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LONDON – WIEN / ROH im Kino: DON PASQUALE

25.10.2019 | KRITIKEN, Oper

LONDON, ROYAL OPERA HOUSE COVENT GARDEN / im Kino
DON PASQUALE von Gaetano Donizetti
24.
Oktober 2019

London bot für seine Aufführung von Donizettis „Don Pasquale“ Bryn Terfel in der Titelrolle – immerhin! -, die hinreißende Olga Peretyatko als Norina und „unseren“ Markus Werba als Dr Malatesta. Und dennoch setzten sich Wiens Opernfreunde nicht gerade in Scharen in Bewegung, zumindest nicht an den Stadtrand, in die Millennium Kinowelt. Dabei boten die Genannten – drei Viertel der vierköpfigen Hauptrollen-Besetzungen – zumindest eine gute Ahnung dessen, was man ein Opernvergnügen nennt (wäre es nicht an diesem Abend auf andere Art eher demoliert worden).

Bryn Terfel ist ein erstaunlicher Sänger. Nicht jeder, der wie er ein so vollgültiger Wotan ist, wird seine Stimme auf die Leichtigkeit, Geschmeidigkeit und letztendlich auch auf die Virtuosität der italienischen Buffa einstellen können. Dabei hört man auch mit Vergnügen, wie intakt der Bassbariton des 54jährigen ist, der nie die geringste Anstrengung hören lässt, Höhen und Tiefen und alles dazwischen mit gleicher Lust und Kraft schmettert.

Dass er bei seinem Debut in dieser Rolle darstellerisch ratlos hinterlässt, schreibt man dem Regisseur zu: In dieser lieblosen Inszenierung findet Terfel zu keinem definierbaren Umriß der Figur. Eines steht fest: Er könnte komischer sein. Er könnte einem auch mehr leid tun. Er wird diesen interessanten, vielschichtigen alten Mann, den er so prächtig singt, darstellerisch noch finden (müssen).

Olga Peretyatko hingegen steht todsicher in den Schuhen der Norina. Das ist eigentlich keine sympathische Rolle, denn dieses Frauenzimmer quält den dümmlichen Alten doch ziemlich grausam. Man muss, wie die schöne Olga, dazu schon jene Portion weiblicher Unwiderstehlichkeit mitbringen, dass nicht nur alle Herren auf der Bühne, sondern auch alle Damen und Herren im Publikum eingefangen werden. Es gelingt ihr souverän. Und sie singt die Rolle prächtig. Man sollte sich nicht irren – nur weil die Norina angeblich „komisch“ ist, ist sie um kein Deut leichter als die anspruchsvollen tragischen Diven von Donizetti. Die Olga Peretyatko jubelt, zwitschert, trillert, singt den Abend hindurch, scheinbar ohne Atem zu holen, einfach hinreißend. Seit der Netrebko 2006 an der Metropolitan Opera (damals war ich live dort, nicht im Kino) habe ich keine bessere Norina gesehen. Und wie leicht hatte es die Netrebko in Otto Schenks brillanter, witziger, hoch vergnüglicher Inszenierung und in der prächtigen Ausstattung von Rolf Langenfass, Gott hab‘ ihn selig! Hingegen müssen die Sänger in London einen Teil ihrer Kraft einsetzen, gegen diese alberne Inszenierung anzukämpfen – Norina, die ihre große Arie als Assistentin eines Fotografen, anfangs im schäbigen Arbeitsmantel, singt…!

Markus Werba ist uns in Wien natürlich wohl bekannt, aber irgendwie trägt man den Eindruck mit sich herum, dass er außer als Papageno in kaum einer Rolle ideal besetzt war, nicht als Eisentein, nicht als Don Giovanni. Aber er ist es als Doktor Malatesta in London. In Lederjacke, mit Sonnenbrille und einer lockigen Sramek-Frisur ist er der übermütige Strizzi und Strippenzieher wie er im Buche steht, lebendig, wendig in Stimme und Spiel, ein angenehmer Bariton und ein Mann, der sich immer wieder ins Zentrum des Geschehens arbeitet. Prächtig. (Wenn er Norina zu belästigen versucht – wer kann es ihm verdenken? Und sie muss es sich ja nicht gefallen lassen…)

Man erwähne (so nebenbei, wie er auf der Bühne steht) den vierten Mann, Ioan Hotea als Ernesto, schmale Stimme, kein schönes Timbre, man war froh, dass die Rolle so kurz ist.

Am Pult Evelino Pidò, der große Maestro, der Sachwalter der Authentizität (wie er auch bei der Wiener „Lucia di Lammermoor“, gar nicht zur Freude vieler Besucher, bewiesen hat). Der „Don Pasquale“ musste keine Haare lassen, das hörte sich flott und elastisch und in den lyrischen Szenen berückend an.

Also alles in Butter? Mitnichten. Man hat von Damiano Michieletto manches gesehen, Verschiedenes (sprich: auch Gelungenes), aber dass er den Zuschauern einen Abend vermiesen kann, hat er hier wieder einmal voll bewiesen. Das beginnt mit der Ausstattung von Paolo Fantin (Bühnenbild) und setzt sich bei den Kostümen (Agostino Cavalca) fort (der reiche Alte Don Pasquale hüllt sich in alte Fetzen und Holzfällerhemden). Man ist in einer schäbigen Gegenwart (immerhin werden Briefe jetzt vom Smartphone abgelesen), das „Haus“ von Don Paquale hat ein schwebendes Dach aus Leuchtbalken, darunter bei fehlenden Wänden ein Mobiliar wie aus dem Sperrmüll geholt. Man erklärt uns das psychologisch (dazu sind bei den Kinoübertragungen die Vor- und Pausenberichte da) – der alte Don Pasquale lebt noch immer in denselben Möbeln wie einst mit seiner Mutter, weshalb man ihn auch gelegentlich als kleinen Jungen mit Mama auf der Bühne sieht. (Die Regisseure haben diesen Freud-Tick mit der prägenden Kindheit: Es war auch in London, wo zuletzt Christof Loy in der „Macht des Schicksals“ die Protagonisten-Geschwister als Kinder  mitspielen ließ…) Pasquales Diener ist hier eine herumstaksende Uralt-Frau, die wie ein Gespenst wirkt. Der Oldtimer, der (wie bei unserer scheußlichen Wiener „Cenerentola“) auf der Bühne stehen muss, wird von Norina gegen eine Luxuskarosse eingetauscht. Nicht, dass man sie brauchte. Man braucht es auch nicht, dass im letzten Akt plötzlich Handpuppen (ja, fast wie bei Habjan, nur ohne Klappmäuler) auftauchen – und Terfel und Werba genau in dem Duett, das ihnen mit Prestissimo-Passagen technisch das Schwerste abverlangt, nebenbei die Puppen halten, ja, mit ihnen spielen müssen! Nein, man braucht es nicht, ebenso wenig wie das stellenweise Live-Mitgefilme, das dann im Hintergrund auf eine Riesenleinwand projiziert wird…

Das alles lenkt nur ab –  soll es verbergen, dass die Personenführung besser sein könnte, die Interaktion sowieso, die Geschichte lustiger und tragischer zugleich, Substanz statt Mätzchen vielleicht? Bryn Terfel sagte im Einleitungsfilm des Abends, der Don Pasquale werde ihn nun die nächsten Jahre seines Lebens begleiten. Man kann ihm nur innigst wünschen, dass er seine Leistung anderswo in einem glücklicheren Rahmen darstellerisch abgerundeter zur Geltung bringen kann…

Renate Wagner

 

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