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Lisa Eckhart: OMAMA

15.08.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Lisa Eckhart
OMAMA
Roman
383 Seiten, Verlag Paul Zsolnay, 2020

Als Kabarettistin ist Lisa Eckhart scharfzüngig, treffsicher und unerschrocken. Wozu dann applaudiert wird, wenn es in die „richtige“ Richtung geht. Die „Political Correctness“ möchte da allerdings schon Schranken setzen – Witze über Juden, Geld und Sex sind unerwünscht. Antisemitismus-Vorwürfe und „Cancel Culture“ (wo ist „Kultur“ in einer Bewegung, die Leute mit den „falschen“ Aussagen vernichten möchte?) greifen sofort.

Lisa Eckhart, geliebtes Kabarett-Mädchen, wurde auf der Stelle zur unerwünschten Buh-Unperson, bei Festivals ausgeladen. Immerhin gibt es noch Gegenstimmen, aber einige kommen dann wieder von der „falschen“ Seite… Kurz, die Publicity, die sich bis ins hohe deutsche Feuilleton gewünscht und ungewünscht über Lisa Eckhart ergoß, wäre vermutlich nicht zu bezahlen gewesen. Allerdings – wer möchte schon so sehr zwischen alle Fronten geraten, die heutzutage schroffer und böser aufgestellt sind denn je?

Immerhin, dem ersten Roman der 27jährigen Steirerin wird es nichts schaden: „Omama“ macht neugierig. Sicher zuerst aus den falschen Gründen („Das ist doch die…“). Es gibt nur eine Art, der Autorin dieselbe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen wie allen ihren Kolleginnen und Kollegen. Man lese das Buch gänzlich vorurteilsfrei, einfach als Stück Prosa einer jungen Frau von heute, die immerhin ihre Intelligenz und ihre Formulierungsfähigkeit schon vielfach unter Beweis gestellt hat.

Zuerst gibt es einen galligen Prolog (und auch später wird man erkennen, dass Lisa Eckhart nicht nur erzählen, sondern auch Grundsätzliches abhandeln will): Ist er typisch, der gnadenlose Kampf der Omas, Papa-Oma und Mama-Oma, um das Enkelkind? (Die Mutter spielt da überhaupt keine Rolle mehr, die wird aussortiert). Kein verklärter Blick also auf die Großeltern, wie er in der Literatur klischeehaft üblich ist. Selbst der gnadenlose Thomas Bernhard wurde, die Autorin vermerkt es, angesichts seines Großvaters sentimental. Das kann Lisa Eckhart nicht passieren.

Dann endlich zur späteren Oma, der Helga, die 1945 noch ein junges Mädchen ist, als die Russen kommen (geboren folglich so irgendwann – es handelt sich ja um die echte Großmutter der Autorin – Anfang der dreißiger Jahre). Sie ist die „hässliche“ Schwester, die um zwei Jahre älter Inge die „schöne“, und beide gehen gnadenlos auf Russen-Fang, die angesichts von so viel Bereitwilligkeit gar nicht so richtig anbeißen wollen…

Man merkt es schon, es wird ja doch eine Familienposse daraus. Der von seiner Frau durchwegs als Depp apostrophierte Trinker-Vater (der zustimmend dazu nickt), die sehr zielgerichtete Mutter, die mannstolle Inge und die gescheitere Helga, die aus ihren Fähigkeiten nichts machen darf, und Bruder Hansi, der erst später, als Erwachsener, ein bisschen ins Spiel kommt. Bis dahin blödelt man sich mit den Russen durchs steiermärkische Landleben, und nicht alles wird klar – ist ja wohl auch nicht so ernst gemeint. Die undurchsichtige Charade der Dorfbewohner, die die Familie diffamieren wollen, was misslingt, weil die Russen nicht verstehen, wovon die Rede ist. Und schließlich die wiederholte Behauptung, der Vater habe „31 Musikanten umgebracht“, ohne dass man Genaues erfährt (und ohne dass er mehr als „Scherereien“ bekommt…).

Da hat die Mutter die Töchter schon als Arbeitskräfte „vermietet“, um ihre Schulden zu bezahlen. Wenn Inge es am Ende scheinbar gut trifft und bei einem Professor in Wien landet, dem sie in jeder Hinsicht hilfreich ist, dann darf Helga nicht als Kindermädchen bei einer Familie in Gmunden bleiben. Die Mutter kommandiert sie nach Freienstein ab, um für den dortigen Wirt zu arbeiten. Ende des ersten Teils.

Im zweiten (der rund um „Österreich ist frei“ 1955 spielt) wechselt die Autorin ihren Stil, nicht zugunsten des Buchs. Hier bekommt die Helga am Ende dann den Rudi, den Stiefsohn des Wirts (obwohl dieser mit Stiefmutter Wirtin und zahllosen anderen Frauen Verhältnisse hat). Das läuft als Handlung quasi nebenbei. Hauptsächlich arbeitet Lisa Eckhart sich hier am Dorfleben und seinen Typen ab, am Dorfteppen, dem Dorftrinker, dem Dorfschönling, der Dorfmatratze. Das wird ein bisschen repetitiv und gelegentlich so steirisch, dass man es im übrigen Österreich nicht mehr versteht: Was heißt bitte „bis in die Puppen zu motschgern“? Wie dem auch sei, nach einiger Lesemühe heiratet die hochschwangere Helga den Rudi, und die Inge, die von der Professorsgattin endlich in hohem Bogen rausgeschmissen worden ist, kommt zernepft zur Hochzeit – und verschwindet in der Folge so total aus dem Buch, als hätte es sie nie gegeben. Ohne Erklärung.

