Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: MEDEA von Euripides mit dem Schauspiel Frankfurt

13.05.2014 | KRITIKEN, Theater

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark :  „MEDEA“ von Euripides mit dem Schauspiel Frankfurt im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

SCHREI INS ENDLOSE
Bejubelte Aufführung von „Medea“ mit dem Schauspiel Frankfurt am 12. Mai im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

Das Motiv der Kindertötung hat Euripides erfunden. Die Figur der Medea ist sehr eindrucksvoll und die Zeichnung ihres Charakters kommt durch die ausgezeichnete und wandlungsfähige Darstellerin Constanze Becker bestens zur Geltung: „So bin ich rettungslos verloren!“ Das schwarze Bühnenbild von Olaf Altmann entfaltet in der differenzierten Regie von Michael Thalheimer eine erschreckende Wirkungskraft. Mit dämonischer Magie schiebt sich der riesige Bau gegen Ende nach vorne und macht Medea in ihrem unbeschreiblichen Elend sichtbar, die sich als willensschwache Kindermörderin selbst bekennen muss. Der Aufstand gegen die gesellschaftliche Ordnung wird hier mustergültig und beklemmend herausgearbeitet. „So etwas hätte eine Griechin nie gewagt“, stellt der verzweifelte Jason fest, als er mit dem Tod seiner Kinder konfrontiert wird. Marc Oliver Schulze steht als Jason an packender Ausdruckskraft Constanze Becker in nichts nach. Franziska Junge brilliert gleich zu Beginn in der facettenreichen Rolle der Amme, die klarstellt, wie Medea am Hofe des Königs Kreon von Korinth (virtuos: Martin Rentzsch) verraten worden ist. Jason hat sie um der jungen schönen Königstochter Kreusa willen verlassen, die von Medea zusammen mit deren Vater aber mit einem vergifteten Festgewand grausam ermordet wird. Die Schilderung dieser bewegenden Ereignisse steigern das Tempo der Inszenierung beträchtlich, die aufwühlende Musik von Bert Wrede unterstreicht Medeas Verzweiflungsausbruch. Hier erreicht die Inszenierung die höchste dramatische Dichte und eine ungewöhnliche schauspielerische Qualität. Videoeinblendungen (verantwortlich: Alexander du Prel) konfrontieren das Publikum mit einer grellen Zeichensprache, die niemanden kalt lässt, obwohl sie sehr abstrakt wirkt. Die Verbannung Medeas vom Königshof ist beschlossene Sache und bestimmt das Schicksal der handelnden Personen ganz entscheidend. Dabei erkennt man auch den roten Faden von Michael Thalheimers Inszenierung. Im weiteren Zentrum der Inszenierung steht Jasons gewaltige Auseinandersetzung mit Medea, bei der sich dieser zu rechtfertigen versucht: Er sei die neue Ehe nur eingegangen, um das schwere Flüchtlingsschicksal der Kinder zu mildern. Constanze Becker bemüht sich als Darstellerin der Medea hierbei jedoch nicht um eine falsche Verstellungskunst, sondern überlässt Jason ungerührt seinem Schicksal. Die einzig positive Figur dieser gnadenlosen Handlung ist der von Michael Benthin glaubwürdig verkörperte König Aigeus von Athen, der Medea aufzunehmen verspricht, wenn sie ihr Land verlässt. Das ist der einzig positive Lichtblick in dieser Aufführung, die auf düstere Momente trotz vieler Lichteffekte großen Wert legt. Dies kommt jedoch der Personenführung zugute, die sorgfältig einstudiert wurde.

Bettina Hoppe mimt virtuos den Chor der korinthischen Frauen, während Viktor Tremmel dem Boten glaubwürdig Leben gibt. Deutlich wird bei der Inszenierung von Michael Thalheimer, wo die Grenzen der Liebe sind und was sie überhaupt darf. Auch die Bedingungen und Verletzungen der persönlichen Würde werden von allen Schauspielerinnen und Schauspielern des Schauspiels Frankfurt sehr plastisch dargestellt. Der Verlust humaner Werte macht Medea hier zu einer grenzenlos Verlorenen, die nur noch klagt, aber kaum noch wild um sich schlägt. Dass „Medea“ die Tragödie des radikalen Wandels ist, kann man dabei gut nachvollziehen. Und es ergeben sich immer neue Situationen und Konstellationen, die das Ensemble sehr gut zur Geltung bringt. So steigert sich auch die Spannungskurve ständig. Constanze Becker lässt deutlich werden, dass Medea das Opfer eines irrationalen Affekts ist, sie hat die Lage nicht im Griff, ist nicht Herrin ihrer selbst, agiert wie in Trance. Die Amme stellt fest: „Wie glücklich ist, wer seine Heimat nicht verlässt.“ Medea, die selbst mit Betrug und Verrat vertraut ist, wird plötzlich selbst betrogen und verraten: „O Vater, o Heimat, die schnöd‘ ich verließ, nachdem ich den Bruder, den lieben, erschlug!“ Mit dem Chor kommt sie dann intensiv ins Gespräch, da gewinnt die Inszenierung Lebendigkeit. Jasons Heirat mit der Königstochter Kreusa ist für ihn eine Befreiung aus dem Schatten der Vergangenheit, was sich bei der Aufführung anhand zahlreicher Lichteffekte zeigt. Die Stimmungsbilder verändern sich ständig. das steigert die Qualität der Darstellung. So erscheinen die Figuren immer wieder in neuem Licht. Medea erkennt: „Nur schien die Eh‘ mit mir, der Fremden, bis zum Alter wenig ehrenvoll.“ Und sie fügt hinzu: „Nun erlaubt er mir noch einen Tag. Das ist genug. Drei Feinde mach ich heute noch zu Leichen: den Vater, die Braut und meinen Mann.“ Die Inszenierung versinkt so logischerweise in tiefstem Schwarz, wobei es für Medea doch noch einen Ausweg gibt. Das ist deutlich zu spüren und macht die Qualität der Aufführung aus. Die Vorstellung in Ludwigsburg erhielt begeisterten Schlussapplaus.

 Alexander Walther

 

Diese Seite drucken