Lech am Arlberg:
LECH CLASSIC FESTIVAL – “EIN AMERIKANISCHER ABEND“ – 7.8.2022
Zum ersten Mal in der Geschichte des Classic Festivals stehen an diesem Abend amerikanische Evergreens der Unterhaltungsmusik und vor allem Musicals aus den US-Staaten auf dem Programm. Die Gäste strömen zur Konzerthalle und obwohl schon ausverkauft, müssen noch zusätzlichen Sesseln aufgestellt werden, sodass über 640 Zuhörer einen mitreißenden Abend erleben dürfen, der sich merklich von bisher in Lech gewohnten abhebt.

„I did it my way“, Leah Gordon, Michael C. Havlicek, David Sitka. Fotograph: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus.
Schlagzeug, E-Gitarre und die charmante Klavierbegleiterin Kamila Akhmedjanova (auch für die musikalische Studienleitung verantwortlich) beginnen vergnügt, bevor das Lech Festival Orchester swingend einsetzt und ein buntes „Great American Songbook“ mit Intro – „The Entertainer“ Ragtime von Scott Joplin eröffnet wird. Eine Sopranistin (Leah Gordon mit atemberaubender Höhe), ein Bariton (Michael C. Havlicek) und ein Tenor (David Sitka) führen zu einer ungewöhnlichen Interpretation von „My way“, wobei die Verstärker noch technische Probleme machen. Bei Glenn Millers „In the mood“ wird es rockig und die zwei Bässe gehen voll mit, bevor auch Saxophon und Trompete lustvoll eingreifen. Diese Musiker – unter dem hervorragenden Tetsuro Ban am Pult – können auch das! Mit fülligem Bariton lässt sich Havlicek bei „What a wonderful world“ auf ein vollkommen neues Repertoire ein und zeigt danach Einsatzfreude, rhythmische Tanzeinlagen und einen langgezogenen Schlusston bei „New York, New York“. Mit einer Stimme, die in allen Lagen exzellent getragen wird, setzt Gordon mit „Somewhere over the rainbow“ fort. Sie kann scheinbar alles singen (möglicherweise auch Philipp II aus Don Carlos?) und es klingt immer ausgezeichnet und authentisch. Mit ihrem träumerischen Blick schweben ihre letzten Töne in Richtung Himmel und erreichen bestimmt den nächsten Regenbogen… Besonders humorvoll zeigt sich die kanadische Sopranistin ohne Mikrophon, als sie bei „I bought me a cat“ von Aaron Copland ihren ganzen Zoo aus cat, hen, duck, goose, dog, shep, cow and horse mit witzigem Schabernack nachmacht und die Zuschauer zum Schmunzeln und Lachen bringt.

Leah Gordon und Michael C. Havlicek begeistern mit Gospeln und als Porgy and Bess. Fotograph: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus
Im zweiten Abschnitt zieht der 27- köpfige Chor unter der gut einstudierten Leitung von Jörg Espenkott ein, um mit Gospels und Spirituellem zu begeistern. Nachdem das Vokalensemble A cappella mit „I want Jesus to walk with me” startet, können Gordon und Havlicek sich von einer weiteren neuen Seite präsentieren, wenn sie den Gottessohn an ihrer Seite wissen wollen. Bei „Oh, happy day“ singt sich Gordon die Seele aus dem Leib und man erfreut sich an den dunkleren Klangfarben der Sängerin. Die Füße wippen in der ganzen Reihe bei der bekannten Melodie mit und es folgen „bravo-Rufe“ danach. Mit der engelsgleichen Solostimme von Chormitglied Flora Königsberger gelingt ein stimmiges „Amazing grace“. Erhaben und beseelt präsentieren Chor und Havlicek mit „Go down Moses“ ein weiteres kirchliches Highlight, bevor die tiefen Männerstimmen des ausgezeichnet agierenden Chors zu „When the saints go marching in“ loslegen. Die Damen setzten Kanon mäßig ein und mit vielen lächelnden Gesichtern auf Podium und in den Publikumsreihen startet ein spannender Wechsel zwischen flotten Tempi und langsameren Passagen. Zuletzt wird erneut heftig mitgegangen – bis zum finalen fortissimo. Heftige Akklamation und lautes, begeistertes Fußgetrampel führen in die Pause.