Der dritte Teil ist dann der persönlichste, er erzählt von Lisa und der Omama, die sie immer nur „Großmutter“ nennt. (Dabei fällt auf, dass weder der Vater, Großmutters Sohn, noch die Mutter, hier die geringste Rolle spielen.) Es ist eine Geschichte von triefender Haß-Liebe und gnadenlosem Machtkampf, wobei die Autorin weder an sich selbst noch an der Großmutter ein gutes Haar lässt. Diese erlebt man als souveräne Schmugglerin, die bei Seniorenfahrten nach Ungarn den Bus voll unangemeldeter Güter heimbringt, die lukrativ verkauft werden (einmal wird auch ein toter Passagier über die Grenze geschafft, damit die Zöllner nicht auf die Idee kommen, näher hinzusehen). Eine Schelmengeschichte.

Und gar, wenn Großmutter von einem windige Typ irgendwelche billige Kosmetika bezieht, die sie teuer verkauft: Sie erinnert in ihrer Geldgier tatsächlich an die Mama des „Bullen von Tölz“, man stellt sie sich gerne als Ruth Drexel vor, zumal auch die Großmutter sehr gut kocht, aber mit dem Preisgeben ihrer Rezepte heikel ist. Ja, und so geldbewusst bis zum letzten, dass sie auch als alte Frau noch putzen geht (Enkelin Lisa schaut sich in den Wohnungen der Reichen um und stiehlt und stierlt, wie sie selbst zugibt).

Possenhafter Höhepunkt: gemeinsame Reisen von Großmutter und Enkelin, das Bernsteinzimmer hat die Dame dann doch enttäuscht, auf einer Kreuzfahrt tritt sie beim Flirten mit der Lisa in Konkurrenz, die doch glatt denkt, sie könnte das alte Luder, dem sie auch gelegentlich „Goschen halten“ befiehlt, eigentlich über die Reling werfen, das würde ohnedies niemand merken… Wir nehmen es als humorvoll, sonst wäre es zu grausig.

Am Ende gibt es doch noch ein Rezept für einen Rehbraten, auch das wohl als Parodie gedacht, weil dergleichen heutzutage in jedem zweiten Buch nachzulesen ist. Die echte Großmutter übrigens lebt noch, und die Lisa ist voll im familiären Psychoterror gefangen, wird der alten Frau wohl bis zu deren seligen Ende in schlechtem Gewissen verbunden sein – und außerdem: Von Zeit zu Zeit sieht sie die Alte gerne… Das Denkmal, das sie ihr gesetzt hat… nun normale Großmütter würden sich bedanken. Diese scheint der Enkelin ähnlich zu sein und sich nichts daraus zu machen, derart in die Literatur eingegangen zu sein…

Was bekommt man noch außer der Familienposse? Eine gewisse Fixierung aufs Fäkale, auf Kot und Exkremente, ist der Autorin nicht abzusprechen, da ist sie Werner Schwab bis ins Sprachliche ähnlich (na, er war ja auch ein Steirer). Peinlichkeiten werden liebevoll ausgereizt, das Thema hat für die Autorin offenbar etwas Faszinierendes, noch im allerletzten Satz empfiehlt sie dem Leser (relativ milde für ihre Verhältnisse), sich mit Romanen, die sie nicht befriedigen, das Popscherl abzuwischen.

Geschimpft wird auf Österreich, natürlich, allerdings nicht auf Bernhard’schen Höhen, und für den allgemeinen österreichischen Rassismus findet sich letztendlich auch nur der eine dezidierte Beleg, den Lisa Eckhart seither in jedem Interview zitiert hat: Dass die Großmutter zwar nicht mehr „Neger“ sagt, sondern „Schwarzer“, aber jetzt mag sie halt die Schwarzen nicht und traut ihnen alles Schlimme zu. Alles beim Alten. Das „Politische“ muss man aus dem allgemeinen, breit geschilderten österreichischen Verhalten herauslesen. Im Kabarett zielt Lisa Eckhart scharf. Im Roman nimmt sie Umwege.

Wenn sie etwas nicht mag, wird sie eloquent. Opernfreunde werden sich winden: „Der erste Opernkomponist stellte die Behauptung auf, wem diese Kunstform nicht behage, der sei ein einfältiger Narr. Und seither kompostierte man stundenlang vor diesen Tragödien, deren meist fataler Ausgang sich verhindern hätte lassen, hätten die Personen miteinander gesprochen, anstatt sich in den Tod zu singen.“ Jetzt weiß man, wie die Leute denken, die meinen, man könne ohne Theater (Oper) auskommen… Keine Frage, dass Lisa sich nicht entschließen kann, mit der Großmutter in „Aida“ zu gehen, wo die einzige Ablenkung von dem Gejodel wohl in Großmutters Blähungen bestehen würde…

Der Roman ist über weite Strecken schaurig-witzig, über weite Strecken grausig-untergriffig, über weite Strecken leider auch umständlich-viel zu lang. Das war’s für die „Omama“ auf immerhin 383 eng bedruckten Seiten. Der Blümchen-Umschlag des Buches ist natürlich trügerisch, die liebe Oma gibt es da nicht. Als nächstes will sich Lisa Eckhart der verfolgtesten Spezies auf diesem Planeten zuwenden, dem „weißen Mann zwischen 40 und 50“. Wir sind neugierig.

Renate Wagner

 

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