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LONDON/ Dresden (Kino) Live aus dem Royal Opera House London: JULES MASSENETS „MANON“ ALS BALLETT

17.10.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Live aus dem Royal Opera House London: JULES MASSENETSMANON“ ALS BALLETT“ – 16.10. 2014

 Die neue Saison der Live-Übertragungen aus dem Royal Opera House London hat begonnen. Die Vorteile einer solchen Live-Übertragung sind offenkundig. Man erlebt eine Vorstellung von internationalem Rang ohne große Reisevorbereitungen. Man ist in angenehmer Atmosphäre unmittelbar dabei, und es gibt nur gute Plätze mit bester Sicht auf alle Details der Inszenierung, Ausstattung und Kostüme und vor allem auf die Mimik der Akteure.

 Den Auftakt für 2014/15 bildete eine gelungene, interessante dreiaktige Ballett-Adaption von Jules Massenets Oper „Manon“. Der 1992 verstorbene Kenneth MacMillan lehnt seine Choreografie dicht an das Libretto von Henri Meilhac und Philippe Gille nach dem Roman des Abbé Prevost an. In 3 Akten wird die Geschichte mit den Mitteln des Tanzes erzählt. Unter Ausnutzung der Dynamik des Tanzes entstand eine dynamische Handlung voller Dramatik und Spannung, die durch die Inszenierung (Julie Lincoln, Christopher Saunders) gekonnt unterstützt und ergänzt wird und mit eigens dafür angefertigten, aufwändigen Kostümen mit vielen kostümbildnerischen Details in eine historische Welt mit ihrem besonderen Reizen führt. Es entstand ein großartiges Handlungsballett, spannend in jeder Minute und keine Spur von Längen. Dieses MacMillan-Ballett feierte in diesem Jahr sein 40jähriges Bestehen.

 Die Akteure tanzten mit scheinbarer Leichtigkeit, fast Schwerelosigkeit und verdeutlichten mit ihren tänzerischen Bewegungen und ihrer Mimik die Dramatik der Handlung. Die Choreografie beruht vor allem auf dieser ausdrucksstarker Mimik und zahlreichen Drehungen in allen Varianten, Pirouetten auf Spitze und einigen Hebefiguren sowie guten Pas des deuxs. Eine neuartige Schraubendrehung der Manon, verursacht durch eine riskante Abwärtsbewegung, gehalten von Lescaut und einem älteren honorigen Herrn (Vater des Grieux?), einigen Nervenkitzel, wenn sich ihr Kopf dem Bühnenboden nähert und sie „gerade noch“ von den beiden Tänzern abgefangen wird, eine gekonnte Tanzfigur als Ausdruck des Widerstreites der beiden Männer, die ihren Einfluss auf Manon geltend machen wollen und sie dabei aufzureiben drohen.

 Es gab zuweilen gekonnten Humor, aber es ging auch nicht ohne Gewalt. Ein doppeltes Degenfechten bot eine optisch wirkungsvolle Einlage, aber es gibt auch Tote, nicht nur Manon, die, hin- und hergeworfen zwischen Flirt und Passion am Ende mit Des Grieux in die Sümpfe von Lousiana floh und an deren innerem Auge noch einmal wie in einem Fiebertraum die Gestalten, denen sie in ihrem kurzen Leben ausgesetzt war, vorüberziehen. In Abwandlung der Opernhandlung ersticht Des Grieux den Gefängniswärter, der Manon für sich gewinnen will, und Lescaut wurde schon am Ende des 2. Aktes von G.M. erschossen.

 Das in der Oper vorgesehene Dorffest wurde hier zu einem glanzvollen Fest, das der reiche Monsieur G.M. in Madames vornehmes Haus verlegt, bei dem diese Dame die anwesenden Mädchen wie eine Domina den (älteren) Herren, zuweilen auch etwas unsanft und mit sehr viel Nachdruck, zuweist und Manon ihrer Schönheit wegen viel Aufsehen und Zuspruch erlebt. Eine Glanzleistung vollbrachte hier Ricardo Cervera als betrunkener Lescaut, der sehr gut getanzte Ballettfiguren immer wieder wie ein echt Betrunkener in unvermuteten Wendungen abgleiten ließ als wäre er nicht mehr Herr seiner Sinne. Er fiel schon vorher durch sehr schöne, perfekte Sprünge und auch im Pas de deux auf. So wie seine Szene als Betrunkener lebten viele handlungsbedingte Szenenwechsel und Übergänge vom perfekten Timing.

 Marianela Nunez stellte ihre feinsinnige, graziöse Tanzkunst ganz in den Dienst eines bewegenden Ausdrucks und verkörperte in einer Mischung aus Flirt und Passion eine teils unerfahrene, vom Reichtum verblendete und sich doch nach aufrichtiger Liebe sehnende Manon. Federico Bonelli zeigte mit perfekter Körperhaltung und großen Sprüngen einen ehrlich Liebenden, dem man die großen Gefühle und seine wahre, echte Liebe glaubt und der mit seiner Darstellung stark berührte. Die Tänzerinnen und Tänzer der Nebenrollen wie Christopher Saunders als Monsieur G.M., Laura Morera als Lescauts Geliebte, und Gary Avis als Gefängniswärter zeigten gute Charakterdarstellungen bzw. sehr ausdrucksstarke, wirkungsvolle Episoden und Tanzeinlagen.

 Das Orchestra of the Royal Opera House spielte unter der Leitung von Martin Yates klangschön und zuverlässig, wobei auch ein schönes Cellosolo im 3. Akt dazugehörte.

 MacMillans „Manon“-Ballett beruht auf einem bestimmten Regiekonzept. Es beeindruckt, abgesehen von der gewagten „Schraubendrehung“ weniger durch außergewöhnliche Schwierigkeiten oder Neurungen, als durch ungewöhnliche Ausdrucksstärke, perfekt und kontrastreich abgestimmt zwischen den einzelnen Personen mit ihren Charakteren, Wünschen und Forderungen und den damit verbundenen Szenenwechseln.

 Es gab viel Applaus im Royal Opera House, und man war gewillt, selbst im Kinosaal mit zu applaudieren.

Auf die nächste Live-Übertragung von Verdis „I Due Foscari“ mit Placido Domingo, Francesco Meli, Maria Agresta und Maurizio Muraro – Musikalische Leitung: Antonio Pappanpo – (27.10.) kann man gespannt sein.

 Ingrid Gerk

 

 

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