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Lion Feuchtwanger: TAGEBÜCHER

27.01.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Lion Feuchtwanger:
Ein möglichst intensives Leben
Die Tagebücher
640 Seiten, Aufbau Verlag, Berlin 2018

Viele Leser nehmen Biographien zur Hand, wenn sie sich für eine Persönlichkeit interessieren, desgleichen Memoiren oder Autobiographien. Aber wer liest schon Tagebücher? Die Aufzeichnungen „von Tag zu Tag“ erscheinen etwas „holprig“, gewissermaßen eine Lese-Anstrengung, um Übersicht über ein Leben zu gewinnen. Doch wenn man sich darauf einlässt, kann es äußerst aufschlussreich sein, einem Menschen auf diese Art wirklich in die Nähe zu kommen. Das war der Fall bei den vielleicht berühmtesten Tagebuchschreibern unter den Dichtern des vorigen Jahrhunderts wie Thomas Mann oder Arthur Schnitzler.

Nun gibt es verschiedene Formen von Tagebüchern, manche nur Gedankensammlungen (berühmt von Hebbel bis Frisch), andere doch als der Versuch, Fakten des Lebens aufzuzeichnen, um sie nicht zu verlieren. Feuchtwangers Tagebücher zählen zu den letzteren. Chronikartig, kalenderartig – und doch darüber hinaus aufschlussreich, gerade durch die Auswahl, gerade durch die ungekünstelte Wortwahl, nichts Gestaltetes, einfach Notiertes.

Er hat von 1906 an Tagebuch geführt, da war Lion Feuchtwanger, geboren am 7. Juli 1884 in München, 21 Jahre alt, und es ist anzunehmen, dass er diese Gewohnheit bis zu seinem Tod am 21, Dezember 1958 in Los Angeles beibehalten hat. Allerdings sind nicht alle Tagebücher erhalten, es klaffen große Lücken. Erstaunlich immerhin, wie viel man im Nachlaß seiner letzten Sekretärin Hilde Waldo fand (die wohl auch seine Geliebte war) – denn Feuchtwangers Gattin Marta (1891-1987) überlebte ihn lange und war wohl eine Art Gralshüterin.

Das aufgefundene Material  –  Hefte, teils in Schreibschrift, teils in Kurzschrift, schwere Editionsarbeit – reicht nur bis 1940, Lücken sind auch rund um den Beginn des Ersten Weltkriegs zu verzeichnen, die Zwanziger Jahre fehlen, und dann, wie gesagt, das Lebensende. Und man bedauert das nach der Lektüre, denn sie ist in vieler Hinsicht aufschlussreich – natürlich für Feuchtwanger selbst und seine „Verwandlung“ durch die Jahre (da macht man gewissermaßen Sprünge) ebenso wie für die Zeitereignisse.

Wenn der vorliegende Band gut 470 Seiten Text (plus einem starken Anhang) umfasst, irritieren die permanenten Auslassungszeichen, Pünktchen in eckigen Klammern, aber die Herausgeber versichern, und man glaubt es ihnen, wirklich nur Belangloses weggekürzt zu haben. Welch ein Kompendium diese Feuchtwanger-Tagebücher ergäben, wären sie erstens vollständig und zweitens zur Gänze ediert (was man für die vorhandenen im Internet plant) – sie kämen zwar im Umfang nicht an Thomas Mann und Schnitzler heran, aber dass es bei allen Einschränkungen ein gewaltiges Werk ist, steht außer Zweifel.

Einschränkungen, natürlich. Was notiert Feuchtwanger nicht nur in „Kurzschrift“, sondern auch in kürzelhafter Manier, woran sich im Lauf der Jahre wenig ändert. Zuerst – er war ein Workaholic. Er schreibt und schreibt sein Leben lang. Lässt den Leser aber nicht am Schaffensprozeß teilnehmen, nur an den Fakten, was er schreibt, wie er weiterkommt, wann er es vorliest, welche Änderungen er vornimmt, wann und wie es erscheint, die Kritiken, wie viel Geld er damit einnimmt. Die äußere Hülle einer Dichterwerkstatt, nicht das Innere des kreativen Prozesses.

Er war auch ein Leser (abgesehen von seiner Leidenschaft, Bücher zu sammeln und „Bibliotheken“ zu besitzen), und er liest in solcher Menge, dass man es kaum für möglich hält. Nennt Riesenromane für einen Tag, am nächsten Tag kommt ein anderes Werk. Die Frage, wie genau er gelesen haben kann, wirft sich auf. Denn bekanntlich ist genaues Lesen eine ungemein zeitraubende Beschäftigung – und Feuchtwanger war sein ganzes Leben lang kein Stubenhocker, im Gegenteil.

