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Louise Hecht (Hg.): LUDWIG AUGUST FRANKL

31.03.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Frankl, Ludwig August

Louise Hecht (Hg.)
LUDWIG AUGUST FRANKL (1810–1894)
Eine jüdische Biographie zwischen Okzident und Orient
Reihe: Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Band 10
430 Seiten, Böhlau Verlag, 2016

Unter den Zeitgenossen von Franz Grillparzer spielte Ludwig August Frankl eine besondere Rolle als Produkt jener multikulturellen Monarchie-Gesellschaft, die aus ihren mannigfaltigen Identitäten das Beste machen konnte, statt an Differenzen zu scheitern. Geboren in Böhmen, von der Herkunft her Jude, in Wien als Schriftsteller und Journalist tätig, hat er sein böhmisches Erbe durchaus in sein Werk einfließen lassen und auch aus dem Tschechischen übersetzt, hat er viele wichtige Funktionen innerhalb der Jüdischen Gemeinde ausgeübt und war als deutsch schreibender Angehöriger der Habsburger Monarchie ein großer Verehrer des Kaiserhauses, dem er mit manchem Werk huldigte (was nicht von allen Seiten positiv aufgenommen wurde).

Frankls reich facettiertes Leben wird in einem umfassenden Band einer Reihe, die sich der tschechischen Kultur widmet, ebenso facettiert behandelt – man wolle, wie es heißt (und wie es gelingt), von 15 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kombinierte „sozial- und ideengeschichtliche sowie kultur- und literaturgeschichtliche Methoden und Modelle“ dazu nützen, eine polyphone Biographie zu schaffen. Da Frankl so viele Blicke auf seine Existenz erlaubt, ist das zweifellos die Methode, um alle Themen und Fragen irgendwie anzusprechen (auch wenn sich in den einzelnen Artikeln dann dies und jenes unweigerlich wiederholt).

Der biographische Abriß zeigt die mehr als acht Jahrzehnte eines Mannes, der 1810 in einer böhmischen Kleinstadt geboren wurde, allerdings in eine schon höchst avancierte jüdische Familie, für die – wie für die Juden allgemein – der intellektuelle Aufstieg höchstes Ziel war. Frankl hat das geschafft, wobei er seinen Beruf als Arzt (er promovierte als 27jähriger in Padua zum Doktor der Medizin) nur ganz kurz ausgeübt hat, so viele andere Verpflichtungen haben ihn okkupiert. Er zählte 1848 zu den Revolutionären und wurde zu seinem 80. Geburtstag Ehrenbürger von Wien. Als er 1894 starb und im Jüdischen Teil des Zentralfriedhofs (1. Tor) beigesetzt wurde, war er allseits geschätzt und geachtet, obwohl der Antisemitismus sich natürlich auch an ihm gerieben hatte und manche seiner Aktionen (Habsburg-Huldigungen oder sein Kampf um ein Schiller-Denkmal) ihm auch Spott und Hohn eintrugen, den Vorwurf des Opportunismus und der Eitelkeit ohnedies.

In den folgenden Einzeluntersuchungen widmet Georg Gaugusch der Familie Frankl von Hochwart eine seiner beeindruckenden Genealogien, man befasst sich mit den Frauen in Frankls Leben, von der Großmutter bis zur Enkelin, vor allem aber den beiden Ehefrauen (wobei die zweite die Nichte der ersten war…). Frankl hatte Gattin Nr. 1 unglücklich, Gattin Nr. 2 offenbar recht glücklich gemacht, und er galt auch als ein Mann, der – in einem Zeitalter, wo die Männer mit weiblicher Selbstverwirklichung wenig anzufangen wussten – Künstlerinnen große Aufmerksamkeit widmete, vielleicht auch privat.

Es wird beispielsweise untersucht, welche Stellung die Musikkritik in Frankls Zeitschrift „Sonntagsblätter“ (die bis 1848 erschien) einnahm, was einen interessanten Querschnitt durch das damalige Musikleben ergibt. Auch die Vertonung seiner Gedichte wird behandelt.

Interessant und tragisch ist, dass Frankl – auch das eine sehr jüdische Eigenschaft – zwar ein Fanatiker der Erinnerung war: Er schrieb Bücher zu seinen Freunden und Bekannten, Grillparzer, Hebbel, Grün, Lenau, Raimund, bekam aber wegen seiner Anekdotenhaftigkeit viele Vorwürfe der Unzuverlässigkeit. Doch er, der Erinnerung in jeder Beziehung beschwor (siehe sein Kampf um das Schiller-Denkmal), ist hingegen aus der Erinnerung der Nachwelt herausgefallen, gilt nicht mehr als Schriftsteller von Bedeutung (trotz seiner Unzahl von Romanen, Gedichten, Sachbüchern, unermüdlicher Herausgeberschaft), nur noch als Referenz-Zeuge für die 1848er Revolution und für seine berühmen Zeitgenossen.

So ist es faszinierend, Vergessenes über ihn hervorgeholt zu finden, ob es die erwähnten antisemitischen Angriffe auf Frankl waren, der – naturgemäß angesichts seiner Erfolge – auch viele Feinde und Neider hatte (die Attacken kamen u.a. von Schriftstellerkollegen Ferdinand Kürnberger). Ob an seine Orient-Reise erinnert wird und seine seltsamen „Mitbringsel“ (ein junger Negersklave, den er wieder weggab, als er nicht mehr zu bändigen war, oder Menschenschädel für das Anatomische Institut). Ob die Schätze aufgezählt werden, die sich in seiner Wohnung fanden (zuletzt wohnte er im „Ringstraßenpalais“ Schey neben dem Goethe-Denkmal, unterm Dach, in der von den Besitzern vorgesehenen „Dichter-Wohnung“) und die oft beschrieben wurden, ob es um die Gegenstände geht, die ans Jüdische Museum gelangten (darunter ein Stein vom Tempelberg in Jerusalem).

Es ist schier unglaublich, wie viel dieser Mann in seinem Leben gearbeitet und bewegt hat, was natürlich auch mit seiner Fähigkeit des „Netzwerkens“ zusammen hing. Er ging durch viele Epochen des 19. Jahrhunderts, den Vormärz, die Revolution, den Liberalismus und landete am Ende im Wien Karl Luegers, wo der Aufstieg der Juden, für die er dem Herrscherhaus Habsburg so dankbar war, dann durch scharfen politischen Wind eingebremst wurde. Er hat aus seinem Leben das Optimum gemacht, nur eines schaffte er nicht: den beständigen Nachruhm.

Renate Wagner

 

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