LEIPZIG / Oper „GIULIO CESARE IN EGITTO“: 5.5.2023

„Jupiter regiert im immel, Cesare auf Erden“ singt Cornelia im 1. Akt. Zitat Programmheft. Foto: Ida Zenna/Oper Leipzig
Olga Jelínková glänzt als koloraturspritzige Cleopatra
„Jupiter regiert im Himmel, Cesare auf Erden“ singt Cornelia im ersten Akt. Das Zitat ist auf der ersten Umschlagseite des Programmheftes abgedruckt. Auf der Bühne hat das Regieteam rund um die Inszenierung des Damiano Michieletto (Kostüme Agostino Cavalca) den gegen Senator Pompeo siegreichen römischen Cesare in einen schlecht sitzenden blauen Anzug (mit Weste) gepfercht, sodass er aussieht und auch agiert wie ein grenzdepressiver Büroangestellter, aber wahrlich nicht wie ein triumphierender Feldherr. Der Regisseur sieht Cesare als einen Mann, der schon alles hat und um seinen Tod weiß (woher eigentlich?). Deshalb besteht der zentrale Regiegedanke aus drei Walking Death Zombie-Parzen (schauspielerisch bemerkenswert Anita Gotthardt, Sophia Hofmann, Maike Wolff), die den roten Faden des Lebens tragen und diesen jederzeit kappen können. Das wird zur Obsession des Titelhelden und zum Leid des einigermaßen informierten Zusehers, der diese lebenspralle, tragisch-skurrile Oper mit happy end rund um Machtstreben, Krieg, Gewalt, geschwisterliche Rivalität, Rache, Sex and Crime auf die Banalität reduziert sieht, dass Cesare um seine Endlichkeit weiß. Am Ende des dritten Akts jubiliert denn auch das vereinte Liebespaar Cesare und Cleopatra nicht mit dem Chor, sondern Cleopatra sitzt teilnahmslos in einem Stuhl am linken Bühnenrand, während Cesare seinen historisch belegten Tod in einem paranoiden oder hellsichtigen, wie man will, Schub vorausahnt (Anm.: Am 15.3.44 v.C. wird Cesar während einer Sitzung des Senats im Theater des Pompeius mit 23 Dolchstichen unter der Führung von Gaus Cassius und Marcus Junius ermordet). Das ist nett ersonnen, aber gegen die Musik, die hier eine völlig andere Sprache spricht.
Michieletto hat sich viel in der Kunstgeschichte und im Film umgesehen und bezieht daher einen Teil seiner primär bildfixierten, und nicht psychologisch oder dramaturgisch stringenten Ideen. So hat ihn ein klassizistisches Bild von Vincenzo Camuccini dazu verleitet, Pompeo als lebendige Statue – wie es das in jeder Fussgängerzone gibt – im dritten Akt auf die Bühne zu hieven. Das bildschöne Model Enrico Reuter hat so wenigstens seinen großen, auch vom Publikum beim Solovorhang erstaunlich wild beklatschen Auftritt. Schon vorher darf er als Geist des Pompeo über die zuerst kahl-weiträumige, später spiegelrotfädenschicke Bühne huschen und seinem Sohn Asche in die Hand streuen. Der Film „Lost in Translation“ von Sofia Coppola war ein Anreger dafür, dass Cesare „Lost in Egypt“ durch die Begegnung mit Cleopatra „wieder etwas menschlicher wird.“ Das alles zusammen ergibt noch überhaupt kein zusammenhängendes dramaturgisches Konzept, das der literarisch wie musikalisch genialen Vorlage auch nur einigermaßen gerecht wird. Da darf sich Cleopatra zwischen Kleider- und Perückenständern tummeln, bevor sie als Kammerzofe Lydia ihr abgekartetes Verführungswerk startet, findet das große Liebesduett der Turteltäubchen zwischen Kandelabern statt, deren Kerzen nach und nach ausgedämpft werden, und wird der schmachtende Cesare infantil mit der Luftschlangenkanone beschossen. Den Vogel der Gags schießt aber Tolomeo ab, der in der Vergewaltigungsszene mit Cornelia sich billig strippend in den Schritt fasst und mit seinen Nippeln spielt, was nur peinlich wirkt. Dafür erleidet er als gerechte Strafe am Ende den Plastikplanentod. Sesto erstickt den vatermordenden ägyptischen Exzentriker mit einer Riesen-PE-Baufolie, über deren Verbleib das Publikum nota bene so informiert wird: „Die in dieser Produktion verwendeten Plastikvorhänge werden in unseren Werkstätten als Bodenschutz bei Maler- und Sprüharbeiten weitere Verwendung finden.“ Warum nicht gleich darauf verzichten?
Die Kostüme rangieren zwischen den üblichen Bühnen-Businessanzügen (die eh kaum einer mehr trägt), historischen Kostümen der römischen Senatoren und silber- und goldglittrigen Popkitsch-Outfits des Tolomeo und der Cleopatra.
Erfreulicher als diese optisch geschmäcklerisch unentschiedene, nur auf die Todesnähe des Cesare bezogene, und daher verkürzte Inszenierung gestaltete sich die musikalische Seite des Abends. Rubén Dubrovsky leitete das um Laute, Theorbe und Barockgitarre verstärkte Gewandhausorchester in Kleinstbesetzung mit feiner, geschmeidiger Hand. Da waren aus dem Orchestergraben viele Details in Händel’schem Idiom, wie Instrumentierung und die Bühnencharaktere kennzeichnende Virtuosität zu bestaunen. Vor allem der Hornist Bernhard Krug leistete Beachtliches in der Untermalung von Cesares berühmter Jagdarie „Va tacito“.
Die Sängerriege wurde von der fantastischen lyrischen Koloratursopranistin Olga Jelínková als Cleopatra angeführt. Die tschechische Nachtigall ist Ensemblemitglied der Leipziger Oper, könnte aber mit dem schauspielerischen Naturtalent und ihrer glockenreinen, flexiblen wie beweglich-wendigen und hundertprozentig intonationssicheren Stimme weltweit reüssieren. Legato und vertrackte Triller sitzen gleichermaßen gut. Besonders gefällt, welch vielfältige Nuancen und Seiten der überaus quicklebendigen Karrieristin mit Herz Cleopatra sie gleichermaßen glaubhaft verkörpert als auch adäquat in bewegende Töne zu gießen vermag. In echter Primadonnenmanier legt sie sich hohe und höchste Töne ein, wie dies einst Joan Sutherland (u.a. London 1963) und Beverly Sills so unnachahmlich taten. Bravo!

