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Lieder nach Lyrik von Johann Heinrich Voß

23.10.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Lieder Voss Texte

Lieder nach Lyrik von Johann Heinrich Voß
“Seid menschlich, froh und gut“
mit Ulf Bästlein und Sascha El Mouissi
GRAMOLA CD

Leidenschaftliches sangliches und philologisches Plädoyer für rares Liedgut

Nach Liedaufnahmen von Lyrik Heinrich Heines, Theodor Storms, J.W. von Goethes, Anselm Hüttenbrenners, und Hebbels nimmt sich der neugierige Musikwissenschaftler und Bariton Ulf Bästle nun dem Liedschaffen rund um den Dichter Johann Heinrich Voß an. Die basierend auf dessen Texten komponierten Lieder sind wie der Autor selbst und sein gesamtes Werk heute fast in Vergessenheit geraten. Dabei verfügte Voß, der zu Lebzeiten für seine Ilias-Übersetzung überaus geschätzt worden ist, über ein „sicheres Gespür für die sinnliche Wirkung des gesprochenen Wortes“, wie Ulf Bästlein im Vorwort Franz Baudach zitiert. Kein Wunder dass sich bedeutende Komponisten des 18. Jahrhunderts wie Johann Abraham Peter Schulz, Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Friedrich Reichardt, Carl Friedrich Zelter, später aber auch Größen wie Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Johannes Brahms für sein Schaffen begeistert haben. Die auf der vorliegenden CD aufgenommenen Werke umfassen aber auch so unbekannte Tonsetzer wie Friedrich Ludwig Aemilius Kunzen, Franz Xaver Sterkel, Johann Rudolf Zumsteeg oder Hans Georg Nägeli.

Die naturschwärmerischen oder tänzerischen, alle Gefühlslagen spiegelnden Verse „im Volkston“ des Aufklärers und Humanisten Voß, Mitglied des Göttinger Hains, waren für die genannten Komponisten Gelegenheit, die Tugenden der Sangbarkeit, der Natürlichkeit des Ausdrucks, des Scheins des Bekannten und eines „einfach“ begleitenden Klaviersatzes in abwechslungsreiche Gesänge zu gießen. Nachsingen auf der Straße ausdrücklich erwünscht.

Wie im Booklet von Ludger Rehm zutreffend beschrieben, gehen die Anlagen dieser Lieder aber weit über das einfache Strophenlied hinaus: „Es gibt Vor- Zwischen- und Nachspiele, Variationen der Schlussstrophe, strophisch Durchkomponiertes, das Zusammenfassen von zwei Gedichtstrophen, Tonart- und Taktwechsel, ungeradtaktigen Periodenaufbau u.v.m.“

Hier möchte ich besonders den herausragenden Liedbegleiter Sascha El Mouissi nennen, der für mich eine veritable Entdeckung ist. Was der in Hessen gebürtige Pianist an klanglich frischem, persönlich gefärbtem und hochmusikalischem Klangteppich für die Stimme webt, habe ich noch selten erlebt. Abseits jedes vordergründigen Virtuosentums errichtet Mouissi mit seinem unmittelbar empfundenen Spiel den kreativen Raum, in dem ein kongeniales Miteinander von Instrument und Stimme erst möglich wird. Viel inventive Zutat und wenig Korsett. Verblüffend!

Der Könner Ulf Bästlein singt mit jener großen Passion, die den Zuhörer unmittelbar gefangen nimmt. Von Stil und Gesangsduktus her erinnert er an Gérard Souzay. Nicht jede Phrase dieses Baritons im Spätsommer gelingt technisch perfekt und so manch kleine Note könnte mit größerer Leichtigkeit genommen werden. Aber der Künstler hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Mit einer Nuancenvielfalt und persönlichen Aneignung sondergleichen überzeugt Bästlein final und macht aus den 36 Liedern der CD ein kurzweiliges Hörvergnügen. Gerade bei den Vorklassikern ist diese Vermittlung ja wahrlich nicht einfach, zu fern sind uns da schon manche damals selbstverständlich gewesene musikalische Codes.

Das Booklet mit allen abgedruckten Liedtexten ist hochinformativ. Die CD füllt somit nicht nur eine Repertoirelücke, sondern lässt auch eine Zeit akustisch erstehen, in der Musik ungeachtet der erwähnten „Einfachkeit“ einen höheren Stellenwert als den der bloßen Unterhaltung innehatte.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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