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Leonid Desyatnikov: DIE KINDER VON ROSENTHAL (CD)

08.09.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Bolshoi

Leonid Desyatnikov: DIE KINDER VON ROSENTHAL –
Bolshoi 2015,  2 CDs
Melodiya

Freaky Postsoviet-Oper um Clons von
Mozart, Wagner, Tchaikovsky, Verdi und Mussorgsky

 Ab 30.9.2016 im Handel

„Hörst Du, Wagner, mein Sohn?“

Da ist dem Duo Vladimir Sorokin (erstes Libretto) und Leonid Desyatnikov ja was ganz und gar Skurriles eingefallen: Als (gelungene) Liebeserklärung an das Genre Oper konzipiert, lassen die beiden kreativen Köpfe mit barocker Lust am Fabulieren, aber klanglich unverkennbar russisch fünf weltberühmte Komponisten vom deutschen Wissenschaftler Dr. Alex Rosenthal wieder auferstehen. Letzterer (fiktiv) 1910 in Berlin geboren, machte als Biologie-Professor schon mit 26 die Entdeckung, dass jedes Lebewesen genetisch reproduziert werden kann. Nach Tierversuchen begann er 1930 seine Klonversuche am Menschen, was den Nazis nicht gefiel und er in die Sowjetunion fliehen musste. Dort durfte er mit dem Segen des Stalin-Regimes frank und fröhlich Stachanowiten reproduzieren. Er selbst träumte aber von der Wiedergeburt von Genies und da genau setzt die Handlung der Oper im Juni 1975 in Rosenthals Labor ein. Sorokin selbst betonte vor der Premiere in einem Interview, es gehe in dem Stück um die Einsamkeit eines Genies in der Masse und der Unmöglichkeit, ein Leben in Kunst wieder zu leben.

Die Handlung geht in etwa so: Wagner, Tchaikovsky, Verdi und Mussorgsky sind ganz aufgeregt, sie sollen ein kleines Brüderchen, und zwar Mozart, bekommen. In fünf Tableaus ist diese historisierende Science Fiction Oper gegliedert, jedes einem der wieder der Welt gewonnenen Komponisten zugeeignet. Diese hüpfen aber nicht mit weiß gepuderter Perücke, Federkiel und Notenpapier auf der Bühne herum, sondern taugen als traurig verlorene Seelen in der postsowjetischen Ära 1993 gerade mal dazu, im Winter vor dem Bahnhof auf dem Komsomolskaja Platz in Moskau als Straßenmusikanten ein klein wenig Alltagsglück und materielles Auskommen zu suchen.

Natürlich darf auch eine unglückliche Liebesgeschichte nicht fehlen: Mozart verliebt sich in die Prostituierte Tanja, was den Zuhälter Kela auf den Plan ruft. Verdi will Tanja mit Rosenthals Golduhr freikaufen. Nach der Hochzeit machen sich alle fünf Musikanten und Tanja zum Zug auf, um in der Krim ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber voller Rache hat Kela in die von Mussorgsky georderte Abschiedsflasche Wodka Gift injiziert. Das abstrus kitschig traurige Ende: Nur Mozart überlebt, weil er durch seine schmerzhaften Erfahrungen im früheren Leben immun gegen Gift ist. Der anderen Schatten defilieren nochmals vor Mozart, bevor er filmtauglich einsam in der Emergency Klinik zurückbleibt.

Die technisch und künstlerisch erstklassige Studio-Aufnahme konserviert sowohl das Ergebnis des ersten vom Bolshoi Theater vergebenen Kompositionsauftrages an einen zeitgenössischen Komponisten als auch die erste Uraufführung (23.3.2005) an diesem Theater nach 30 Jahren. Desyatnikov war so clever, die stilistischen Anleihen so weiter zu entwickeln, dass er wohl alle schenkenklopfenden „Wiederekenner“ maßlos enttäuschen wird. Sein „postmoderner“ Kompositionsstil von tonal bis hin zu moderater freier Tonalität ist genuin russisch und toll anzuhören, ohne jede Minute überlegen zu müssen, wo man welches Motiv assoziativ schon bei anderen Großen wie Prokofiev oder Shostakovich gehört hätte. Melodramatische Elemente wechseln ab mit Monologen des Wagner (von der Mezzosopranistin Elena Manistina prächtig gesungen), Duetten, wie das der Nanny (Irina Rubtsova) mit Tchaikovsky (Maxim Paster) als Paraphrase auf Eugen Onegin oder von Mozart (Vsevolod Grivnov) und Tanja (Kristina Mkhitaryan) ganz im italienischen Stil bis hin zu Massenszenen im dritten Tableau à la Boris Godunov. Wer genau hinhört, kann das Papageno-Motiv entdecken, sich über ein russisches Volkslied, kleine Genreszenen, fantasiereiche Ensembles oder ein fünfstimmiges Wiegenlied freuen.

Bei der Musik geht es eher um Ideen des Stils als um konkrete Nachahmung, was die ganz eigene Musiksprache Desyatnikovs so abwechslungsreich und spannend macht. Die Instrumentierung ist klar und transparent, farbenprächtig und einfallsreich. Sie folgt den Stimmungen im komplexen Geflecht der Charaktere und deckt Reminiszenzen auf, ohne sie zu verraten. Die Oper feiert das kulturelle Gedächtnis in spezifischer poetischer Aneignung unserer fragilen Gegenwart. Als sei es ein Roman von Bulgakov, gehen Mythos und Historie, Fabelhaftes und Fatalismus, Drama und Farce, Humor und Trauer ein wildes Amalgam ein, das in seiner Emotion wiederum so spezifisch russisches Künstlertum spiegelt. Die Oper braucht keine Imitation, sie begnügt sich mit Anspielungen, kann aber als universell europäisch in die Annalen eingehen.

Ich finde auch, dass sowohl Libretto als auch Partitur eine ideale Brücke zwischen (anspruchsvoller) zeitgenössischer Oper und leichter genießbarem Musical schaffen. Das Anhören bereitet jedenfalls große Freude, die Aufnahmetechnik ist brillant. Am Pult schafft Alexander Vedernikov (von 2001 bis 2009 Chefdirigent im Bolshoi) sauf Basis der hohen künstlerischen Qualität von Solisten, Chor und Orchester des Bolshoi Theaters viel Flair und Atmosphäre. Die virtuosen Solisten im Orchester und besonders das Blech sind spektakulär. Von den Solisten seien noch Vassily Ladiuk (Verdi), Alexander Teliga (Mussorgsky), Boris Statsenko (Kela) und Pyotr Migunov (Rosenthal) ausdrücklich erwähnt.

Rein ins Hörabenteuer, Augen zu und los geht die musikalische Zeitreise. Hoffentlich hören sich auch viele Intendanten diese CDs an, die Oper sei auf jeden Fall zum oftmaligen Nachspiel empfohlen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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