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LINZ/ Landestheater/ Black Box: THE TRANSPOSED HEADS von Peggy Glanville-Hicks nach einer Erzählung von Thomas Mann. Premiere

Europäische Erstaufführung einer 64 Jahre alten Oper

25.11.2018 | Allgemein, Oper


, Timothy Connor, Rafael Helbig-Kostka. Copyright: Sakher Almonem/ Linzer Landestheater

Linz: „THE TRANSPOSED HEADS“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Black Box, 24. 11.2018; europäische Erstaufführung, eine Produktion des Oberösterreichischen Opernstudios
Indische Legende in 6 Szenen nach der Erzählung „Die vertauschten Köpfe“ von Thomas Mann, Libretto und Musik von Peggy Glanville-Hicks anhand der Übersetzung von Helen Tracy Lowe-Porter
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Diese Erzählung aus der indischen Sammlung Vetālapañcaviṃśatikā aus dem 11. Jhd. unserer Zeitrechnung handelt von vertauschten Identitäten und deren Auswirkungen auf menschliche Beziehungen. J. W. v. Goethe formte auf deren Basis spät in seinem Leben ein kryptisches und düsteres Gedicht, die „Parialegende“. Gut 110 Jahre später, 1940, verfaßte Thomas Mann im US-Exil eine ironisch zwischen Pathos und Bathos oszillierende Erzählung. Diese floss – mit minimalen Kürzungen – in das Libretto ein.


Etelka Sellei, Rafael Helbig-Kostka. Copyright: Sakher Almonem/ Linzer Landestheater

Es geht darin um zwei Bewohner des Dorfes „Wohlfahrt der Kühe“: einen wohlgestalten, doch von Antlitz häßlichen Schmied (und damit in einer niedrigen Kaste), Nanda. Sein Freund, ein gebildeter Kaufmann, ist Bramahne und eher wie ein Spaghettisultan (© Erste Allgemeine Verunsicherung) gebaut, verfügt hingegen über ein schönes Gesicht; sein Name ist Schridaman. Natürlich wird die Geschichte von einem love interest in Gang gebracht: die junge, von Mann überaus schwelgerisch und plastisch beschriebene Bewohnerin des Dorfes Buckelstierheim, Sita. Auf Vermittlung Nandas heiraten Schridaman und Sita, scheinen glücklich; doch kommt heraus, daß Sita beim Sex mehr an den athletischen Nanda denkt als an ihr Ehegespons.
Die drei verreisen miteinander, verirren sich und geraten an den Tempel der Weltenmutter Durga/Kali. In selbigem wird Schridaman von Frust ob der inneren Untreue seiner Gattin übermannt und schlägt sich mit einem Schwert den Kopf ab. Nanda, der ihn findet, befürchtet, als Mörder dazustehen und tut es ihm gleich. Schließlich findet Sita die Leichen und setzt sie, nach einem gescheiterten Selbstmord, mit Durgas Hilfe wieder zusammen – aber in ihrer „Huschlichkeit“ den schönen Kopf Schridamans auf den athletischen Körper Nandas und gegensinnig vertauscht die verbliebenen Teile. Doch wer der beiden neu komponierten Männer ist nun Sitas wahrer Ehemann?
Das soll ein Weiser entscheiden. Zuerst meint er, daß eigentlich der Körper maßgeblich sei, korrigiert sich jedoch schnell: die Huschlichkeit Sitas war wohl eher sowas wie ein Freud’scher Köpfevertauscher. Also spricht er ihr den schridamanköpfigen Athletenleib zu, und der Nandaköpfige zieht sich als Einsiedler zurück.
Doch keiner der drei ist mit dieser Situation glücklich, und sie beschließen, den einzig gesellschaftlich und religiös akzeptablen Ausweg zu nehmen: die beiden Männer töten einander, und die quasi doppelte Witwe wird mit ihnen verbrannt.

Diese Geschichte wurde von Peggy Glanville-Hicks (*Melbourne 1912, + 1990 in Sidney. Schülerin von Ralph Vaughan Williams, Nadia Boulanger und Egon Wellesz, Kompositionslehrerin u. a. an der Columbia University in New York) auf eine 80-minütige Oper, ihre erste, kondensiert. Zum Teil komponierte sie diese in der Karibik auf der Jacht von Errol Flynn. Die Uraufführung dieses Auftragswerkes fand am 3. April 1954 in Louisville, Kentucky, statt. „ It was my aim to create a grand opera on a chamber music scale. The work is essentially a virtuoso piece for singers, the whole form and pacing coming from the vocal element as does the shape of a Baroque concerto from the vocal elaboration.” Sie verwendete dazu neben Motiven aus früheren eigenen Kompositionen indische Quellen. Man könnte ihre Musik für ähnlich dem Stil Aaron Coplands befinden – vielleicht ein Grund, warum sie damit im nach dem 2. Weltkrieg „strikt atonalen und seriellen“ Europa nicht Fuß fassen konnte; ihr diesbezüglicher Versuch mit der in Athen uraufgeführten Oper „Nausicaa“ war nicht von Erfolg gekrönt.


Etelka Sellei und Ensemble. Copyright: Sakher Almonem/ Linzer Landestheater

Die „Heads“ sind mit einem etwa 40-köpfigen Orchester besetzt; dies inkludiert eine verstärkte Schlagwerksfraktion für „indische Färbungen“. Das Bruckner Orchester Linz ist auch in dieser Konstellation ein präziser und stilsicherer Partner des Bühnengeschehens. Musikalische Leitung Leslie Suganandarajah, den wir in Linz leider schon nach zwei Saisonen wieder verlieren (ans Salzburger Landestheater, dessen Musikdirektor er wird). Er produziert ein durchsichtiges Klangbild, detailreich, achtet dabei den Fluß der Klänge und des Geschehens. Die Balance mit den Stimmen funktioniert ebenso perfekt, wobei das kein einfaches Unterfangen sein kann: Orchester und Dirigent arbeiten hinter der Bühne (mitunter, je nach Szenerie, hinter einem Vorhang).
Die Inszenierung durch Studioleiter Gregor Horres (Bühne und Kostüme Jan Bammes Dramaturgie samt Untertitelverfassung weitestgehend anhand des Mann’schen Originaltextes Christoph Blitt) kann schon auf gut vorgebildete Bühnenpersönlichkeiten bauen. Trotz des in der Black Box von einem aufwendigen Rundvorhang abgesehen kargen Szenarios wird durch Versatzstücke und Kostüme ein szenisch tauglicher Indienbezug hergestellt. Die Handlung läuft temporeich und wird schauspielerisch intensiv umgesetzt, und es fehlt nicht an schrägen Einfällen zu dieser schrägen Geschichte. Wobei man den Bühnenpersonen durch die große Nähe – ohne Orchestergraben dazwischen – sehr genau auf die Finger bzw. die Mimik schauen kann.

Schridaman ist der lyrische Tenor Rafael Helbig-Kostka: schön timbrierte, helle, sauber geführte, bewegliche Stimme, erzeugt beachtlichen Druck ohne hörbare Anstrengung auch in den Höhen. Sein Spiel ist von feinem Humor geprägt. Nanda wird von Timothy Connor mit sehr gut fundiertem, samtigem und beweglichem Bariton gegeben; ausgesprochen beweglich ist auch seine körperliche Rollengestaltung. Etelka Sellei singt die Sita mit sehr gutem, ohne Schärfe zu beachtlicher Dynamik fähigem Sopran. Ihr Spiel ist ebenso feingliedrig wie ausdrucksstark
In Sprechrollen treten Svenja Isabella Kallweit (Göttin Kali) und Philipp Kranjc (Kamadamana, ein Guru), singen und spielen vielfältig aber auch im Chor, zusammen mit Sinja Maschke und Hibiki Tsuji.


Isabella Kallweit (Göttin Kali). Copyright: Sakher Almonem/ Linzer Landestheater

Begeisterter Applaus für einen vorzüglichen Einstand der neuen Opernstudiobesatzung mit einem Werk, das eine nette und interessante Bekanntschaft darstellt, aber wohl nicht ein Fixbestandteil des Repertoires werden wird.

Petra und Helmut Huber

 

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