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LONDON/ The Royal Opera House im Kino/ Dresden Ufa Kristallpalast: MANON LESCAUT

25.06.2014 | KRITIKEN, Oper

Dresden / Ufa-Kristallpalast / Oper im Kino: “MANON LESCAUT“ IN NEUER LESART – Live aus London – 24. 6. 2014

 Es ist immer wieder ein Erlebnis, ohne großen Zeit- und Reiseaufwand die bedeutendsten Opern- und Ballett-Aufführungen des Londoner Royal Opera Houses mitzuerleben. Die Live-Übertragungen machen es möglich, wenn man ein Kino in der Nähe hat, das angeschlossen ist. In Dresden ist es vor allem der Ufa-Kristallpalast im Zentrum der Stadt, wo die Besucher immer freundlich empfangen werden und von allen Plätzen eine gute Sicht – je nach Wunsch – „mittendrin“ oder mit „etwas Abstand“ – garantiert ist.

 Zum Abschluss einer sehr erfolgreichen und interessanten Saison gab es Giacomo Puccinis Oper „Manon Lescaout„, das Dramma lirico, bei dem in der Inszenierung von Jonathan Kent und vor allem durch die sängerisch-darstellerischen Leistungen der beiden Protagonisten Kristíne Opolais als Manon und Jonas Kaufmann als Chevalier des Grieux die dramatische Seite stark betont wurde. Sie ging unwillkürlich „unter die Haut“. Nicht nur unterstützt und getragen, sondern auch forciert wurde das vom Orchestre of the Royal Opera House unter der Leitung von Antonio Pappano, der in dieser Oper regelrecht „lebt“ und aus seiner Begeisterung dafür kein Geheimnis macht, wie er beim üblichen Blick hinter die Kulissen verriet.

 Da traten Bühnenbild und Kostüme aus der Jetztzeit in den Hintergrund. Sie waren bei der geschickten Kameraführung in der Leinwand-Adation von Jonathan Haswell, die immer das Wesentliche in den Blick rückte, untergeordnet – auch ein Vorteil der Live-Übertragungen. Wie gegenwärtig so oft, wurde die tragische Handlung nach der Novelle von Antoine-Francois Prévost in die Gegenwart projiziert. Dadurch wurden die Probleme und Konflikte, die aus den strengen Konventionen entstanden, die im 19. Jh. die Geschicke der Menschen bestimmten und noch bis in die Anfänge des 20. Jh. hineinreichten, nicht unbedingt glaubhafter, z. B. wenn sich ein hübsches junges Mädchen im modischen Kleidchen und Jeansjäckchen an der Schwelle zum Erwachsenleben in stiller Ergebenheit und unabdingbarer Achtung vor dem Willen der Eltern damit abfindet, ins Kloster zu gehen, nur weil ihr Vater das will, und das in Frankreich! Das gab es in Europa nur in längst vergangenen Zeiten. Jetzt dürfte sich das nicht einmal jemand im Traum ernsthaft vorstellen, warum auch? Evtl. wäre es jetzt noch unter Migranten denkbar, aber so war die Inszenierung nicht angelegt. Die in Europa geborenen Jugendlichen würden außerdem wohl auch dagegen rebellieren.

 Es ist jetzt europa- oder noch weiter üblich, die Personen der Handlung in heutiger Alltagskleidung auftreten zu lassen, wozu dann oft die gesungenen Worte der Handlung – hier durch entsprechendes Coaching in sehr gut verständlichem Italienisch mit deutschen Untertiteln – nicht mehr so recht passen wollen. Wer geht schon in die Oper, um das Gleiche zu sehen wie im jetzigen Straßenbild. Viele, in der Handlung dramatisch herausgearbeitete Probleme verlieren an Sinn, wenn sie gewaltsam in die Gegenwart transponiert werden. Reizt nicht eine exotische, fremde oder vergangene Zeit viel mehr, auch die jungen Leute, die man so gern für die Oper begeistern möchte?

 Georg II., der „Theaterherzog“ von Sachsen-Meiningen, der jetzt wegen seines 100. Todestages wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt, da er bedeutende Künstler und Dirigenten wie Hans von Bülow, den Förderer Wagners, seines „Kontrahenten“ in Sachen Cosima, nach Meiningen holte, forderte seinerzeit historische Genauigkeit auf der Bühne. So Unrecht hatte er nicht. 