Wenn man seiner Biographie von München nach Berlin, in die USA-Reisen (später auch in die umstrittene Russland-Reise, wo er Stalin interviewte und sich bei allen Vorbehalten nie vom Stalinismus distanzierte) folgt, in sein Exil in Frankreich, womit die vorhandenen Aufzeichnungen enden, ist er geradezu täglich in einen Wirbel von Menschen eingetaucht. Auch wenn „fad“ eines seiner beliebtesten Vokabel ist, war er doch ununterbrochen inmitten seiner Künstlerkollegen zu finden, die übrigens gar nicht immer gut wegkommen. Selbst der, den er offenbar am liebsten hatte, Bert Brecht, bekommt oft spitze Bemerkungen. Bruno Frank war eine Konstante in seinem Leben. Feuchtwanger ging viel ins Theater, schrieb auch darüber, knüpfte ununterbrochen Beziehungen zu Theaterleuten, Verlegern, Journalisten, Kollegen, für seine jüdischen Mitbürger war er eine Leitfigur (nicht zuletzt durch „Jud Süß“).

Man stellt fest, wie sehr es rund um Feuchtwanger auch immer wieder um Geld ging, von dem er offenbar mehr hatte als alle anderen – viele Freunde haben ihn angepumpt, viele Frauen gingen mit Geldgeschenken weg. Geld spielt nicht nur in Bezug auf Einnahmen, die meist aus aller Welt sprudelten, eine Rolle – er war wohl ein heftiger, wenn auch nicht total besessener Spieler, der in Südfrankreich durch manches Kasino zog. Oft in Frauenbegleitung… und selten in der Begleitung seiner Frau.

Was Marta Feuchtwanger sich von ihrem Mann gefallen ließ, ist unfasslich, aber mehr, dass sie immer wieder einmal „gestrindberglt“ hat, wie er ihre Auseinandersetzungen nannte, hat sie ihm nicht angetan. Sie wurde von Lion Feuchtwanger, der ein sagenhaftes Sexleben betrieb, schier ununterbrochen betrogen. Mit Huren, Gelegenheitsbekanntschaften, mit Schauspielerinnen, die durch alle Betten gingen (wer hätte Annie Rosar, der weinerlichen Alten aus dem „Veruntreuten Himmel“, das zugetraut – aber damals in München war sie jung). Er hat vielen Frauen, denen er begegnete, sofort eindeutige Avancen gemacht, und er scheute auch vor den Gattinnen seiner Freunde nicht zurück. Manchmal hatte er länger dauernde Beziehungen, da auch mehrere gleichzeitig – nur Marta war immer da, richtete Wohnungen ein, führte den Haushalt und packte auch die Koffer, wenn er mit anderen verreiste… Was in Feuchtwangers Gefühlsleben vorging, weiß man nicht – nicht einmal, ob er eines hatte, denn echte Gefühle erwähnt er nie, höchstens Stimmungen, meist schlechte…

Unsentimental bis in die Knochen war er auch in Bezug auf seine Familie, wo er selbst Katastrophen einfach nur unkommentiert und gänzlich unemotional hinstellt. Ein Bruder in Kriegsgefangenschaft, der Vater am Sterbebett, einfach Fakten. Was er menschlich dazu zu sagen haben mochte, findet sich in seinen Büchern.

Dieser Mann, der in den Tagebüchern – zweifellos ein „intensives“, wenn auch überladenes Leben – nichts erklärt, sondern nur den Alltag notiert, hat daneben Ungeheures geleistet, zahlreiche Stücke und Bearbeitungen geschrieben (das meiste heute vergessen), dickleibige Romane vorgelegt (bis heute geschätzt – trotz des Erfolgs, den sie hatten). Wie er das Schreiben in diesen Lebenswirbel eingebaut hat – man versteht es nicht.

Diese Tagebücher haben wegen ihrer sexuellen Konnotation („gevögelt“ ist nicht nur ein Standard-Vokabel, sondern auch eine Standard-Tätigkeit) viele Leute – auch Kritiker – abgetoßen. Wenn man in der Lektüre nach und nach lernt, diese Teile der Triebbefriedigung zur Seite zu schieben, als nur ein Element seines reichen Lebens (mit einigem Suchtcharakter), dann bleibt noch unendlich vieles, was dieses Buch lesenswert macht. Das eigene Leben in der Gegenwart mitschreiben. So dass – für den Leser – in der Rückschau Entwicklungen und Lebenslinien erkennbar werden. Das bietet Lion Feuchtwanger in reichem Maße.

Renate Wagner

 

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