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LUDWIGSBURG / Forum Schlosspark: „MADE IN BANGLADESH“ – Tanzprojekt

25.10.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

 Tanzprojekt „Made in Bangladesh“ im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT
Helena Waldmanns Tanzprojekt „Made in Bangladesh“ am 24. Oktober 2015 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG
 
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Copyright: Wonge Bergmann

Die international gefeierte Tanzregisseurin Helena Waldmann hat ihre Choreografie „Made in Bangladesh“ in Teheran erarbeitet. Das Stück nähert sich dem vielschichtigen Thema Verschleierung auf ganz neuartige Weise. Europäische Vorurteile werden hier ebenso angeprangert wie die Bevormundungen eines brutalen, autoritären Systems. Das Thema Ausbeutung spielt hierbei eine große Rolle. Gemeinsam mit zwölf Kathak-Tänzern recherchierte sie vor Ort, unter welchen Bedingungen in den berühmt-berüchtigten Textilfabriken gearbeitet wird. Die Ausbeutung ist dabei maximal und gnadenlos. Farbig gekleidete Tänzer treten auf, ihre Füße rattern pausenlos wie die Nadeln von Nähmaschinen. Im Hintergrund sieht man Filmausschnitte aus der Fabrik, aber auch den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im April 2013. Als die Dieselaggregate nach einem Stromausfall ansprangen, gaben die dünnen Böden nach. Man sieht auch ein totes Paar in Trümmern, was noch erschütternder ist und von der hervorragenden Tanzkompanie mit elektrisierender Ausdruckskraft umgesetzt wird. Die Arbeiterinnen nähen in den Fabriken in Bangladesh wie atemlose Mannschaften um die Wette – bis zur restlosen Erschöpfung. Auch dies kam in Ludwigsburg ausgezeichnet zur Geltung. Und die Chor-Passagen begeisterten mit unglaublicher rhythmischer und dynamischer Tiefe und Kraft. Das konnte man nicht vergessen. Wer die höchste Stückzahl herstellt, ist bei dieser Arbeit Siegerin für einen trügerischen Tag.

Sieger in der Kunst sind aber die Kreativen in den Tanzstudios. Das Motto lautet: „Keiner hilft keinem“. Und trotzdem können diese Frauen immer wieder ausrufen: „We are happy“. Diese positive Stimmung überträgt sich rasch ins Publikum. Helena Waldmann (Co-Choreographie: Vikram Iyengar) legt auch bei dieser suggestiven Arbeit die Finger in die Wunden unserer Zeit. Durch raffinierte Projektionen überlagern sich die Realitäten eines harten Alltags und die Sicht der Näherinnen darauf. Die körperliche Erschöpfung der Frauen und einzelner Männer ist spürbar. Waldmann holt das Thema Ausbeutung auch in Ludwigsburg ganz nah heran – das Publikum fühlt sich so unmittelbar betroffen. Parallelen von Tänzern in Dhaka und Tänzern in Deutschland werden schonungslos aufgezeigt. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse rücken auch bei den Katastrophenszenen mit Sirenengeheul in den Mittelpunkt. Die Hoffnung auf Veränderung wird aber von allen herbeigesehnt. Helena Waldmann möchte dem Publikum zeigen, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht. Man begreift, dass die Menschen, die sich hier beschweren, schnell ihren Job los sind. Es geht um nichts anderes als immer mehr, immer schneller, immer billiger. Wenn die Nähmaschinen nicht im vorgegebenen Takt surren, ist der Akkord in Gefahr. Große Tafeln zeigen zudem den stündlichen Output einer Nähreihe. Die Konkurrenz wird mit Stundentafeln angeheizt. Die Leute wirken hier todmüde, krank, missbraucht, beschimpft, geschlagen und rechtlos. Die Näherinnen wollen aber nicht, dass man ihre Produkte boykottiert. Sie wollen nicht aufgeben. Zuletzt stehen sie wie ein Mann in einer Reihe: „We are happy“.

Diese Worte beflügeln das Publikum. Es gab starken Schlussbeifall. Helena Waldmann rät Tanzschaffenden, bei einer Kürzung der Zuschüsse nicht einfach wie bisher weiterzuarbeiten. „Made in Bangladesh“ wurde für den Deutschen Theaterpreis „DER FAUST 2015“ in der Kategorie Choreografie nominiert und erhielt drei Nennungen als Aufführung des Jahres/Tänzerinnen des Jahres in der Kritikerumfrage 2015 der Zeitschrift „tanz“. Man wünscht dem ungewöhnlichen Ensemble weitere Erfolge. Zu loben ist dabei außerdem die Komposition und Musikproduktion von Daniel Dorsch (musikalische Leitung: Hans Narva). Und die Kostüme von Hanif Kaiser und Judith Adam passen sich der visuellen Aura optimal an.

 
Alexander Walther

 

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