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LONDON / WIEN ROH im Kino: LA FORZA DEL DESTINO

03.04.2019 | KRITIKEN, Oper

LONDON / WIEN
ROH Covent Garden im Kino / UCI Kinowelt Millennium City
LA FORZA DEL DESTINO von Giuseppe Verdi
2.April 2019

Dieses eine Mal, schrieb eine Londoner Zeitung, waren die Augen der ganzen Opernwelt auf das Royal Opera House Covent Garden gerichtet. Verdis „La forza del destino“ in einer Besetzung der drei Hauptrollen, wie sie heutzutage nicht „höher“ geboten werden könnte. Die Premiere wurde zum Triumph, die Kritiken überschlugen sich. Und tatsächlich, als die Kinos in Wien diesmal „RHO im Kino“ anboten, was im allgemeinen nie so überfüllt ist wie bei den Übertragungen der Metropolitan Opera aus New York, war im UCI Kinowelt Millennium City nicht nur der große Saal rappelvoll, sondern auch ein weiterer Saal für die Oper geöffnet. Anna Netrebko und Jonas Kaufmann taten das Wunder.

Beginnen wir mit ihnen. Es gibt immer wieder negative Stimmen, die unterstellen, Superstars wie diese seien ein Werk von Medienarbeit und von verblendeten Fans. Dieser Abend zeigte: Sie sind nicht nur „Namen“, und sie sind auch keine Mogelpackung, das würde sich auf der Bühne in Minutenschnelle herausstellen. Sie sind die Größten, weil sie auch die Besten sind. Was sie hier mit Verdi „zauberten“, war Oper at its best, der Höhepunkt dessen, was an faktischem Niveau und emotionaler Erschütterung zu erreichen ist. Und das mit Rollen, die nicht die dankbarsten sind. Keine mitreißend effektvollen Arien, sondern Seelendramen. Unheimlich schwer zu singen. Schicksale, die vom Anfang bis zum Ende nur Unglück reflektieren. Als Geschichte außerdem dramaturgisch hoffnungslos verfahren. Und Netrebko und Kaufmann machten daraus einen Abend lang gleichsam die Oper aller Opern, das ultimative Opern-Wunder, man kann es nicht anders sagen.

Sie sind auch, das ist der Glücksfall, im jetzigen Stadium ihrer stimmlichen Entwicklung für diese Rollen ideal, Kraft, Reife, Können. Anna Netrebko als Leonora – ein Wunder an Technik und Stimmbeherrschung, ein fugenloses Gleiten durch die Register und Tonstärken, Spitzentöne, die schlechtweg himmlisch sind, eine schwebende Todesszene, die nicht nur Partner Jonas Kaufmann zu Tränen rührte, sondern sicher auch viele Opern-Kino-Besucher. Dazu von einer Sängerin, die nicht die geborene Schauspielerin ist, die aber viel gelernt hat, eine Darstellung von solcher Innigkeit und Intensität, dass sie einem manchmal den Atem raubt. Ja, Anna Netrebko ist auf dem Mount Everest ihrer Kunst.

Jonas Kaufmann ist es auch, wobei die größte Überraschung war, dass er sich das manchmal störend „Gaumige“ seiner Mittellage weggesungen zu haben scheint (oder mit Gesangslehrern weggearbeitet oder von der Natur als Teil der natürlichen Stimmentwicklung geschenkt). So klar klang er selten – und im übrigen hat er, wie die Netrebko, die Technik, die ihm alles ermöglicht, und die Ausdrucksskala, die ihn in dieser Inszenierung eine Meisterleistung bieten lässt: vom stürmischen Liebhaber des Beginns über die Zerbrochenheit und Resignation nach dem Verlust Leonoras  bis zur seelischen Vernichtung am Ende (Tröstungen der Religion helfen wenig gegen die „Macht“ eines bösen Schicksals).

