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LUDWIGSBURG / Karlskaserne: AGNES von Peter Stamm als Gastspiel des Staatstheaters Karlsruhe

12.11.2014 | KRITIKEN, Theater

„Agnes“ von Peter Stamm mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe in der Karlskaserne Ludwigsburg

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„Agnes“ von Peter Stamm mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe am 11. November 2014 in der Karlskaserne/LUDWIGSBURG

„Es ist nicht meine Agnes, aber Sie haben sie auf der Bühne weiterleben lassen“, meinte der Schweizer Autor Peter Stamm zur durchaus subtilen Inszenierung und Bühnenbearbeitung von Christian Papke (Bühne und Kostüme: Alois Galle). Es geht hier um einen Schweizer Sachbuchautor, der von Andre Wagner mit viel Hintersinn gemimt wird. Er schreibt über amerikanische Luxuseisenbahnen und begegnet während dieser Recherchearbeit im Lesesaal der Public Library in Chicago der jungen Physikstudentin Agnes, die von Katharina Breier äusserst lebendig verkörpert wird. Sie schreibt an ihrer Dissertation über die „Symmetrien der Symmetriegruppen von Kristallgittern“. Beim gemeinsamen Essen und einem Waldausflug kommen sich die beiden spürbar näher: „Ich find‘ dich zauberhaft!“ Diese Annäherung gelingt dem Regisseur Christian Papke fast am besten. Sie werden trotz des großen Altersunterschiedes ein Paar. Und eines Tages bittet Agnes den Geliebten, ein umfangreiches literarisches Porträt von ihr anzufertigen. Es gebe kein einziges gutes Bild von ihr: „Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben…“ Da gelingen dem Ensemble gerade die leisen Töne sehr berührend. Es entwickelt sich ein reizvolles psychologisches Kammerspiel. Während sie wie für ein Foto Modell sitzt, beginnt er, ihre gemeinsame Geschichte in den Computer zu tippen: „Hab‘ ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“ Beide Protagonisten beginnen nun, sich der Handlung der Geschichte anzupassen. Das wird vor allem für Agnes schließlich höchst gefährlich, denn sie wird von der Geschichte regelrecht verschlungen und verschwindet letztendlich spurlos in einer Schneelandschaft. Der Schriftsteller sucht sie vergeblich. Die Fantasie des Schriftstellers gewinnt immer mehr Macht über die Beziehung, bis sie von der Wirklichkeit eingeholt wird. Beim Aufschreiben der Liebesgeschichte wird allerdings klar, wie unzutreffend die Erinnerungen des Autors sind. Dem Bild im Netz kann und will Agnes in Wirklichkeit nicht entsprechen. Und so entzünden sich die Konflikte in der Beziehung: „Du liebst mich nicht“. Als Agnes schwanger wird, möchte der Schriftsteller das Kind nicht. Dies ist für Agnes der entscheidende Grund, sich von ihm zu trennen. Und dieser flüchtet sich in die Arme der von Veronika Bachfischer nuancenreich gespielten Louise, die ihm allerdings rät, wieder mit Agnes zusammenzuleben. Agnes kehrt schließlich zum Schriftsteller zurück, aber sie kommen sich nicht mehr wirklich näher. Zuletzt flüchtet sich Agnes in die unendliche Weite der Schneelandschaft.

Trotz mancher stilistischer und dramaturgischer Brüche gelingt es dem Regisseur Christian Papke, die beiden Hauptfiguren lebendig werden zu lassen. „Ich bin kein sehr sozialer Mensch“, behauptet Agnes von sich. Trotzdem sucht sie natürlich Nähe und Liebe, die sie von dem Schriftsteller aber nicht genügend bekommt. Das lässt die Beziehung schmerzhaft scheitern, denn sie verliert auch noch ihr Kind. Die Wut richtet sich gegen den Autor: „Wisst ihr überhaupt, was ihr mit uns anstellt?“ Letztendlich wird klar: „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ Aber die Inszenierung lässt trotzdem Hoffnung aufkeimen – und dies nicht nur in der strahlenden Sternennacht. Neben diesen poetischen Licht-Effekten gefällt noch die abwechslungsreiche Musik von Georg Luksch. Ansonsten betont das Bühnenbild karge Schlichtheit. Da das Buch „Agnes“ von Peter Stamm Sternchenthema im baden-württembergischen Abitur ist, befanden sich viele Schulklassen in der Karlskaserne.

 Alexander Walther

 

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