanati als vollblütige Carmen einmal mehr mit ihrer klangfarbenreichen Stimme, die sich facettenreich veränderte. Vladislav Pavliuk (Bariton) war als Escamillo sein voluminöser Gegenspieler. Als Micaela gefiel Maria Taxidou, die ihrer Verzweiflung aufgrund der Lage Don Joses starke Akzente verlieh. Obwohl ihre Stimme zuweilen etwas kurzatmig wirkte, konnte sie den lyrischen Kantilenen echte Emphase verleihen. Auch „Seguedilla“ und die berühmte „Torero-Arie“ besaßen bei dieser Wiedergabe dank des heißblütig agierenden Ensembles wilde Glut und Feuer. Das spanische Milieu blieb hier immer spürbar. Die ungebrochene Kraft der melodischen Erfindung blühte immer mehr auf – und die jeweilige dramatische und seelische Situation eskalierte zunehmend. Klangzerlegungen erstrahlten in glühendsten und zartesten Farben, wobei Bernhard Epstein am Klavier großen Anteil hatte. Er ließ den Sängerinnen und Sängern jedenfalls genügend Spielraum, um sich entfalten zu können. Der leidenschaftliche Schluss mit der Ermordung Carmens durch Don Jose bildete einen starken Abschluss, wobei der „Chor“ im Hintergrund (den nur das Klavier verdeutlichte) das Geschehen geflissentlich überging. Taxia Kanati und Tianji Lin lieferten sich ein elektrisierendes Schlussduell, das dem Publikum sichtlich gefiel.

Interessant war vor allem Bernhard Epsteins Hinweis auf Sergej Rachmaninows Erstlingsoper „Aleko„, die er als Abschlussarbeit seines Konservatoriumsstudiums verfasste. Auch hier geht es um eine junge Zigeunerin namens Zemfira, die von dem eifersüchtigen Aleko schließlich umgebracht wird. Maria Taxidou als Zemfira und Vladislav Pavliuk als Aleko loteten die emotionalen Tiefen dieser Partitur mit Ausdruckskraft aus. Die konservativ romantische Richtung in der Liszt-Tschaikowsky-Nachfolge war aber auch dank Bernhard Epsteins einfühlsamer Klavierbegleitung deutlich herauszuhören. Die Neigung zu schwärmerischer Lyrik und einem dunklen Balladenton blitzte immer wieder auf. Tianji Lin und Vladislav Pavliuk gestalteten das berühmte Männerduett aus Bizets Oper „Die Perlenfischer“ klangfarbenreich, wobei die Gesangsmelodik hier stark an die italienische Oper erinnerte. Epstein erwähnte sogar Jacques Offenbachs Kinder-Operette „Die Reise zum Mond“, um die kabarettistische Nähe zur Nummernoper im Stil der Opera comique herauszustellen. Bizets „Carmen“ fiel ja zunächst beim Publikum durch, weil sie die herkömmlichen harmonischen Formen sprengte. Bernhard Epstein ist jedenfalls der Auffassung, dass in Bizets „Carmen“ der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Nähe zum Verismo blieb spürbar. Und auf der historischen Bühne des Schlosstheaters entfaltete das Werk eine fast schon barocke Pracht.  

Alexander Walther

 

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