Und das liefern die beiden in Rollen, die berüchtigt sind. Leonora sowieso – die verschwindet nach drei Szenen für Stunden, um erst am Ende wieder aufzutauchen. Alvaro, der auch nach der Anfangsszene eine Auszeit nimmt – und der keine der üblichen Verdi’schen Effekt- und Prachtarien hat. Eigentlich wird den beiden nur Ausdruck, Ausdruck, Ausdruck abverlangt, was die wenigstens Sänger in diesen Partien so stark und kontinuierlich geben können. Und außerdem, es sei gesagt (es ist ohnedies kein Geheimnis), hat der Bariton sowieso die effektvollste Rolle des Abends. Und da gab es eine Überraschung.

Denn man schätzt Ludovic Tézier wirklich sehr. Er ist, was Franzosen nicht oft gelingt, ein vollgültiger Verdi-Bariton. Im allgemeinen aber kein mitreißender Darsteller. Diesmal hat ihn der Regisseur offenbar hergenommen, um diese schrecklich von Haß erfüllte Persönlichkeit des Don Carlo di Vargas wirklich plastisch und glaubhaft zu machen. Und er singt diesen Carlo mit schier unendlicher Stimmkraft, Duett um Arie um Duett. Der vollgültige Dritte zu dem idealen Paar.

Der Rest war braver Durchschnitt, leider auch unser so geschätzter Ferruccio Furlanetto als Pater Guardian, weil die Stimme zwar noch da, aber doch spürbar flacher ist als früher. Seltsam Alessandro Corbelli als Fra Melitone: So durch und durch negativ konnotiert hat man die Figur noch nie gesehen – der sonst so komisch herumwieselnde Pater diesmal durch und durch von Gift, Galle und Bösheit durchdrungen. Veronica Simeoni gibt der Preziosilla gewissermaßen ein „modernes“ Profil, aber eine nicht sehr ansprechende Sopranstimme für eine als Mezzo gedachte Rolle. Obwohl die Choreographie von Otto Pichler in der „Volksszene“ rund um ihren Rataplan-Gesang wirklich außerordentlich war, hatte man das Gefühl, auf diese halbe Stunde gut und gern verzichten zu können – denn neben anderen Schwächen ist die „Forza“ auch noch zu lang… Glücklicherweise verfiel man in Covent Garden nicht auf die (auch in Wien gepflegte und dumme) Idee, den Pater Guardian und den Marchese di Calatrava von ein- und demselben Sänger verkörpern zu lassen: Robert Lloyd klang allerdings schon vor seinem frühen Tod stimmlich mehr als moribund.

Antonio Pappano, der Brite mit italienischen Eltern, steht dem Royal Opera House seit nun auch schon zwei Jahrzehnten vor und ist für London das, was James Levine (als man seinen Namen noch nennen durfte) für die Met war – der Mann, der wirklich alles kann, der unermüdlich am Pult steht und unerschütterlich auf höchstem Niveau arbeitet. Mit einer Anteilnahme an der Sache, mit einer Sorglichkeit für jedes Detail, die nicht nur hörbar, sondern in den Pausen auch sichtbar wurden: Pappano am Klavier, die Tasten so virtuos drückend wie einst Prawy, als Erzähler eine Art Bernstein, führt bewundernswert durch Motive und in kleine Geheimnisse der Musik. Ein Leidenschaftlicher. Man hört es.

London hat eine Christof Loy-Inszenierung aus Amsterdam eingekauft, die zwar einige seiner typischen „Spezialitäten“ bringt (die Familienaufstellung schon zur Ouvertüre, Leonora und Carlo als Kinder, dazu ein variiertes Zimmer-Bühnenbild von Christian Schmidt), sich aber diesmal offenbar darauf beschränkte, den Sänger-Darstellern zu bis ins Detail ausgefeilten Porträts ihrer Figuren zu verhelfen und im übrigen die erkennbare Handlung durch keinerlei Willkürlichkeiten zu stören. Als „halb-moderner“ Rahmen, der letztlich dem Werk dient, war diese Inszenierung der ideale Schauplatz für das, was die Oper groß macht: für den Auftritt der ganz großen Sänger.

Renate Wagner

 

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