Foto: Ida Zenna/ Oper Leipzig
Cesare wird vom Countertenor Yuriy Mynenko nach einem etwas holprigen Start klangschön und mit verblüffend akrobatisch-sicheren Läufen gestaltet. Der Tonumfang ist frappant, darstellerisch bleibt er der imperialen Figur so ziemlich alles schuldig. Als zweiter Gast im hohen Counterfach wurde der blutjunge Franzose Rémy Brés für die Rolle des irrlichternden Tolomeo engagiert. Der Typ des triebhaft unbeherrschten, freakigen Borderliners Tolomeo steht ihm gut. In der ersten Arie singt Brés noch unsauber und rhythmisch im Ungefähren, findet aber im Laufe des Abends seine Form. Intervallsprünge und die irrwitzigen Vokallinien von Tolomeos launischem Charakter vermag er glaubhaft mit grelldüsteren Farben zu würzen. Ein Versprechen.
Cornelia und Sesto, Pompes Witwe und Sohn, finden in Ulrike Schneider und Kathrin Göring gediegene, wenngleich nicht unbedingt opulente Stimmen. Der edle Charakter der Corneila wurde von der Regie, wie ich finde, am besten mit psychologischer und menschlich nachvollziehbarer Aktion bedacht. Das bewegende Lamento-Duett mit Sesto „Son nata a lagrimar, son nato a sospirar“ wird von Ulrike Schneiders in mediterranen Farben changierenden, schön timbrierten Mezzo angeführt. Kathrin Göring hingegen plagt sich hörbar mit der barocken Stilistik der kleinen Töne.

Foto: Ida Zenna/ Oper Leipzig
Der virile, durchschlagskräftige Bariton des Franz Xaver Schlecht zeichnet den groben Opportunisten Achilles rollengerecht mit machohaftem Pomp, Fredrik Essunger gibt einen allzu vorlauten Curio. Nora Steuerwald gefällt als Nireno in der Hosenrolle des Dieners der Cleopatra mit besonders apartem Charme.
Nach dreieinhalb Stunden war Schluss. Junglärmende Teile des Publikums bedachten eigenartigerweise die Statisterie der Senatoren-Römer und die stumme Rolle des Pompeo mit mehr aufgeputschtem Gepfeife als so manche Gesangssolisten. Tja, man lernt nie aus. Bei Dirigent und Orchester war dann aber die begeisterte Zustimmung unisono. Recht so!
Dr. Ingobert Waltenberger