Natalie Rossetti und David Sitka verzaubern als junges Liebespaar aus der West Side Story: Fotograph: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus
Natalie Rossetti und David Sitka entführen nun in die umkämpften Straßen New Yorks der 50-iger Jahre – zu einem Querschnitt aus Bernsteins „West Side Story“. Die junge, zierliche Schweizerin und Damenchor-Mitglieder bringen bei „America“ temperamentvollen Schwung nach Lech. Leider funktioniert Rossettis Mikrophon nicht und so ist sie nur in den ersten Reihen mit klarem Sopran zu hören, aber sie glänzt mit ihrem beschwingten Tanz im schwarzem Flamenco-Rock, den sie energisch hin und her schwingt. Sitka, seit 2012 im Ensemble der Wiener Volksoper, hat sich seit dem letzten Jahr in beim hiesigen Festival enorm gesteigert und weiterentwickelt. Sein „Maria!“ bringt wundervolle, strahlende Spitze und die gefühlvolle Darbietung endet mit einem hauchzarten Ton. Das „Jets“-Bandenmitglied Tony liegt der Tenorstimme vorzüglich. Während dem sehsüchtigen Warten auf seine Geliebte, erklingen die ersten Akkorde zu „Tonight“ und die bezaubernde Maria erscheint im hübschen, weißen Kleid. Mit jugendlicher Frische bringen die beiden Künstler ein glaubwürdig verliebtes Paar voll gesanglicher Harmonie auf die Bühne zur grandiosen Musik mit opernhafter Melodik. Das Stückende schließt mit einer liebevollen Umarmung und hoffnungsvolle, zärtliche Blicke finden bei dem finalen Schlusston zueinander. Beim Vorbereiten auf DIE Nacht, zeigt die entzückende Sängerin mit „I feel pretty!“, dass sie wirklich besonders „pretty“ ist. Beim nächsten Duett „One hand, one heart“ kann der Mann aus Frankfurt berührend beginnen und die süßlich klingenden Streicher begleiten die reinen höchsten Spitzentöne der Partnerin in wunderschöner Weise. Leider werden Maria und Tony und ihre große Liebe im Rassenkonflikt zwischen den 2 Jugendbanden aufgerieben und es kommt zum tödlichen Finale. Die Hoffnung bei Marias Arie „Somewhere“ auf „a place for us“ und „a way of forgiving” bleibt unerfüllt, aber Rossetti kann mit diesem Stück, mit dem sie schon bei den Seefestspielen in Mörbisch im Vorjahr begeisterte, überzeugen.
Das Festivalende bestreiten Leah Gordon, Michael C. Havlicek und David Sitka mit einer erlesenen Auswahl aus „Porgy and Bess“, wobei am Beginn Belle Ting mit Konzertfantasien für Violine und Orchester (Igor Frolov) empfindsam, äußerst zart und leise in das Stück Gershwins einführt und zeitweise Schwierigkeiten hat, nicht von den – sich ohnehin stark zurücknehmenden – Geigen überstimmt zu werden. Die Mikrophone bleiben in der Garderobe, es muss nicht mehr mit der Technik gekämpft werden und Gordons Stimme füllt problemlos den großen Saal. Als auch noch ein lästiges Insekt den Bühnenraum fliegend verlassen hat, wird „Summertime“ mit voluminösem, hohem Sopran dargebracht. Üblicherweise soll Claras sanftes Lied ihr Baby zum Einschlafen bringen, was mit etwas kraftvoll-energischer Klangfarbe vielleicht schwierig wird. Beim Duett „Bess, you is my woman now“ wird lyrisch stimmungsvoll das gemeinsame, wahre Glück beschworen, das gerade begonnen hat und Havlicek gibt alles, um einen glücklichen Invaliden zu zeigen, während seine Bess liebevoll antwortet. Dem österreichischen Bariton, Ensemblemitglied der Wiener Volksoper, glaubt man seinen Porgy aufs Wort und auch beim fröhlichen „I got plenty o´nuttin“ kann er mit guter Gesangslinie, Engagement und Sicherheit ausstrahlend in die Rolle eines zufriedenen Mannes im Südstaaten-Milieu schlüpfen. Der Chor darf beim schwungvollen „Oh, I can´t sit down“ und bei „I ain´t got no shame“ – begleitet von einer mitreißenden Conga – die eruptive Gefühlswelt der Menschen der Catfish-Row ausdrücken, die im selben Rhythmus, von Leidenschaft getrieben, ihr hartes Leben bewältigen. Mit elegantem Spazierstock, dem ein schöner Elefantenkopf kunstvoll verziert, und Frack mit Fliege, wurde der listige Rauschgifthändler Sporting Life wohl noch nicht oft aufgeführt, aber Sitka behauptet sich beim spöttisch klingenden „It ain´t necessarily so“ selbstbewusst und begeistert, nicht zuletzt auch wegen seines langanhaltenden, hohen Schlusston. Danach verführt er Bess bei „There´s a boat dat´s leavin soon for New York“ gekonnt mit einschmeichelndem Klang, tanzt leichtfüßig über die Rampe und ist ein glaubwürdig bösartiger Sporting Life. Zum wunderschönen Abschluss will der stets optimistische Porgy niemals seine Hoffnung verlieren und Havliceks „Oh Lawd, I´m on my way!“ und dieser Abend lösen überzeugte Beifallskundgebungen aus.
Das Lech Classic Festival 2022 endet so erfolgreich wie es eine Woche davor begonnen hat. Große Bewunderung gilt dem facettenreichen Orchester, deren Musiker aus den verschiedensten Musikensembles zusammenkommen, perfekt einstudiert sein müssen und nach nur einer Generalprobe jeden Abend abwechslungsreiches Programm von den unterschiedlichsten Komponisten und aus verschiedensten Epochen beherrschen – und das jeden Abend!. Das gleiche gilt für die Chormitglieder, die zum ersten Mal zusammen singen und sich dennoch einheitlich zu einem fulminanten Klangkörper zusammenfinden können. Der famose Maestro Tetsuro Ban dirigiert feinfühlig, präzise und mit höchster Musikalität, um sich vollkommen in den Dienst der Sache zu stellen.

Maestro Tetsur0 Ban als profunder, exzellent leitender Mann am Pult. Fotograph: Dietmar Biasio-Hurnaus/Lech Zürs Tourismus
Die Neugierde auf das nächste Jahr ist groß, wenn die Veranstalter hoffen, dass der neue – derzeit im Bau befindliche – Konzertsaal mit Dachterrasse und Alpenpanorama-Blick fertig sein wird und einer der berühmtesten Violinisten angesagt werden kann.
Susanne Lukas

