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LEIPZIG: DIE FEEN von Richard Wagner

26.05.2014 | KRITIKEN, Oper

Leipzig / Oper:  „DIE FEEN“ 25.5.2014

 Man sollte nicht „Eulen nach Athen tragen“, wenn über die Inszenierung von Richard WagnersFeen“ an der Oper Leipzig schon einiges berichtet wurde, aber vielleicht gelingt es mir, noch einige weitere Aspekte zu beleuchten, zumal auch die Besetzung unterschiedlich war. Dass es die erste voll szenische Inszenierung dieser Oper überhaupt ist, erfährt man von der bekannten Stimme der Hörfunk-Redakteurin (mdr Figaro) und Moderatorin (z. B. „Klassik picknickt“ der Sächsischen Staatskapelle), Bettina Volksdorf, aus dem Rundfunkgerät (nicht einmal Fernsehen), das der Hausherr (Arnold Bezuyen) auf der Bühne einschaltet, um dem Familienalltag am Sonntagabend im gepflegten bürgerlichen Durchschnittshaushalt einer Durchschnittsfamilie und seiner Ehe- und Hausfrau (‚ die lieber ins Fitnessstudio geht) zu entfliehen. Was dann allerdings die brave, fleißige Haus- und Ehefrau, die ständig im Hintergrund die Essecke (rechts) auf- und abräumt, ihrem bequemen „Göttergatten“ (und Pascha?), der es sich im Müßiggang in der Sitzgruppe (links) am Radio bequem macht, als zwielichtige Fee, abwechselnd in Liebe, Hass, Gefahr, Intrige, Wahnvorstellung, bösem Irrtum, Fantasie und immer wieder Widersprüchen erscheinen lässt, scheint unklar. Hier gibt es nicht nur „Theater im Theater“, sondern Hörfunk-Oper in der Oper. Das ist als Bühnenbild zwar ganz nett, scheint aber zunächst nicht genug zu sein und langweilt dann doch über die Dauer des gesamten 1. Aktes, was einige Zuschauer bewog, schon bald zu gehen. Der Anblick dieses „Familienidylls“ vor und in der barock-klassizistischen Fassade eines großen Stadtpalais ließ zunächst den Gedanken aufkeimen, dass eine konzertante oder höchstens halbszenische Aufführung vielleicht besser gewesen wäre, was aber im 2. Akt sehr bald revidiert werden musste.

 Da bauen sich als Traumvorstellung des „Protagonisten“ über soviel trockener Bürgerlichkeit ansprechende historisierende, mit allen Theaterraffinessen ausgestattete, farblich gut abgestimmte Bühnenbilder mit Feenbaum (vgl. Weltesche oder Wolfgang Wagners „Meistersinger“-Tanzlinde) auf. Hier zeigt das kanadisch-französische Duo Renaud Doucet (Regie) und André Barbe (Bühne und Kostüme) alles, was Bühnenzauber und ‑technik können.

 Es könnte manches aus heutiger Sicht noch eindrucksvoller gestaltet sein, aber man ist diesbezüglich schon nicht mehr verwöhnt und froh, wenn die Oper inhaltlich entsprechend umgesetzt wurde, die gesamte Oper nicht in (nur) einem Bühnenbild spielt, der Regisseur keine eigene (abwegige) Handlung unterlegt und nicht alles im untersten Milieu spielt. Das hat es schon zu oft gegeben. Der Bezug zur Jetztzeit war hier wahrscheinlich die Rechtfertigung für die historisch orientierten Bühnenbilder in mehreren Ebenen mit vielen Verwandlungen und Bühnentricks, Einsatz der Drehbühne und Hubpodien, Theaterdampf und „Feuerzauber“.

 Die historisierende Neuschwanstein- oder Wartburg-Illusion und die Farbigkeit der Kostüme deuten immerhin die Vorstellungswelt der Wagnerzeit an, in manchen Details noch etwas unausgereift, aber zumindest in der richtigen Richtung orientiert, vielleicht auch mit einem charmanten Augenzwinkern. Sie lässt die Aufmerksamkeit auch während der ungekürzten Spieldauer von 3 ¾ Std. (mit 2 Pausen) nicht ermüden. Am Ende der Vorstellung schließt sich der Kreis, so dass die Inszenierung im Nachhinein schlüssig erscheint. Mag sie auch ihre Schwächen und kleinen Unstimmigkeiten haben, sie erinnert an die glanzvollen Zeiten (im wahrsten Sinne des Wortes) großer Opernregisseure. Immerhin ist sie kurzweilig, bietet manche „Lichtblicke“ und lässt oft auch über wahrscheinlich ironisch gemeinte Szenen schmunzeln. So wörtlich sollte man das alles nicht nehmen.

 Die Inszenierung ist so vielseitig und ständig in Entwicklung begriffen wie Wagners Musik, an der die „Entwicklungsgeschichte“ dieses damals 20jährigen Genies abzulesen ist.

Die Musik enthält einerseits Bezüge zu den Komponisten, die damals Furore machten, aber auch schon Motive, die Wagner später vor allem im „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ wieder aufnahm und weiterentwickelte und die das spätere Genie schon ahnen lassen. Man wird nicht nur an die Musik C. M. v. Webers, H. Marschners usw. erinnert, sondern auch an bühnenwirksame Episoden der erfolgreichsten Opern. Als profunde Stimme des Zauberers Groma (Sejong Chang mit klarer, gut timbrierter Stimme) meint man die Stimme des Komturs in Mozarts „Don Giovanni“ zu hören. Bei dem drollig-komischen Pärchen Gernot und Drolla standen offenbar Papageno und Papagena in Mozarts “Zauberflöte“ Pate. Der Tod der bösen Intrigantin, als die die Fee Ada alias Geliebte alias Ehefrau auch erscheint und die später noch einmal als Ortrud im „Lohengrin“ auftaucht, erinnert an Eglantine in Webers „Euryanthe“. Dass eine Frau, Lora, die Schwester des Königs, in der Not das bedrohte Herr anführt, weil jener vor Liebe unfähig ist – er kämpft nur mit der Partitur – assoziiert F. Schillers (oder P. I. Tschaikowskys) „Jungfrau von Orleans“, und die Befreiung der Geliebten aus dem Totenreich mittels Harfenspiel erinnert an C. W. Glucks „Orpheus und Eurydike“.

