Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LONDON / WIEN ROH im Kino: LA TRAVIATA

31.01.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Foto: Covent Garden

LONDON / WIEN
ROH Covent Garden im Kino / UCI Kinowelt Millennium City
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
30.
Jänner 2019

Zwei Elemente gaben dieser Aufführung von „La Traviata“ im Royal Opernhaus Covent Garden in London den Anstrich einer Sensation, obwohl sie beide alles andere als neu waren: Man hat die Aufführung von Richard Eyre schon gesehen, man hat auch Ermonela Jaho als Violetta schon erlebt (in der Staatsoper, die einzige Rolle, die sie in Wien gesungen hat). Dennoch fügte sich das Zusammentreffen dieser Sängerin in diesem Stadium ihrer Kunst mit dieser legendären Inszenierung zu einem Eindruck, den man nur als sensationell erachten konnte. Und nur diese Inszenierung schaffte es (was das Wiener Ärgernis einer angeblichen Inszenierung nie könnte), eine Sängerin zu einem Erlebnis zu machen. Ein Bild braucht seinen Rahmen.

Nun, diese Inszenierung ist ein Vierteljahrhundert alt, aber wenn die – wieder einmal wahnsinnig sympathische – Moderatorin der Kinoübertragung meinte, sie könnte heute gemacht worden sein, hat sie völlig recht. Denn sie ist historisierend, kann also nicht veralten – weil sie richtig verortet ist. Keine Mode bestimmt sie, sondern eine Einstellung. Wobei in einem Beitrag Sir Richard Eyre und Bob Crowley nach ihren Erinnerungen über die Entstehung der Produktion gefragt wurden. Eyre erzählte, er hatte bis dahin nur Theater und Musical gemacht, und als Sir Georg Solti auf ihn zukam mit der Einladung, „La Traviata“ zu inszenieren, lehnte er zuerst ab: Das sei nicht so seine Sache. Aber Solti überzeugte ihn: „Das wird die erste Traviata sein, die ich dirigiere, und die erste Traviata, die Sie inszenieren. Gemeinsam werden wir etwas Besondere schaffen.“ Und das taten sie. Wobei die Ausstattung von Bob Crowley eine entscheidende Rolle spielte. Als er Sir Georg Solti fragte, was er auf der Bühne sehen wolle, antwortete dieser in seinem dicken ungarischen Akzent: „I want frocks!“ Sprich, er wollte üppige Kostüme. Und die Idee, das Werk in die Belle Epoche zu verlegen, funktionierte bis heute. Damals war es nicht so mutig (auch Zeffirellis „Traviata“-Film ertrinkt in Opulenz), ein Werk in seiner Zeit zu belassen – heute schon eher. Eyres „Interpretation“ – kein Subtext, keine übergreifende Idee, kein inhaltsloser Schmarrn wie in Wien – bezog sich einfach darauf, Violettas Schicksal zu erzählen, so dicht, so ehrlich wie möglich. Und es entfaltet sich nicht zuletzt, weil es einen Rahmen hat, innerhalb dessen es stimmt…

Der Abend konnte aber nur deshalb einen so unvergesslichen Eindruck hinterlassen, weil Ermonela Jaho jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Violetta-Interpretation angelangt ist. Diese kräftige, aber nie grobe Stimme, die in der Mittellage leicht dunkel marmoriert ist, bewältigt alle strahlenden Höhen ohne Ermüdungserscheinungen, ist aber vor allem eine unerreichte Meisterin der zart gesponnenen, nie abreißenden, nie zitternden Piani, die man gar nicht glauben mag, wenn man sie hört. „E strano“ setzte souveränste Koloraturkunst ganz im Sinne der tragischen Gestaltung der Arie ein, die sie in der Mitte der Bühne einsam – jetzt, wo der Gästetrubel vorbei ist – singt, in einem Lichtkegel, so allein, wie man nur sein kann.

Ermonela Jaho singt die Violetta makellos, aber nie auf den Schöngesang gepolt, den sie absolut liefert, sondern immer auf den Ausdruck, der unter die Haut geht – ihre herzzerreißende Verzweiflung, als Père Germont ihr Leben ruiniert, ihre einzige Sorge um Alfredo, der sie so gedemütigt hat, schließlich ihr herzzerreißendes Sterben… das macht ihr im Moment niemand in dieser Intensität nach. Ein Erlebnis. Unvergeßlich, auch angesichts der vielen Violettas im Leben eines Opernfreundes.

Weit weniger inspirierend waren die Herren des Abends, wobei man an Charles Castronovo vor allem vermerken kann, dass er neben der Jaho ein Fliegengewicht war, stimmlich und darstellerisch. Placido Domingo hingegen offenbarte sich nun – bei allem grundsätzlichen Respekt – tatsächlich als eine Peinlichkeit. Er mag den Père Germont noch so nobel und letztendlich mitfühlend spielen, eine schöne Figur im Vergleich zu den vielen bösen Vätern, die man schon gesehen hat, aber die Stimme ist kaum mehr Sprechgesang, ist mühsames Atemholen, ist quälende Bemühung. Das sollte er weder sich noch dem Publikum mehr antun.

Ordentliche Nebenrollen, ein ordentlicher Dirigent (Antonello Manacorda), aber alles drehte sich nur um Violetta. Ihr Schicksal in Gestalt von Ermonela Jaho mit zu erleiden, hat wieder einmal bewiesen, was Oper im allerbesten Fall kann. Muss man sich genieren, wenn man aus dem Haus (in diesem Fall aus dem Kino) geht und die Augen noch voller Tränen hat? Zumal, wenn man normalerweise nicht so leicht zu rühren ist…

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken