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LINZ/ Landestheater/Black Box: CREDO – Tanzabend von Urs Dietrich. Uraufführung

22.05.2021 | Allgemein, Ballett/Tanz

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Pavel Provaznik. Photo:  © Vincenzo Laera

Linz: „CREDO“ – Uraufführung am Musiktheater des Landestheaters, Black Box, 21. 05.2021

Ein Tanzabend von Urs Dietrich zu Musik von Arvo Pärt, Luca Canciello, Original Abendland Quintett, Drum Freaks

Der Walliser Urs Dietrich, 1958 in Visp geboren, erhielt seine Ausbildung hauptsächlich in St. Gallen, Essen und New York. Seit 1988 hat er sich als bedeutender Choreograph etabliert, auch in Zusammenarbeit mit Susanne Linke. Seine bzw. beider Arbeiten prägen das Essener Folkwang Tanzstudio und das Tanztheater in Bremen. Darüber hinaus feierte er bei zahlreichen internationalen Engagements Erfolge. Nach der Zusammenarbeit mit Johann Kresnik zur Rekonstruktion dessen Heidelberger „Macbeth“ (2018) ist dieser Abend eine weitere Reverenz an eine der großen Persönlichkeiten des europäischen Tanztheaters, und natürlich auch eine Horizont- und Erfahrungserweiterung für das Linzer Ensemble.

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Nicole Stroh. Photo © Vincenzo Laera

Dietrichs Hauptthema sind innere Befindlichkeiten, und auch seine neue Choreographie, eigentlich (unter dem Saisonmotto „Bekenntnisse“) für die Spielzeit 2019/20 geplant, soll „den modernen Menschen im Spannungsfeld zwischen Glauben und Zweifeln“ in den Mittelpunkt stellen, und das will er dadurch erreichen, daß er „Atmosphären schaffen möchte“ (Mitarbeit Susan Barnett, Dramaturgie Roma Janus). Auch Ausstattung, Kostüme und Licht liegen in seiner Hand.

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Rie Akiyama. Photo © Vincenzo Laera

Jedenfalls ist diese Ausrichtung des Tanztheaters durchaus anders als die der Linzer Spartenchefin Mei Hong Lin:  sie choreographiert viel mehr handlungsorientiert, wenn natürlich auch dabei die innere Welt nicht zu kurz kommt.  

Die Black Box ist schon wieder einmal neu arrangiert: vor einer deutlich größeren Tribüne als sonst – es soll ja genügend Publikum trotz der aufgelockerten Sitznutzung unterkommen – ist ein ca. 8 x 10 m großer Raum freigehalten; Stimmungen, Raumdefinitionen etc. werden auf dieser Fläche durch Lichtführung erzeugt.

Das Ensemble (Lara Bonnel Almonem, Rie Akiyama, Julie Endo, Núria Giménez Villarroya, Mireia González Fernández, Shao-Yang Hsieh, Yu-Teng Huang, Valerio Iurato, Lorenzo Ruta, Pavel Povrazník, Evi van Wieren, Safira Santana Sacramento, Nicole Stroh, Vincenzo Rosario Minervini, Nimrod Poles, Pedro Tayette, Kayla May Corbin, Shang-Jen Yuan) zeigt, durchwegs schwarz kostümiert, in diesem Raum, wie es seine darstellerischen Fähigkeiten durchaus anders einsetzen kann als „gewöhnlich“. So wirklich lesen, im Sinne einer psychologischen oder eventuell metaphysischen Bedeutung, können wir die Bewegungscodes zwar nicht – aber all die extreme Körperbeherrschung und Präzision bei komplexen Abläufen transportieren auf der emotionellen Schiene Spannung, Staunen – und fesseln den Blick. Und: Sogar Haare können tanzen… Einige Massenszenen überzeugen alleine schon durch gnadenlos hunderstelsekundengenaue Marionettenhaftigkeit.

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Evi van Wieren. Photo © Vincenzo Laera

Die Musik – instrumental, chorisch und auch „konkret“ – kommt von der Konserve. Verwendet werden „Oh Morgenstern“ und „Cecilia, Vergine Romana“ von Arvo Pärt – unter den vielen archaisierenden Werken des Esten zwei eher phantasievollere; zwei „Promenaden“ von Luca Canciello, ein vergnügtes und klischeebefreites Stück Balkan-Jazz des Original Abendland Quintetts unter dem Namen „Jetzt geht’s rund – Piroschka“ und „Smyrna“ von Drum Freaks.

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Rosario Minervini. Photo © Vincenzo Laera

Völlig erschließt sich uns die Titelgebung nicht – wie stellt man nun wirklich Glauben dar, wie Zweifel und Skepsis? Außer vielleicht mit eher klischeehaften Manierismen – und davon wären uns keine aufgefallen… Der Abend überzeugt hingegen mit den großartigen Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer, mit interessanter Musik und mit einer etwas anderen Bewegungssprache als wir sie von TanzLin.Z kennen.

Nach rund einer Stunde: begeisterter Applaus.

Petra und Helmut Huber

 

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