 Diese „Jugendsünden“ sind für einen 20jährigen verzeihlich. Er wollte halt alles zeigen, was er (auch) konnte. Was er wirklich konnte, war, alle diese Einzelszenen und Musikzitate zu einem bruchlosen Ganzen zu verbinden und schließlich zu einigen Szenen höchster Dramatik im Zusammenwirken von Solisten, Chor und Orchester zu führen, wenn auch die Dramaturgie seiner Oper immer wieder vom Hundertsten ins Tausendste abdriftet, was durch die geschickte Dramaturgie von Marita Müller immer wieder abgefangen wird.

 Bereits die dramatische Steigerung im 2. Akt bis zum großartigen Finale zeigt Wagners spätere Meisterschaft auf diesem Gebiet. Sie gehörte denn auch bei dieser Aufführung zu den stärksten Eindrücken. Offenbar waren alle Ausführenden durch die Musik so inspiriert, dass sie alles gaben. Das Gewandhausorchester wurde unter der Leitung von Matthias Foremny allen Anforderungen in schöner Weise gerecht. Der Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Alessandro Zuppardo), der anfangs noch nicht so ganz in Form schien, wuchs plötzlich über sich hinaus und ergänzte die Szenen in den richtigen Momenten als maßgeblicher Teil des Ganzen.

 Elisabet Strid steigerte sich als Ada zu höchster Dramatik, konnte später aber genau so auch wieder in lyrischen Szenen überzeugen. Bei ihrer großen Arie blühte die Stimme auf, hatte sie die nötige Kondition. Es war unbestritten die eindrucksvollste Leistung des Abends. Als ihre beiden intrigierenden Mit-Feen, die mit allen Mitteln versuchen, sie ins Feenreich zurückzuholen, fungierten Magdalena Hinterdobler (Zemina) und Jean Broekhuizen (Farzana) zuverlässig und mit entsprechendem Gespür für Theaterwirksamkeit.

 Einziger Wermutstropfen war Arnold Bezuyen als König Arindal. Er schien überfordert, hatte nicht nur hörbare Probleme in der Höhe, ihm fehlte auch im Spiel etwas an „königlicher“ Persönlichkeit. Da war der Kontrast zu den übrigen Bühnengestalten, nicht zuletzt auch durch sein ewiges „Alltagskostüm“ zu groß. Eun Yee You wirkte als seine Schwester Lora zwar ansehnlich, aber so zierlich wie ihre Gestalt war auch ihre Stimme. Matthias Hausmann konnte hingegen als ihr Geliebter namens Morald mit klarer, sehr sicherer Stimme und ebensolchem Spiel überzeugen und beeindrucken.

 Paula Rummel als Drolla und Milcho Borovinov als Gernot lieferten sich ein witziges Rededuell, sie mit leichter Soubrettenstimme, er, der auch sonst in seiner Rolle weniger zu singen, als vielmehr zu agieren hatte, wie ein eher gutmütiger, tapsig bäriger Ehemann, der letztendlich doch seine Ruhe haben möchte. Ferdinand von Bothmer, der als Gunther ebenfalls mehr zu spielen als zu singen hatte, bewältigte seine zwar kurze, aber anspruchsvolle Partie mit sängerischer Qualität und entsprechender Darstellung.

 Bei Barbe & Doucet wird die Handlung bzw. das Sujet auf alltägliches Familienleben samt einem ideellen Ausflug in eine andere Welt (der Traum jedes durchschnittlichen Familienvaters) heruntergebrochen, um als Traumvorstellung historischen oder historisierenden Bühnenzauber mit vielen Verwandlungen und Effekten zu rechtfertigen, bei dem als Nebeneffekt durch die optische Ablenkung auch manche weniger gute Sängerleistung kompensiert wurde.

 Musikalisch sind die „Feen“ ein Gewinn. Was der Oper seinerzeit die Annahme verweigerte und sie auch später weitgehend von den Bühnen verbannte, dürften Handlung und Dramaturgie gewesen sein. Zu viel, zu weitschweifig und auch verwirrend erscheint die allzu vielseitige, noch nicht ganz „ausgegorene“ Handlung, die vieles anreißt ohne tatsächlichen  inneren Zusammenhang. Es gibt zu viele Widersprüche und „Nebenhandlungen“. Die Oper könnte Stoff für mehrere Opern ergeben. Schon nach dem 2. Akt scheint ein grandioser Abschluss gekommen, nach dem 3. Akt erst recht, aber es geht immer noch weiter in stetem Wechsel zwischen Wagners Spezialität, dem Hochdramatischen und wieder lyrischen Szenen in Anlehnung an die Opern, die damals auf den Spielplänen standen.

 Damit die Oper einen festen Platz in den Spielplänen der Opernhäuser erhalten könnte, müsste einiges gekürzt werden. Die dramatischen Szenen rechtfertigen aber eine Aufführung auf alle Fälle. Interessant war diese ungekürzte Aufführung aber unbedingt, da sie einen wichtigen Einblick in den Werdegang eines der Großen der Operngeschichte gewährt und nicht zuletzt durch die ansprechende Musik.

 Ingrid Gerk

 

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