Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LINZ/Brucknerhaus: „#ZWEI – Eva!“ – Konzert unter Eva Ollikainen mit Carolin Widmann, Violine

Linz: „#ZWEI – Eva!“ – Konzert im Brucknerhaus Linz, Großer Saal, 03. 12.2025

Bruckner Orchester Linz unter Eva Ollikainen; Carolin Widmann, Violine

eva1
Auf der roten Couch: Thomas Larcher, Eva Ollikainen, Daniel Hochreiter. Foto: Petra und Helmut Huber

Die dem jeweiligen Bruckner-Orchester-Konzert 45 Minuten vorausgehende Gesprächsrunde „auf der roten Couch“ ist immer sehr interessant. Heute aber war sie, mit dem Komponisten Thomas Larcher, der Dirigentin des Abends Eva Ollikainen und dem Orchesterchef Daniel Hochreiter, besonders informativ, was Hinweise zum Programm und der Arbeit der Betreffenden anlangt: so erfuhren wir, dass Richard Strauss hinsichtlich Selbstsicherheit und Umarbeitungen seiner Werke das genaue Gegenteil von Anton Bruckner war, daß Ollikainen als Studentin Strawinskys „Sacre“ als schwierigstes Stück hinsichtlich der Rhythmik betrachtete – was aber von Larchers Symphonie weit in den Schatten gestellt werde, und daß Bruckner seine Ouverture als „Schulübung“ am Weg vom kirchlichen zum weltlichen Komponisten betrachtete. Außerdem verwendet Larcher gerne ein Akkordeon im Orchester, da es als einziges Instrument außer Streichern leise hohe Töne produzieren könne, wie es Bläser nie vermöchten; und ein präpariertes Klavier ist auch immer dabei.

Um ½ 8 saßen (abgesehen vom stehenden Paukisten) dann 65 Damen und Herren auf dem Podium, um Bruckners Ouvertüre in g-Moll WAB 98 aufzuführen. Sicherlich, verglichen mit den berühmten Symphonien, ein relativ akademisches Werk, das aber, neben Echos von Beethoven und Mendelssohn, auch schon den „künftigen Harmonieprofessor“ erahnen lässt, wie Frau Ollikainen sagte. Es wurde von ihr und dem Orchester sehr lebendig und kontrastreich, in jedem Fall präzise und spannend, präsentiert. Auch einige Streicherstellen sind definitiv für diesen Komponisten in seinen späteren Werken charakteristisch, und mit 38 Jahren kann Bruckner schon richtig gut Orchesterfarben mischen. Wohl haben viele im – sehr schütter besetzten, optimistisch geschätzt 40 % Auslastung – Auditorium das 1925 uraufgeführte Werk bislang nicht gekannt, aber Applaus wurde für diese animierte Wiedergabe reichlich gespendet.

Dann wurde, hauptsächlich zu Lasten des Blechs, auf 55 Orchestermitglieder reduziert, um Richard StraussViolinkonzert in d-Moll op. 8/TrV 110 aufzuführen. Auch dabei handelt es sich um ein Studienwerk, in mehrfachem Sinne: nicht nur, daß es vom 16-jährigen Gymnasiasten in einem Schulheft aufgeschrieben wurde, war es auch seinem Geigenlehrer Benno Walter gewidmet. Es wurde von letzterem (mit dem Komponisten am Klavier) am 5. Dezember 1882 im Wiener Bösendorfersaal uraufgeführt. Bei der späteren orchestrierten Fertigstellung (offiziell 1896 erstaufgeführt) vermied es der Komponist ausdrücklich, über das Stimmenarrangement hinausgehend Änderungen vorzunehmen, wie er das auch bei fast allen späteren, „reiferen“ Werken so hielt. Hörenswerte Anmerkungen dazu gibt es von Ulf Hoelscher auf der website des WDR; Hoelscher war der erste, der 1975 das wenig beachtete Konzert auf Tonträger aufgenommen hat.

eva2
Schlussapplaus nach dem Violinkonzert. Foto: Petra und Helmut Huber

Heute spielt eine gebürtige Münchnerin den Solopart. Strauss ist geigerisch reichlich frech, aber auch bewundernswert, bei seinem Jugendwerk „all in“ gegangen, und dem muss man erst einmal technisch folgen können. Nun, Frau Widmann meistert die schon in den ersten paar Takten auftretenden grifftechnischen und anderen Gemeinheiten (und alle späteren) perfekt, und lässt es zusammen mit Dirigentin und Orchester recht unerklärlich erscheinen, warum das Stück so selten aufgeführt wird: nach einem ziemlich wild bewegten Allegro folgt ein kurzes, sehr ausgeprägt lyrisch-ätherisches Lento, in dem die Solistin nicht alleine das Geschehen bestimmt, sondern auch ein Duett Viola-Violoncello aufhorchen lässt. Im abschließenden Rondo – prestissimo muss die Solistin nochmals – erfolgreich – all ihre technischen und gestalterischen Fähigkeiten auspacken. Begeisterter Applaus, mit der Sarabande aus der Solopartita in d-Moll, BWV 1004, beantwortet – erneut lässt Frau Prof. Widmann ihre Guadagnini von 1782 unangestrengt den Saal füllen.

In der Pause wird die Bühnenbestuhlung auf 82 Mitwirkende ausgebaut. Ein zunächst „arbeitsloser“ Herr sitzt zwischen Celesta und Klavier – er stellt sich dann als Klaviertechniker heraus, der während der Aufführung am präparierten Flügel Änderungen vornimmt. Auch wird auf fünf Schlagwerker aufgestockt, mit dementsprechend reichhaltigem Instrumentarium.

Larchers Symphonie Nr. 2Kenotaph“ ist den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen gewidmet und wurde in enger Zusammenarbeit mit Semjon Bytschkow fertiggestellt; letzterer war auch Dirigent der Uraufführung am 3. Juni 2016 (Wiener Philharmoniker, Musikverein). Seither war sie schon auf so gut wie allen Kontinenten zu hören und kann als erfolgreichste Symphonie des 21. Jahrhunderts gelten. Das anfänglich als Konzert für Orchester gedachte Werk weist vier Sätze auf: Allegro, Adagio, Scherzomolto allegro und Introduzionemolto allegro. Allen gemeinsam ist sehr große rhythmische Vielfalt, einige extreme Agogik bis fast zum Stillstand: Aufgaben, die Frau Ollikainen bravourös meistert und den riesigen Apparat ohne das kleinste Zittern und Zagen zusammenhält, mit absoluter Präzision in der Schlagwerksgruppe. Auch die dynamischen Ansprüche sind hoch: insbesondere im 2. Satz und im dann auch wieder langsam und, widmungsgemäß, extrem leise hinsterbenden Schluß. Larcher hat auch keine Scheu vor melodiösen Einwürfen zwischen freitonal gebauten Klangflächen oder vor brucknerhaften Streicherausbrüchen (1. Satz), die natürlich auch in gebührend blühender Klangpracht präsentiert werden. Die Aufführung gerät zur Werbung für zeitgenössische „klassische“ Orchestermusik!

eva56
Schlussapplaus mit dem Komponisten. Foto: Petra und Helmut Huber

Begeisterter Applaus, wobei die Wenigen, die gekommen sind, mit Lautstärke die geringe Auslastung wettmachen.

 

Petra und Helmut Huber

 

Diese Seite drucken