Linz: „FRISCHER WIND“ – Konzert im Brucknerhaus, Großer Saal, 13. 09.2026
mit dem Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner; Jean Rondeau, Cembalo

Andreas Meier, Markus Poschner. Foto: Petra und Helmut Huber
Nach dem überaus heißen Sommer sollte frischer Wind eine Wohltat sein. Egal, ob dieser Gedankengang den Brucknerhaus-Musikdramaturgen Andreas Meier bzw. den künstlerischen Direktor Norbert Trawöger dazu bewog, das erste Konzert des diesjährigen Brucknerfestes unter dieses Motto zu setzen: Petrus spielte mit kühlem, regnerischen Wetter jedenfalls mit. Was das Publikum aber nicht davon abhielt, den Saal bis auf den letzten Platz zu füllen.
Markus Poschner, der sein großes musikhistorisches und musiktheoretisches Wissen gerne und in einleuchtender, unterhaltsamer Form teilt, vermittelte uns im Zwiegespräch mit Herrn Meier in der Einführung einige wichtige Eckdaten: so habe Ludwig van Beethoven für seine 6. Symphonie Op. 68 „Pastorale“, die zeitgleich mit der 5. entstand und uraufgeführt wurde, die damals gültigen Kompositions- und Strukturregeln verlassen und ein sozusagen frei ausbalanciertes, um sich kreisendes Werk geschaffen. Und trotz des Programms von „Heiteren Empfindungen“ über Tanz, Gewitter bis zu den „Wohlthätigen Gefühlen“ nach alldem ist das Resultat mehr Reflexion als Erzählung oder Beschreibung, und das ruhige, quasi heimelige Finale widerspricht erst recht den Konventionen. Vielleicht geriet auch deshalb das der 5. Symphonie umso entschiedener und eindrücklicher?
Daß noch in den 1920ern ein Cembalokonzert geschrieben wurde, ist der 1879 geborenen polnisch-französischen Pianistin Wanda Landowska zu verdanken, die sich um 1900 auch für den Vorfahren ihres Instrumentes und generell für „Alte Musik“ zu interessieren begann. Sie ließ sich sogar von Pleyel ein modernisiertes Instrument mit Gußeisenrahmen bauen und regte auch Zeitgenossen an, fürs Cembalo zu komponieren. Francis Poulenc kombinierte das Cembalo mit einem Symphonieorchester; Resultat war das „Concert champétre“ (Op. 49) – auch dieses 1929 uraufgeführte Stück, wie der Beethoven, nicht als einfache Beschreibung des Landlebens gedacht, sondern namensgebend durch die ländliche Umgebung der Villa Landowskas vor den Toren von Paris angeregt.
Frischer Wind weht auch weit übers Meer, und obwohl Claude Debussy seine untertrieben als Skizzen benannten Seestücke „La Mer“ (Lesure 109) im Burgundischen, also weitab von Frankreichs Küsten, niederzuschreiben begann, fügt sich das Werk über Morgengrauen, Spiel der Wellen bis zum Dialog zwischen Wind und Meer perfekt ins Motto des Konzerts.
Der Abend begann mit dem oft (aber nicht von Walt Disney in „Fantasia“!) etwas stiefkindlich behandelten Werk Beethovens. Wunderbar seidige Streichertöne zu Beginn, später im 1. Satz einige kleine Ausrutscher bei den Bläsern; aber das wars dann auch mit Unvollkommenheiten für den Rest des Abends! Die „Szene am Bach (Andante molto moto)“ läßt die Lichtreflexe im Wasser förmlich schimmern, bevor es mit Allegro – Lustiges Zusammensein der Landleute so richtig zur Sache geht: kühne, aber völlig plausible Agogik, atemberaubende Dynamik der 66 Damen und Herrn im Orchester. So mitreißend sollte das Werk besser nicht in Hörweite einer Breughel’sche Bauernhochzeit gespielt werden: die Figuren würden glatt vom bemalten Eichenholz springen und tanzen!
Im Übergang zum 4., dem Gewittersatz, leises, aber umso beunruhigenderes Tremolo der tiefen Streicher: das dräuende Unheil ist mehr zu fühlen als zu hören, ein akustisches Pendant zu Alfred Hitchcocks filmischem „suspense“. Und dann schafft das ja nicht riesig große Orchester, wenn das Unwetter losbricht, noch eine, zwei Dynamikstufen mehr, ohne Klarheit und Transparenz einzubüßen.
Der Schlußsatz glänzt mit einem wunderbaren, in goldenes Abendlicht getauchten Bläserchoral, bevor, auch innere, Ruhe einkehrt.

Foto: Petra und Helmut Huber
Begeisterter Applaus, Pause.
Nun wird ein Cembalo hereingetragen, aber wohl ein klassisches, nicht eines vom Typ Landowska. Die Besetzung wird auf 30 Streicher reduziert, Schlagwerk und Bläser aufgestockt, sogar um eine Baßtuba vom Typ „Fafner“: man bekommt sozusagen Angst, daß letztere das Cembalo auffrißt … diese Sorge ist beim überaus geschickten Komponisten Poulenc und dem Transparenzanwalt Poschner freilich unbegründet: wir hören Jean Rondeaus feingliedriges und präzises Spiel bis zum letzten Triller. Auch, weil der Komponist drauf geachtet hat, das zarte Tasteninstrument nie dem vollen Sturm, zu dem auch das 50köpfige fast-Kammerorchester in der Lage ist, auszusetzen, sondern das Konzert überwiegend dialogisch strukturiert hat. Dabei kommen viele Barockzitate zum Einsatz – vor allem fürs Soloinstrument – die dann mit Modernem, wenn auch nicht Zwölftönerischem beantwortet werden. Besonders gelungen der zweite Satz Andante – Mouvement de Sicilienne: eine Walzer-Ballade, die eine komplexe, farbenreiche Geschichte erzählt. Das Finale – Presto setzt in dieser erstklassigen Interpretation ein perlendes Schlußzeichen, aber auch hier, wie beim Beethoven, in der coda leise und privat ausklingend.
Erneut großer Applaus, und Jean Rondeau bedankt sich mit einem klassischen Cembalowerk; leider stellt er es nicht vor, auch unser sound hound sagt nichts dazu aus, ebensowenig wie später befragte Führungspersönlichkeiten des Hauses. Die Vermutungen konvergierten jedenfalls in Richtung Francois Couperin.
Auf dem Titelblatt der ersten Druckausgabe von „La Mer“ fand sich eine Kopie der „großen Welle vor Kanagawa“ des japanischen Holzschnitzers Katsushika Hokusai, die auch Claude Debussy bei seiner Komposition vor Augen hatte. Und ebenso wild bewegt, glitzernd und reflektierend, bis zum Rauschhaften, fällt die Interpretation durch das nun 90 Musikerinnen und Musiker umfassende Orchester aus. Aber man bleibt dabei immer feingliedrig und transparent, auch im höchsten Auftrumpfen, und an den leisen, immer präzisest angesetzten Stellen sowieso. Die Interpretation läßt keinerlei Wünsche offen; man hört Musik, die mit dem impressionistischen Pinsel gemalt ist, aber immer wieder auch Jugendstilornamentik durchschimmern läßt.
Nach dieser begeisternden Darstellung von Wind und Wasser und dem entsprechend lauten und langem Applaus kann man gelassen, auch wenns regnet, in den Sonntagabend hinaustreten…
Nachzuhören ist dieses Konzert auf ORF Ö1 um 19:30 am 30. Oktober dieses Jahres!

Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