 In Kents Inszenierung, die trotz aller Modernität und gegenwärtig typischer Elemente dennoch mit dem Operninhalt und nicht in allzu großer Individualität des Regisseurs dagegen konzipiert wurde, wird die Gestalt der Manon von Regie, Bühnenbild und Kostüm stark überzeichnet und wie eine Prostituierte im „Lotterbett“ mit Kameramann und Publikum dargestellt. Mag sie sich so gefühlt haben in ihrer Verblendung vom Reichtum des alten, hier ganz passabel wirkenden Geronte de Revoir. In dieser Inszenierung beherrscht sie alle Verführungskünste, von Kristíne Opolais perfekt darstellt, aber sie hat sich nur an einen Mann „verkauft“, eben diesen reichen alten Geronte, der immer sehr korrekt im Anzug wie ein Gentleman auftritt. Durch ihn wurde sie verwöhnt, konnte sich alle Wünsche erfüllen und – war gelangweilt, sehnte sich nach echter Liebe zurück, nach ihrem des Grieux.

 Hätten nicht Kristíne Opolais und Jonas Kaufmann, die hier beide ihr Rollendebüt gaben, dieses aufrichtig liebende Paar so hinreißend glaubhaft und erschütternd mit Leben erfüllt, hätte man wohl kaum Mitleid mit dieser exaltierten Person gehabt. So aber ließ sie sich von Kaufmanns intensiver Verkörperung des Grieux so sehr inspirieren, wie sie in einem kurzen Interview bekannte, dass die Begegnung und das Leiden der beiden Liebenden so nahe ging. Kaufmann ist ein unbeirrbares Sänger- und Darsteller-Genie. Er erfüllt jede seiner Operngestalten mit blutvollem Leben und wunderbarem Gesang, bei dem auch der kritischste Kritiker keinen Fehler finden kann. Selbst Beckmesser müsste hier die Kreide schonen. Kristíne Opolais stand ihm auch in dieser Hinsicht kaum nach, deutete im 2. Akt auch ihre tänzerischen Fähigkeiten an und bildete vor allem im 3. und 4. Akt in jeder Szene das entsprechende Pendant zu dem leidenschaftlich liebenden des Grieux.

 Die wichtigsten Personen der Handlung waren sehr spezifisch gewählt bzw. zurechtgemacht, Maurizio Muraro, der den Geronte glaubhaft – und nicht unsympatisch – als reichen versnobten, genusssüchtigen Menschen der Oberschicht darstellt, und Benjamin Hulett als Manons leichtlebiger Bruder mit Ambitionen eines Filous und Zuhälters, äußerlich noch durch Kostüm und Maske unterstützt.

 Über die, die Handlung anders als gewohnt deutende, Inszenierung kann man geteilter Meinung sein, auch darüber, dass die Öde Amerikas im 19. Jh. durch die gegenwärtig typischen Stahlbeton-Relikte verlassener Bauwerke ins 20./21. Jh. verlegt wird, aber eindrucksvoll ist es doch. Bei jeder individuellen Deutung und neuer Sicht, die die Handlung unter anderen Aspekten betrachtet als zu ihrer Entstehungszeit, geht zwangsweise einiges der ursprünglichen Brisanz und starken emotionalen Substanz, wie sie seinerzeit wahrscheinlich empfunden wurde, unter, verliert das Werk etwas von seiner Relevanz, aber diese Inszenierung veränderte den Kern der Aussage nicht. Es waren vor allem die großartigen Gesangs- und Darstellungs-Leistungen, die bei den beiden Hauptdarstellern eine untrennbare Einheit bilden und die Aufführung zu einem tiefgreifenden, nachhaltigen Erlebnis werden ließen.

 Die nächste Spielzeit beginnt am 14.10. mit dem Pendant zu dieser Oper, dem Ballett „Manon“ von MacMillan. Man kann gespannt sein, wie diese Handlung tänzerisch umgesetzt wird. Gespannt sein kann man auch auf die geplanten 18 Live-Übertragungen von Opern aus dem Royal Opera House und Ballettaufführungen des Royal Ballet und des Bolshoi Ballet.

 Ingrid Gerk

 

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